In den frühen Morgenstunden des 13. Juni hat die israelische Luftwaffe gezielt das Herzstück des iranischen Nuklearprogramms angegriffen: Nuklearanlagen, militärische Infrastrukturen, hochrangige Kommandeure sowie führende Nuklearwissenschaftler. Premierminister Benjamin Netanjahu gab der Offensive den Namen Operation «Rising Lion». Es war ein Signal an Teheran, aber auch an die Welt: Das iranische Regime wird nicht nur als Gefahr für Israel, sondern für die gesamte Region gesehen.
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Ein Sinnbild dieser Bedrohung steht auf dem sogenannten Palästina-Platz in Teheran: Eine digitale Uhr zählt dort die Jahre bis zur angeblichen und vom Regime erhofften «Auslöschung Israels». Was viele als zynischen Propagandagag abtun, ist für Israel eine offene Kriegserklärung. In Jerusalem, wo das iranische Atomprogramm seit Jahren als unmittelbare Gefahr wahrgenommen wird, versteht man diese Uhr als unmissverständliche Drohung, die nicht interpretationsbedürftig ist.
Die Besorgnis ist verständlich. Denn Teheran hat zuletzt beim Bau einer Atombombe messbare Fortschritte erzielt – nicht nur laut israelischen Quellen, sondern auch nach Einschätzung der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA). Der Iran verletze seine Verpflichtungen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen, erklärte die Behörde am Donnerstag – und verabschiedete erstmals seit zwanzig Jahren eine Resolution gegen das Land. Teheran reagierte trotzig: Man werde ein neues Anreicherungszentrum an einem sicheren Ort in Betrieb nehmen.
Die Uhr in Teheran tickt weiter.
Zeitgleich wurden die Aussichten auf ein neues Atomabkommen zwischen den USA und dem Iran immer trüber. US-Präsident Trump verlor die Geduld mit den Ayatollahs und äusserte sich zunehmend skeptisch über den Erfolg der für Sonntag angesetzten sechsten Verhandlungsrunde.
IAEA-Rüge, das Scheitern der Diplomatie, Irans nukleare Fortschritte: Für Netanjahu war das der Moment zum Handeln. Bereits 2012 vor der UN-Generalversammlung und 2015 im US-Kongress hatte er eindringlich vor der iranischen Bedrohung gewarnt. Nun erklärte er: Die Operation sei notwendig, um «die iranische Bedrohung für das Überleben Israels zurückzudrängen». Und sie werde «so lange andauern, wie es nötig ist, um diese Gefahr zu beseitigen». Denn weil Iran kurz davorstand, eine nukleare Schwelle zu überschreiten – etwa durch die Überschreitung eines Anreicherungsgrads –, wäre ein Militärschlag jetzt die letzte Option.
Dazu nutzte Israel ein «einzigartiges Zeitfenster»: Die regionalen Stellvertreter Irans – Hisbollah, Hamas, syrische Milizen – sind momentan deutlich geschwächt. Das Risiko einer massiven Gegenreaktion ist so gering wie selten zuvor. Parallel zu den Luftschlägen führte der Mossad waghalsige Operationen durch, um jetzt Irans Raketenabwehr- und Vergeltungskapazitäten gezielt zu untergraben.
Hatte Israel angesichts des drohenden iranischen Nukleardurchbruchs überhaupt eine andere Wahl als einen Angriff auf das iranische Atomprojekt? Die sogenannte Begin-Doktrin – feindliche Nuklearprogramme präventiv auszuschalten – wurde bereits 1981 im Irak und 2007 in Syrien angewandt. In beiden Fällen zerstörte Israels Luftwaffe Reaktoren, die dem Bau von Atomwaffen dienten.
Doch die Dimensionen im Iran sind ungleich grösser. Die iranischen Strategen haben gelernt: Ihre Nuklearanlagen sind dezentral verteilt und tief unterirdisch angelegt. Israels Militäroperation dürfte daher nicht an einem Tag beendet sein – sondern sich längere Zeit hinziehen.
Natürlich birgt das Risiken: Eskalation, ein regionaler Krieg, internationale Verurteilung, wirtschaftliche Turbulenzen. Doch aus Sicht vieler Israelis wiegt die Aussicht auf einen nuklear bewaffneten Iran ungleich schwerer. Das wäre eine existenzielle Bedrohung.
Theoretisch hätte Israel auf verdeckte Operationen, diplomatischen Druck oder internationale Institutionen wie die IAEA setzen können. Doch dieser Weg hätte bedeutet, das Risiko eines nuklear bewaffneten Iran zu akzeptieren – und damit eine gefährlich neue Realität im Nahen Osten. Eine Realität, die für Israel kaum tragbar wäre.
Wer daran zweifelt, möge einen Blick auf die Uhr im Zentrum Teherans werfen. Der Countdown bis zum Jahr 2040 läuft – für alle sichtbar.