«Gruetze mitenandt Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily, spezial Meilensteine der Schweizer Geschichte. Mein Name ist Roman Zeller und nehmen wir bereits jetzt schon Professor Christoph Mörgeli. Wir befinden uns in Stanz, in der Innerurschweiz, sozusagen. Lieber Christoph, warum sind wir heute hier? Was ist das Thema der heutigen Sendung?» «Gruetze mitenandt» In der Tat, wir sind auf dem Dorfplatz von Stanz, dem Hauptort des Hauptkantons Nidwalden. Hinter uns befindet sich ein Denkmal des vielleicht berühmtesten Nidwaldners, nämlich für Arnold von Winkelried. An den soll dieses Denkmal erinnern. Es stammt vom Bildhauer Ferdinand Schlöt, ein Basler. Der Vater war Deutscher, ist eingewandert. Er hat auch das Denkmal in Basel beim Bahnhof für die Strassburger Kinder errichtet, 1870-71, der Deutsch-Französische Krieg. Ein Erinnerungsdenkmal an jenes Ereignis. Hier aber geht es wirklich um das kapellenartige Denkmal dieses Ferdinand Schlöt von 1865. Und wir sehen in diesem neugotischen Gebilde den... Arnold von Winkelried, der die Speere in sich aufnimmt bei diesem Sempacherkrieg, auf den wir noch kommen. Vor ihm ein toter Krieger bereits liegend und hinter ihm mit dem Morgenstern dreinschlagend dann ein Eidgenosse, der sich in die Schlachthaufen der feindlichen Österreicher des Habsburger Heeres hineinschlagen kann. Wer war Arnold von Winkelried? Arnold von Winkelried ist eine Sagen-Um- wobene Gestalt, aber sie ist doch etwas besser urkundlich fassbar als etwa Wilhelm Tell. Er gehört aber auch zu den Gründungsmythen der Eidgenossenschaft mit diesem Schützen Tell natürlich, mit dem Rütlischwur, mit dem Burgenbruch der alten Eidgenossen. und Arnold von Winkelried ist der eigentliche Held der Schlacht von Sembach. 1386. Aber er ist wirklich ein Mythos, ein Stück weit. Man weiss nicht ganz genau, ob und wie es ihn gegeben hat, weil die zeitgenössischen Quellen ihn noch nicht erwähnen. Er wird dann erst einige Jahrzehnte später, ungefähr 100 Jahre später, sogar richtig bekannt als Name. Und darum ist man nicht so ganz sicher, ob ein Arnold von Winkelried die es zweifellos gegeben hat, sogar zwei davon, ob er an dieser Schlacht teilgenommen hat. Und was war an dieser Schlacht die Heldentat von Winkelried? Die Heldentat bei dieser Schlacht vom 9. Juli 1386 war tatsächlich, dass an diesem heissen Sommertag, als sich das österreichisch-habsburgische Heer schlug, Wahrscheinlich überraschend schlug durch eine Begegnung, die man nicht erwartet hat, mit den Eidgenossen. Es waren ungefähr 4'000 Mann in diesem habsburgischen Heer, darunter etwa 1'500 Ritter, also sehr viele Adlige. Und auf der anderen Seite die Eidgenossen, vielleicht 1'500 bis 2'000 Mann. Es war ein Auszug der achtörtigen Eidgenossenschaft damals, aber beteiligt an diesem Semper. war nur Luzerner, die Urner, die Schweizer, die Nid und die Obwaldner. Und an diesem heissen Tag wogte zuerst eigentlich das Schlachtenglück zugunsten der Habsburg-Österreicher. Also die Eidgenossen hatten irgendwie Probleme, in diese Speere einzudringen. Und dann soll gemäss dieser Sage, gemäss diesem Mythos, ein Arnold von Winkelried seine Ja. einmalige Heldentat vollbracht haben, indem er sagte, Eidgenossen, ich will euch eine Gasse machen, sorgt für mein Weib und meine Kinder, gedenket meines Geschlechts. So haben es die späteren Historiografen aufnotiert. Und er hat, indem er mit seiner gewaltigen Kraft, er war ein starker Mann, indem er einen ganzen Büschel von Speeren in sich vereinigte und mit diesen dann in den Tod ging, eine Gasse bahnen können, indem eben dann diese Speere nicht mehr zu verbringen war. standen im feindlichen Heer und die Eidgenossen hier in dieses Heer einringen und fürchterlich wüten konnten, sodass die Habsburger geschlagen wurden. Wie kam es überhaupt zu dieser Schlacht bei Sempach, Habsburg gegen die Eidgenossenschaft? Warum? Was ist da das grosse Ganze? Dieser Sempacher Krieg ist ein Teil der eidgenössischen Befreiungskriege. Wir kennen die Schlacht bei Morgart 1315. 1386 sind bereits andere Orte zur Eidgenossenschaft gestossen. Das sind namentlich Zürich, Bern und noch vorher Luzern. Diese Städte und Orte haben zusammen mit den Eidgenossen einen Territorialherrschaftsbereich errichten wollen. Das ist ihnen dann auch geglückt. Aber man musste da eben gegen die Ansprüche der Habsburger antreten. Man hat Kleinstädte ins Burgrecht aufgenommen, unter anderem eben auch Sembach. Und das wollten die Habsburger nicht hinnehmen. Die Habsburger hatten immer noch Freiburg unter ihrer Kontrolle. Durch diese Schlacht, die für sie verloren ging bei Sembach, haben sie dann eigentlich ihre Ansprüche im Westen aufgeben müssen. Sie sind dann ja vor allem im Osten. stark geworden und haben sich da zum Weltreich ausgebreitet. Also eigentlich eine Art Entscheidungsschlacht für die Eidgenossenschaft. Für die Territorialbildung der Eidgenossenschaft eindeutig eine Entscheidungsschlacht, auch eine historisch feststehende Schlacht. Es sind sehr, sehr viele Ritter doch da umgebracht worden, die vielen auf dem Schlachtfeld. Natürlich hatten auch die Eidgenossen ihre Opfer. Aber es war eine siegreiche Schlacht für die Eidgenossenschaft. dass auch eben dieser Arnold von Winkelried eine ganz entscheidende Rolle gespielt haben. Wer sonst noch? Gab es sonst Oberbefehlshaber, Personen, die herausstachen? Es war der Befehlshaber auf Habsburg-Österreichischer Seite, der Herzog Leopold III. Und auf der eidgenössischen Seite war es vor allem der Luzerner Bürgermeister Petermann von Gundolding, der auch gefallen ist in dieser Schlacht. Es gab andere Führer. die man kennt. Was jetzt Arnold von Winkelried betrifft, so gab es dieses Geschlecht tatsächlich hier in Nidwalden. Es war ein niederes Ministerial-Adelsgeschlecht von Winkelried und die sind urkundlich tatsächlich befestigt und nachweisbar. Es gibt einen Erne Winkelried in den Urkunden, es gibt sogar zwei und einer ist dann sogar Landamann geworden. im Jahr 1418 verstorben. Das könnte ein Sohn dieses Helden von Sembach gewesen sein. Ganz genau wissen wir es aber nicht. Wir wissen aber, dass diese Familie eigentlich zuerst etwas unter die Räder kam. Im Kampf der Grossbauern gegen die Kleinadligen haben die Grossbauern gewonnen. Aber die Winkelried konnten dann eigentlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts doch wieder aufsteigen, gehörten zur Nidwaldner. Führungsschicht und haben dann, wie gesagt, einen 14 oder 18 verstorbenen Landamann gestellt. Aber eine Beteiligung eines solchen von Winkelried an der Schlacht ist zeitgenössisch nicht festzustellen. Was bedeutet Winkelried für die Schweiz? Was würdest du dazu sagen? Winkelried ist dann eigentlich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts namentlich genannt worden. Vorher nennt man die Tat. eines grossen Krieges, beispielsweise in der Zürcher Chronik von 1476. Später dann ist dieser Winkelried genannt, zuerst nur mit dem Geschlechtsnamen und er wird dann zu einem Arnold von Winkelried in der Chronik des Egidius Judy von 1564. Und das ist eigentlich dann... der Beginn dieser Erzählung, dieser Heldenerzählung. Die war auch wichtig für die Nidwaldener, für ihr Selbstverständnis, für ihr selbstbewusstes Auftreten gegenüber den anderen in der schweizerischen Kantonen. Und man weiss, dass tatsächlich auch ein Winkelried gefallen ist, ein Heerführer, ein Söldnerführer aus Nidwalden in Oberitalien 1522. Vielleicht ist diese Sage, dieser Mythos, von Arnold von Winkelried auch eine Referenz an dieses Geschlecht, weil auch dieser Held da in den oberitalienischen Kriegen soll wirklich mannhaft gekämpft haben. Aber ganz genau wissen wir das. Nicht im 17., 18. und in den folgenden Jahrhunderten wird dann dieser Winkelried wirklich zum Mythos des schweizerischen Heldenmuts, der Männlichkeit, der Kraftentfaltung und dieses kriegerischen Bergvolks. Das haben wir vergessen. Was gibt es sonst noch über den Mythos Winkelried zu erzählen? Wir können natürlich jetzt das Jahr 1865 als... dieses Denkmal hinter uns eingeweiht wurde, noch etwas würdigend. Die Zeit ist nicht ganz einfach. Die Innerschweizer Orte haben den Sonderbundskrieg verloren gegen die liberalen Kantone des Mittellandes, meist reformiert. Hier war man katholisch, aber nicht nur. Es ging auch über die Grenzen hinaus. Es war ein Kampf zwischen den konservativen Kräften, meist katholisch-konservativen Kräften gegen... Die liberalen Kräfte, wo es aber auch durchaus liberale katholische Kantone gab, und 1847 haben das die Innerschweizer verloren. Und als man eben dieses Denkmal erbaute, war das doch ein Stück wiederum Einbezug in die eidgenössische Geschichte. Und die Vereinigung, die Versöhnung endet dann eigentlich im Jahr 1847. 1891 mit dem Jubiläum des Bundesbriefes, da hat man dann wirklich gemerkt, dass man eben auch diese Zentralschweiz wieder mitnehmen muss und in diesem neuen Bund der Eidgenossen ernst zu nehmen hat. Ich meine, dieses Denkmal hat auf diesem Weg doch einiges beigetragen und Winkelried ist eine Institution geblieben. Man hat dann auch immer noch gestritten. Heute natürlich, zum Beispiel in den 1970er Jahren, die kritischen Historiker haben gesagt, das ist reiner Mythos, das gab es nicht, das ist eine Märchenstunde. Währenddem vielleicht konservativere Historiker gesagt haben, ja, nein, Arnold von Winkelried ist eine chronikalisch festzustellende Grösse. Wir wissen nicht alles, aber wir wissen doch etwas und er ist nicht einfach wegzuwischen. Und schließlich möchte ich erinnern an die Die eidgenössische Winkelried-Stiftung wurde errichtet zur Unterstützung von kranken oder verunglückten Wehrmännern und deren Familien. Sie spielte eine gewisse Rolle, vor allem nach der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Was für eine Rolle spielt Winkelried für dich persönlich? Ich finde Winkelried ein interessanter Mythos. Die Mythen sind oft interessanter als die gestrigen Tageszeiten. und auch spannender zu lesen. Saftige Geschichten und die saftige Geschichtsschreibung, welche die Schweiz hat, ist wirklich etwas Faszinierendes und bleibt das auch. Und jene doch etwas allzu trockenen Kritiker, die da die nötige Fantasie nicht aufbringen für diesen Gründungsmythos, auch für diese Befreiungskriege, die tun mir manchmal etwas leid, weil es fehlt ihnen vielleicht doch etwas an Fantasie. Vielleicht auch etwas an Liebe zu unserem Vaterland. Und an Winkelried persönlich, was fasziniert dich da an diesem Mann? Er ist natürlich eine Kraftgestalt und dieser Gedanke der Aufopferung eines Einzelnen für das Ganze bleibt natürlich faszinierend. Das ist übrigens dann sogar zum Teil von den Nazis ein bisschen missbraucht worden. Auch da gab es da Winkelried-Aktionen. Das hat bis nach Deutschland ausgewirkt, dann allerdings für eine schlechte Sache. Das war ja hier nicht der Fall. Und es ist ein Faszinosum, dass sich jemand hingibt und das Beste, was er hat, nämlich sein Leben, wirklich aufopfert für alle, auch für die Zukunft seiner Familie. Und es ist dann auch der Anspruch und vielleicht der Aufruf zur Solidarität, nämlich sorgt für mein Weib und meine Kinder. dass die Gemeinschaft dann auch eine gewisse Aufgabe hat, für die Hinterbliebenen, die sonst eben arm dastehen und verhungern würden, aufzukommen. Lieber Christoph, ganz herzlichen Dank für diese Ausführungen. Ihnen danken wir ganz herzlich für die Aufmerksamkeit. Wir grüssen Sie aus Stanz bei strömendem Regen. Bis zum nächsten Mal bei Weltwoche Daily Spezial und vor allem bis zum nächsten Mal bei Meilenscheine der Schweizer Geschichte. Vielen herzlichen Dank. 2020