Medellín
Und wieder einmal haben sich die Meinungsforscher grandios geirrt. Entgegen allen Prognosen hat der dezidiert rechts positionierte 47-jährige Anwalt Abelardo de la Espriella mit einem Stimmanteil von 43,7 Prozent die erste Runde der Präsidialwahlen in Kolumbien für sich entschieden. Der Favorit der Umfragen, Iván Cepeda, Kandidat der amtierenden linken Regierung von Gustavo Petro, schaffte lediglich 40,9 Prozent. Paloma Valencia, die Kandidatin des populären rechtskonservativen ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe (2002 bis 2010), landete mit 6,9 Prozent auf dem dritten Platz.
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Wenige Minuten nach der Bekanntgabe der Resultate gratulierten Uribe und Valencia ihrem rechten Konkurrenten und sagten ihm volle Unterstützung in der Stichwahl zu. De la Espriella hat damit den Sieg in der auf den 21. Juni terminierten Stichwahl zwar noch nicht auf sicher. Die im Wahlkampf weitgehend aufgeriebene politische Mitte will sich bezüglich des zweiten Wahlgangs noch nicht festlegen. Die Chancen auf einen Sieg der Rechten bleiben gleichwohl intakt. Anders als vor vier Jahren dürfte der Zwist zwischen Konservativen und Libertären diesmal den Linken kaum zugutekommen.
Abelardo de la Espriella definiert sich zwar nicht explizit als «Libertärer». Doch er lehnt sich stark an das Programm an, welches Javier Milei in Argentinien zum Erfolg verholfen hat: radikaler Abbau des Staates, der Bürokratie und der Staatsverschuldung, freie Marktwirtschaft statt Überregulierung und eine harte Hand im Kampf gegen das Verbrechen. In letzterem Punkt bezieht sich de la Espriella gerne auf Nayib Bukele, der El Salvador mit rabiaten Methoden in Rekordzeit vom gefährlichsten zu einem der sichersten Länder auf dem amerikanischen Kontinent umgebaut hat. Wie Milei und Bukele setzt auch de la Espriella auf eine enge Kooperation mit den USA und insbesondere mit der Regierung Trump.
Während Milei den Löwen zur Ikone seines Wahlkampfes gemacht hatte, ist es bei de la Espriella der Tiger. Seine Veranstaltungen sind im Stil von Rockkonzerten inszeniert und sprechen über die sozialen Medien vor allem eine junge Wählerschaft an. Die Linke setzt derweil auf den bewährten populistischen Stimmenkauf: Schaffung von neuen Staatsstellen, Erhöhung der Renten, ein voller lebenslanger Lohn für Lehrer, Polizisten und Gesundheitspersonal, Dialog mit den linksextremen Narco-Guerillas statt Repression. Der amtierende Präsident Gustavo Petro outete sich überdies als schlechter Demokrat und Verlierer, orakelte er doch von einem möglichen Wahlbetrug, ohne dafür irgendwelche konkreten Beweise zu liefern.
Den Kolumbianern steht eine hässliche zweite Wahlrunde bevor. Die Opponenten titulieren sich gegenseitig als Faschisten und Nazis beziehungsweise als Kommunisten und Terroristen. Allerdings hat Kolumbien eine für südamerikanische Verhältnisse lange demokratische Tradition und eine stabile Wirtschaft, die in einem grellen Kontrast steht zum Terror der Narco-Guerillas. Bislang gingen die Wahlen sehr geordnet über die Bühne, grössere Zwischenfälle wurden bis zur Stunde nicht vermeldet.
Das Wahlresultat entspricht einem Trend, der zurzeit in ganz Lateinamerika zu beobachten ist. In Peru steht am kommenden Wochenende die Stichwahl zwischen der rechten Keiko Fujimori und dem linken Roberto Sánchez an. Der grosse Showdown wird am 4. Oktober in Brasilien erwartet, wo Flávio Bolsonaro, der Sohn des inhaftierten Ex-Präsidenten, voraussichtlich gegen den amtierenden Sozialisten Lula da Silva antritt.