Dübendorf, 27. Mai
Der Kompass-Kongress, der am Mittwochabend in «The Hall» über die Bühne ging, versteht sich als Plattform für jene, die die europapolitische Debatte nicht bloss verfolgen, sondern mitgestalten wollen. Zu den Referenten zählten unter anderem der britische Oberhausabgeordnete und Brexit-Verhandlungsführer Lord David Frost, der Unternehmer Giorgio Behr, Co-Präsident von Autonomiesuisse, sowie der Kompass-Initiant und Partners-Group-Mitgründer Alfred Gantner. Auch Vertreterinnen aus der Wirtschaft wie Sara Hürlimann brachten ihre Perspektiven ein.
Der Anlass war gutbesucht; die Nachfrage war so gross, dass bereits eine Warteliste geführt wurde. Besondere Aufmerksamkeit zog der neue Schaffhauser FDP-Ständerat Severin Brüngger auf sich. Der Linienpilot widersprach der derzeitigen Parteilinie seines Freisinns deutlich. Während die FDP mit Nachdruck auf eine institutionelle Anbindung an die Europäische Union hinarbeitet, stellte sich Brüngger gegen die geplanten Verträge. Er plädierte stattdessen für das Ständemehr und positionierte sich damit als möglicher Hoffnungsträger für jene Kräfte innerhalb der Partei, die auf mehr Distanz zu Brüssel setzen.
Der Abend machte deutlich, wie zentral eine sachliche und dialogorientierte politische Kultur für die Schweiz bleibt.
Umso befremdlicher wirkte eine Störaktion: Eine Gruppe von Aktivisten stürmte die Bühne und beschimpfte Initiant Alfred Gantner in grober Weise. Der Vorfall unterbrach die Veranstaltung kurzzeitig und hinterliess einen schalen Nachgeschmack. Ein Sicherheitsmitarbeiter musste mit einer verletzten Schulter ins Spital gebracht werden.
Nach diesem Abend stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Zustand der politischen Debatte im Land. Wo Argumente durch Lautstärke ersetzt werden, gerät die Grundlage der direkten Demokratie ins Wanken. Der Kompass-Kongress wollte Orientierung in einer komplexen europapolitischen Lage bieten – und lieferte zugleich ein Beispiel dafür, wie dringend diese Orientierung geworden ist.
Die Schweiz steht vor grundlegenden Weichenstellungen: welche Form der Zusammenarbeit mit der Europäischen Union künftig angestrebt wird. Was es aber definitiv nicht braucht, ist Krawall.