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Liebesbeziehung mit der Kamera

Der Bildband mit Marilyn Monroes besten Fotos ist sexistisch, ausbeuterisch, heteronormativ – und bezaubernd schön.
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Dieser Text erschien erstmals in der Weltwoche-Ausgabe vom 2. Oktober 2022.

Silver Marilyn: Marilyn Monroe und die Kamera. Fotografien 1945–1962. Schirmer/Mosel. 248 S., Fr. 45.90

Wie sie leuchtet, noch sechzig Jahre nach ihrem Tod. Und wie mit ihr eine verschollene Form von Weiblichkeit aufstrahlt, die ihren Geschlechtsgenossinnen nicht erst heute die Zornesadern schwellen lässt, denn sie ist leise und verletzlich, sie verführt und möchte beschützt werden! Wie altmodisch, wie frisch.

Liebesbeziehung mit der Kamera

Tatsächlich ist ihr Gesicht das einer Ikone, einer weltlichen. Wie eine solche wird sie mit immergleichem Antlitz gezeigt: halbgeöffnete Lippen, gesenkte Lider und ein Lächeln aus der Höhe ihrer Schönheit, ihrer weiblichen Verführungskraft.

Überdosis an Weiblichkeit und Verlangen

Dieses Porträt des Fotografen Frank Powolny verwendete Andy Warhol für seine Siebdruckserie – die Version «Shot Sage Blue Marilyn» wurde in diesem Jahr auf einer Aktion in New York für 195 Millionen Dollar ersteigert. Und sie ziert, in Chrom, den Bildband «Silver Marilyn», den der Schirmer/Mosel-Verlag nun erneut auflegt.

Als der Verlag 1989 zum ersten Mal «Silver Marilyn» herausbrachte, diesen Prachtband über das erotische Frauenidol der fünfziger Jahre, war die Welt eine andere: Sie war mit dem politischen Freiheitstaumel nach dem Fall der Mauer und der Auflösung des Ostblocks beschäftigt, und ein Bildband über Marilyn Monroe, diese Überdosis an Weiblichkeit und Verlangen, wurde noch nicht als Provokation wahrgenommen.

Das ist heute anders. «Silver Marilyn» mit seinen Fotos von Avedon bis Weegee und Bert Stern ist das politisch Inkorrekteste, was heutzutage in die Auslage geraten kann: sexistisch, ausbeuterisch, heteronormativ auf überwältigende Weise. Ja, beim Durchblättern dieses lange vergriffenen und nun neu aufgelegten Prachtbandes fühlt man sich an eine Zeile aus Harold Brodkeys Kurzgeschichte «Innocence» erinnert: «To see her in sunlight was to see Marxism die» – sie im Sonnenschein zu sehen, war wie den Marxismus sterben sehen.

Ihr Verführungsspiel fand seinen Gipfel in Billy Wilders «Some Like it Hot», wo sie als platinblonde Sängerin Sugar dem Hochstapler Joe (Tony Curtis) beweisen will, dass er nicht impotent ist – nur eine Pointe unter vielen weiteren. (Eine eher missratene lieferte Tony Curtis anschliessend, als ein Reporter wissen wollte, wie es war, Marilyn Monroe, das Sexsymbol des Jahrhunderts, zu küssen. Er antwortete: «Es war, als hätte ich Hitler geküsst.»)

Der Film, die beste Filmkomödie der Geschichte und Billy Wilders erfolgreichster Film, war gleichzeitig ihre Apotheose – seine Pointe ist, dass die naive Sugar Kane, ihr Film-Ich, hereingelegt wird und schliesslich doch gewinnt. O ja, es war nicht leicht für Billy Wilder: Mal erschien sie Stunden zu spät am Set, mal überhaupt nicht, sie erlitt Nervenzusammenbrüche, doch er hielt an ihr fest und sagte, sie sei wie eine Virtuosin, die nur einen einzigen Ton spielen kann – aber den so vollendet wie niemand sonst.

Ihr Leben, aus dem sie in einem wunderbar offenen, ungeschützten Interview mit Georges Belmont erzählt, wirkt, als sei sie aus dem rührseligsten Charles-Dickens-Roman in die Welt gestolpert. Eine Waise wie Little Nell aus «The Old Curiosity Shop», bei wechselnden Pflegeeltern und in Heimen aufgewachsen, schön und merkwürdig keusch und beflissen, sanft und hilflos. Jane Russell, ihre Filmpartnerin, erinnert sich daran, wie sie sagte: «Wenn man nicht anständig und freundlich zu mir ist, kann ich immer noch gehen. Ich kann mit sehr wenig auskommen. Das habe ich schliesslich vorher auch getan.»

Da waren zwei im Scheinwerferlicht, über denen das Schicksal bereits die Todesschwingen ausgebreitet hatte.

Ihr Vater starb vor ihrer Geburt, die Mutter war schizophren, sie war Komparsin zunächst und hungerte sich durch – bis sie dann hinaufkatapultiert wurde und diese siebzehn Jahre lange Leuchtspur zog am Sternenhimmel Hollywoods und durch die Träume des männlichen Publikums.

«Silver Marylin» zeigt die Entwicklung eines seiner selbst unsicheren Teenagers zum Weltstar in Bildern. Es ist David Conover, ein Armeefotograf, der von seinem Vorgesetzten, einem gewissen Ronald Reagan, den Auftrag erhält, junge, hübsche Frauen zu Werbezwecken in kriegswichtigen Produktionsbereichen zu fotografieren. Doch dann wird der ungarische Fotograf André de Dienes auf das fröhliche Mädchen mit dem umwerfenden Lachen und den kastanienbraunen Locken aufmerksam und liefert die ersten Serien mit ihr.

Er engagiert sie für hundert Dollar die Woche. Er fotografiert sie für die Werbung, sein Kollege Tom Kelley produziert freizügigere Sessions in seinem Keller auf einer roten Stoffbahn und bestückt einen Pin-up-Kalender mit den Aufnahmen. Sie rührt die Öffentlichkeit später damit, dass purer Hunger sie dazu getrieben habe. Kurz darauf schmückt eine davon, die barbusige Marilyn auf rotem Samt, das Cover des neugegründeten Playboy-Magazins. Und aus den rötlichen Haaren werden blonde und schliesslich platinweisse wie bei der von ihr verehrten Jean Harlow.

Den Fotos sind ausführliche Bildlegenden beigegeben, und in einer lesen wir eine sehr kluge und genaue Beschreibung des Phänomens Marilyn von Laurence Olivier, mit dem sie im Film «Der Prinz und die Tänzerin» spielte. «Sie hatte Angst vor dieser Arbeit, und obwohl sie unzweifelhaft Talent besass, glaube ich, dass sie in ihrem Unterbewusstsein einen heftigen Widerstand gegen das blosse Ausüben des Berufs einer Schauspielerin verspürte. Auf der anderen Seite war sie ganz geblendet von dem Mysterium als solchem und glücklich wie ein Kind, wenn sie fotografiert wurde. Das Geschäft, ein Star zu sein, beherrschte sie spielend, mit fast unheimlicher, aber offensichtlicher Leichtigkeit.»

Aufregendste Frau des Landes

Und diesen Flirt, diese Liebesbeziehung mit der Kamera, dokumentiert fast jede der hier präsentierten 152 Fotografien aus den Jahren 1945 bis 1962. Seien es die Szenen mit Groucho Marx oder die aus «Gentlemen Prefer Blondes» in dem Kleid aus Goldlamé, oder in jenem fast durchsichtigen, das sie als Sugar Kane trug, das in silbernen Tropfen ihre Körperrundungen herabrieselt.

Selbst auf Schnappschüssen ergreift es einen, wie jenem, auf dem sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln tupft, nachdem ihr Anwalt die Scheidung von Joe DiMaggio bekanntgegeben hat. Selbstverständlich auch der Auftritt mit der schneeweissen Chinchilla-Stola, als sie am 19. Mai 1962 im Madison Square Garden für Präsident John F. Kennedy «Happy Birthday» hauchte, mit grosser, ja geradezu enthüllender sexueller Anzüglichkeit – die beiden sollen ein Verhältnis gehabt haben. Kennedy bedankte sich mit den Worten: «Nach einem so lieblich und wohltuend gesungenen ‹Happy Birthday› kann ich mich getrost aus der Politik zurückziehen.»

Da waren zwei im Scheinwerferlicht, über denen das Schicksal bereits die Todesschwingen ausgebreitet hatte – Marilyn nahm sich drei Monate später mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben, der jugendliche Präsident wurde anderthalb Jahre später in Dallas erschossen.

Das Foto mit ihrem dritten Ehemann, Arthur Miller, zeigt ein Paar, das sich gefunden hat. Vor ihrem New Yorker Haus geben sie bekannt, dass sie heiraten wollen, die aufregendste Frau des Landes und dessen erfolgreichster Dramatiker. Marilyn, in züchtig langem schwarzem Rock und hochgeschlossener Bluse, lehnt sich an Miller wie an einen Baumstamm, entschlossen, nur noch brave Hausfrau zu sein und für ihren Mann zu kochen.

Bei einem Abendessen in kleiner Runde in Connecticut habe ich Arthur Miller kennengelernt, er kam gerade vom Holzhacken. Er dampfte förmlich vor Virilität, als er eintrat, er war unbestreitbar, noch hoch in seinen Achtzigern, «the all-American male». Er erzählte von seinen Proben des «Handlungsreisenden» in China, wir diskutierten Kommunismus und Kapitalismus, es war kurz nach dem Mauerfall, er war neugierig auf die Geschichte meiner Frau, die aus der DDR kam, er war ein Linker von der klugen Sorte . . . Und dann sprach er mit grosser Zärtlichkeit und noch grösserem Respekt von Marilyn, von ihren Bemühungen um Bildung, von ihrer Fantasie und ihrer Verletzlichkeit, schwärmte von ihrer Schönheit, von den Büchern, die sie las, er hielt sie für intelligenter als sie sich selber, aber das Zusammenleben sei zunehmend schwierig gewesen, womöglich spielte die schizophrene Erkrankung der Mutter eine Rolle.

Berühmt das Foto, das sie zwischen Obstbäumen bei der Lektüre von Joyces «Ulysses» zeigt, aus jenen Tagen ihrer Ehe mit Arthur Miller. Marilyn Monroe ist unsterblich, und sie wird bleiben in unseren Träumen.

Eine wie sie lässt die Gender-Ideolog*innen mit ihren Knacklauten wie eine zurückgebliebene Horde aus der Steinzeit wirken.

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