Brüssel will mit neuen Sanktionen gegen die russische Schattenflotte vorgehen, doch nach Einschätzung von Analysten und Politikern der Europäischen Union führen die Spuren der dafür genutzten Versicherungs- und Finanzstrukturen teilweise zurück nach Europa. Das berichtet Politico unter Berufung auf Experten aus der Schifffahrts- und Versicherungsbranche.
Belgische Verteidigung/EPA/Keystone
Im Zentrum steht die Frage, wie Russland trotz westlicher Sanktionen weiterhin grosse Mengen Öl auf den Weltmarkt bringen kann. Die Europäische Union arbeitet derzeit an einem 21. Sanktionspaket, das Unternehmen und Dienstleister ins Visier nehmen soll, die Moskaus Ölexporte ermöglichen. Nach Angaben des finnischen Europaabgeordneten Ville Niinistö könnten dabei jedoch auch Strukturen betroffen sein, die letztlich mit europäischen Finanzmärkten verbunden sind. Geldströme würden über Vermittler und alternative Versicherungsmodelle geleitet, sodass Risiken und Versicherungen teilweise wieder im westlichen Finanzsystem landeten.
Russland hat seit Beginn des Ukraine-Kriegs ein weit verzweigtes Netz aus Tankern, Dienstleistern und alternativen Versicherern aufgebaut. Die sogenannte Schattenflotte transportiert einen erheblichen Teil der russischen Rohölexporte ausserhalb der etablierten westlichen Kontrollmechanismen. «Wenn man sieht, wie Russland alternative Seeversicherungen für seine Schattenflotte aufgebaut hat und wie weit es gegangen ist, um den Öltransport aufrechtzuerhalten, ist das bemerkenswert», sagte Michelle Wiese Bockmann, leitende Analystin des Schifffahrtsdienstes Windward.
Experten gehen davon aus, dass die finanziellen Risiken dieses Systems teilweise über Rückversicherungen und andere Finanzprodukte indirekt wieder bei europäischen Marktteilnehmern landen. Ein Analyst des auf die Beobachtung der Schattenflotte spezialisierten Unternehmens Deft9 verwies auf die Dimension des Netzwerks: «Es gibt 1700 Schiffe, die ständig unterwegs sind, und sie brauchen jedes Mal Versicherungsschutz.» Die damit verbundenen Haftungsrisiken beliefen sich auf Milliardenbeträge.
Die Europäische Kommission bezeichnet die Bekämpfung von Sanktionsumgehungen als Priorität. Gleichzeitig würden die Strukturen immer komplexer. Befürworter schärferer Massnahmen argumentieren, dass Ölexporte weiterhin die wichtigste Einnahmequelle des Kremls zur Finanzierung des Kriegs gegen die Ukraine seien. Analysten warnen zudem vor steigenden Umweltrisiken, da viele Schiffe der Schattenflotte als veraltet gelten und ihre Eigentums- sowie Versicherungsverhältnisse oft undurchsichtig sind. Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union wollen die neuen Sanktionen noch im Juni beraten.