Es kommt selten vor, dass der Tages-Anzeiger, Leibblatt des linksurbanen Mainstreams, einem Interview mit einem Bundesrat einen Artikel nachschiebt, in dem er die Reaktionen und Kommentare der Leser ausbreitet. Beim Gespräch mit Justizminister Beat Jans (SP), der wie kaum ein Regierungsmitglied zuvor Abstimmungskampf gegen die Nachhaltigkeitsinitiative («Keine 10-Millionen-Schweiz») bis hin zu Falschaussagen und Übertreibungen macht, war dies der Fall.
Anthony Anex/Keystone
Und die Ergebnisse der Auswertung der Lesermeinungen des Tages-Anzeigers sind erstaunlich. Und erstaunlich deutlich. Die Strategie des Bundesrats werde von «vielen Leserinnen und Lesern» als «reine Panikmache» wahrgenommen.
Während Jans vor einem «Brexit-Moment» warne, fokussiere sich die Debatte in den Kommentarspalten «primär auf das empfundene Versagen der Politik in der Migrationsfrage».
Ein «Grossteil der Leserschaft» werfe der Regierung vor, «die negativen Begleiterscheinungen der Zuwanderung über Jahre hinweg ignoriert zu haben».
Einer hält Jans entgegen: «Die Initiative ist nicht das Problem, sondern die Quittung für jahrelanges Politikversagen.» Ein anderer erinnert den Bundesrat daran: «Die Sorgen wegen Wohnungsknappheit, steigender Mieten, überlasteten Verkehrs und wachsenden Drucks auf die Infrastruktur sind real.»
Besonders kontrovers werde das Argument des Fachkräftemangels diskutiert, heisst es im Artikel weiter. Während der Bundesrat vor einem Kollaps im Gesundheitswesen warne, sähen «viele Leserinnen und Leser» die Ursachen tiefer. «Das Bevölkerungswachstum produziert genau den Fachkräftebedarf, den es vorgeblich lösen soll», sagt eine Stimme. «Die Initiative zwingt das Land zu einer überfälligen Effizienzsteigerung und zur Mobilisierung des inländischen Potenzials», schreibt eine weitere.
Jans’ Vergleich mit dem Brexit schliesslich werde von «vielen» als unzulässig zurückgewiesen. Ein Leser hält fest: «Der Brexit war ein chaotischer EU-Austritt ohne Plan.» Die Initiative hingegen biete einen präzisen demokratischen Auftrag, die Zuwanderung endlich wieder eigenständig zu steuern.
Vielleicht sollten die Bundesräte und Politiker mehr Leserkommentare lesen als Journalistenkommentare. Dann wären sie vermutlich näher bei der Realität.