Ich habe es wirklich versucht. Jeden Morgen. Den von Anthony Williams, amerikanischer Superheld der Gesundheitsforschung und Prophet des ewigen Lebens, zum Heiligen Gral erklärten Jungbrunnen zu trinken: Selleriesaft. Ein Getränk, das nach Karton schmeckt, aber angeblich so ziemlich alles heilen soll. Hingebungsvoll frisch gepresst. Aus jungem Bio-Stangensellerie, der eben noch glücklich und frei auf einem glyphosatfreien Acker wuchs. Einmal trank ich nach einem halben Liter grünen Saft direkt und heimlich einen herrlichen Cappuccino (was natürlich verboten ist, Koffein steht unter Generalverdacht), mit einem kleinen Schwan im Milchschaum und selbstverständlich mit Kuhmilch. Übrigens, wenn mir irgendjemand noch ein einziges Mal einen Cappuccino mit Erbsenprotein oder Hirsemilch serviert, fange ich an zu schreien. Ich habe #ZeroTolerance für Milch, die nie eine Kuh gesehen hat.
Illustration: Daniel Egnéus
Während ich also dort sass, mit meinem verbotenen Cappuccino in der Hand, dachte ich über das Thema Genuss nach. Und über die himmlische Beschützerin des Genusses. Und vor allem darüber, warum und vor allem: Wann Genuss eigentlich so verdächtig geworden ist. Warum scheint es, als müssten wir uns ständig rechtfertigen, wenn wir etwas einfach nur schön finden und haben wollen? Warum muss alles immer optimiert, dosiert und logisch eingeteilt, light und fair sein? Ein gutes Essen etwa, wie zum Beispiel Pasta in der «Chesa Marchetta» am Tisch zwischen den gloriosen Werken von Emma Kunz und Louise Bourgeois, aber auch ein schönes, viel zu teures Kleid, ein Nachmittag in perfektem Licht mit einem Eisbecher der Gelateria «Tellhof» in Zürich ...
Dabei ist doch die Fähigkeit, Schönheit zu erkennen, möglicherweise viel älter als jede Form von judgement. Ich las jüngst eine unscheinbare Meldung aus der Verhaltensforschung: Haben Schimpansen einen Sinn für Schönheit? In einem Experiment legten Forschende gewöhnliche Steine und glitzernde Quarzkristalle aus. Erstere wurden von den Tieren ignoriert. Die Kristalle aber wurden genauestens untersucht. Ein Schimpanse nahm einen mit in seine Schlafhöhle – als Besitz, nicht als Werkzeug. Nur gegen Bananen liess er sich überreden, den Kristall wieder herzugeben. Die Szene wirkt erstaunlich vertraut. Wesen sammeln Dinge, die keinen praktischen Nutzen haben: Edelsteine, Kunstwerke, schöne Stoffe, Musik – Dinge, die keinen Hunger stillen und keinen Schutz vor der Grausamkeit des Lebens bieten und dennoch unverzichtbar erscheinen, einfach weil sie schön sind. Und die Seele nähren. Archäologen haben in prähistorischen Fundstätten immer wieder Kristalle und ungewöhnliche Steine entdeckt. Der Sinn für Schönheit wäre demnach nicht das Ergebnis einer hochentwickelten Kultur – eher eine Voraussetzung.
Die Astrologie kennt für dieses Prinzip seit Jahrtausenden einen Namen: Venus. Auch astronomisch ist die Venus ein aussergewöhnlicher Planet. Sie ist nach Sonne und Mond das hellste Objekt am Himmel und erscheint abwechselnd als Morgenstern vor Sonnenaufgang, mal als dunkler, unbewusster Abendstern nach Sonnenuntergang, dann wieder kurz vor Sonnenaufgang, dem hellsten Aspekt unseres Seins. Als wäre das noch nicht verrückt genug, tanzt Venus am Himmel im Lauf von acht Jahren eine nahezu perfekte geometrische Figur: einen fünfzackigen Stern. Für die Pythagoreer war dies Zeichen des Ausdrucks kosmischer Harmonie. In der mesopotamischen Welt war der Planet der Schönheit benannt nach Inanna oder Ishtar, der Göttin der Liebe und Fülle, der Fruchtbarkeit und der weiblichen Macht. Bei den Griechen wurde Inanna zu Aphrodite, geboren aus dem Schaum des Meers. Bei den Römern schliesslich zu Venus, der göttlichen Ahnenmutter ihres Volks. Zivilisation, kann man sagen, beginnt dort, wo Venus auftaucht.
Und irgendwie ist Venus Italienerin. Sandro Botticelli malte um 1485 «Die Geburt der Venus». Die Göttin, wie die Göttin sie schuf, steht auf einer Muschel, vom Wind verweht, zart zerzaust. Botticellis Bild erzählt von Liebe, Schönheit, Fruchtbarkeit – Themen, mit denen sich jede Epoche aufs Neue herumschlägt, ob mit oder ohne Hashtag #Selflove. Vielleicht erklärt das, warum seine Werke bis heute durch unsere Kultur wandern wie ein stilles Echo der Renaissance. Das Venus-Prinzip lebt in der Mode, in der Werbung, in der Popmusik und eben auch im Cappuccino. In einer italienischen Tourismuskampagne wurde Botticellis «Venus» 2023 zur virtuellen Influencerin. Sie spazierte digital über den Markusplatz, posierte vor der Basilika von Assisi und warb auf Social Media für die Schönheit Italiens. In ihrer Instagram-Biografie stand trocken: «Worldwide Renaissance icon and Italy lover.»
Apropos Venedig. 1920 kam Coco Chanel wahnsinnig traurig – und garantiert ohne Selleriesaft! – nach Venedig. Kurz zuvor war ihre grosse und einzige Liebe in diesem Leben, Boy Capel, an einem Autounfall gestorben. Und Venedig tat, was Venedig seit Jahrhunderten tut: Es verwandelte Schmerz in Schönheit. Chanel spazierte durch Kirchen und Palazzi, schaute byzantinische Mosaike, barocke Altäre und die goldenen Ornamente von San Marco an. Sterne, Löwen, Sonnen, goldene Ketten – Motive, die bis heute zum visuellen Universum von Chanel gehören. In ihrer Pariser Wohnung stellte sie später eine Statue der Venus auf.
In der Astrologie zeigt Venus uns, was wir schön finden, was wir begehren und was wir wertvoll nennen. Mit anderen Worten: Venus entscheidet, was uns wichtig ist. Ohne Sonne gäbe es kein Leben. Ohne Gravitation keine Planeten. Ohne Venus gäbe es keinen Glitzer. Der Mensch sammelt also nicht zufällig Kristalle. Er reagiert auf etwas, das älter ist als Moral und älter als jede Zivilisation: auf das Staunen darüber, dass die Welt nicht nur funktioniert – sondern auch funkelt.
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