Lima
27 Millionen wahlberechtigte Peruaner hatten am letzten Sonntag die Qual der Wahl: 35 Anwärter für das Amt des Präsidenten und ebenso viele Parteien für Senat und Kongress waren auf dem eng beschriebenen Wahlzettel im A3-Format aufgelistet. Wie derart viele Kandidaten ihre Namen in Anbetracht der theoretisch erheblichen Hürden auf die Liste gebracht haben, gehört zu den vielen Rätseln, die Zweifel an der Integrität der Wahlbehörden nähren.
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Vor allem in der Hauptstadt Lima verlief der Wahlsonntag an vielen Orten chaotisch. Zehntausende konnten wegen mangelnder Unterlagen nicht wählen oder harrten stundenlang vor den Wahllokalen aus. Der Verdacht steht im Raum, dass die Wahlbehörde die Metropole Lima, die traditionell rechts bis sehr rechts wählt, gezielt schwächen wollte. Am Mittwochabend waren erst gut 90 Prozent der Stimmen für das Präsidium ausgezählt (bei den Parlamenten gerade mal 40 Prozent).
Aller Unwägbarkeiten zum Trotz steht fest: Die rechtspopulistische Keiko Fujimori geht mit 17 Prozent der Stimmen mit einem Abstand von fünf Prozentpunkten als klare Siegerin aus der ersten Runde hervor. Mit je rund 12 Prozent folgen Rafael López Aliaga (rechtskonservativ) und Pedro Sánchez (orthodoxe Linke). Da Sánchez vor allem in den ländlichen Hochanden Stimmen machte, die zum Teil noch nicht ausgezählt sind, wird er voraussichtlich das Rennen um den zweiten Platz mit einem hauchdünnen Vorsprung für sich entscheiden.
Keiko Fujimori tritt bereits zum vierten Mal in der Stichwahl um das Präsidentenamt an. Die Tochter von Alberto Fujimori, der Peru von 1990 bis 2001 regierte, polarisiert das Land wie kein anderer Politiker in Peru. Alberto Fujimoris erfolgreicher Kampf gegen den Guerilla-Terror und die Liberalisierung der Wirtschaft erlösten Millionen von Peruanern aus Elend und Armut. Doch gegen Ende seiner zweiten Amtszeit entwickelte Fujimori totalitäre Tendenzen, seine Regentschaft endete abrupt mit einem Korruptionsskandal. Diese Ambivalenz wirkt bis heute nach.
Der Anti-Fujimori-Reflex war vor fünf Jahren entscheidend für den knappen Wahlsieg des bis dahin völlig unbekannten linksradikalen Dorfschullehrers Pedro Castillo gegen Keiko Fujimori. Doch das Umfeld hat sich geändert. Die Ära Castillo war geprägt von einem Ausmass an Korruption, Nepotismus und Inkompetenz, das in seiner Schamlosigkeit selbst für peruanische Verhältnisse jedes Mass des Erträglichen sprengte. Das Land befand sich während fünf Jahren in einer Dauerkrise, von der vor allem das organisierte Verbrechen profitierte.
Der aktuelle Wahlkampf drehte sich fast ausschliesslich um die Themen Sicherheit und Stabilität. Alle Kandidaten versprachen, mit harter Hand für Ordnung zu sorgen. Keiko Fujimori hat in diesem Bereich die besseren Karten. Während sie sich früher immer wieder von ihrem autoritären Vater distanziert hat, setzt sie nun voll auf dessen Legat. Auf dem linksradikalen Pedro Sánchez lastet dagegen die katastrophale Bilanz seines Genossen Pedro Castillo. Und selbst wenn Sánchez gewählt würde, würde ihn eine gemäss den bisherigen Auszählungen klare Mitte-rechts-Mehrheit im Parlament daran hindern, ein sozialistisches Programm umzusetzen.