Russland gerät nach Einschätzung des estnischen Auslandsgeheimdienstes im Ukraine-Krieg zunehmend unter Druck. «Ich höre kein Gerede mehr von einem totalen Sieg», sagte Estlands Geheimdienstchef Kaupo Rosin dem US-Sender CNN. Moskau verliere an der Front derzeit mehr Soldaten, als neue Kräfte nachrückten. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte Russland laut Rosin bereits in vier bis fünf Monaten nicht mehr aus einer Position der Stärke heraus verhandeln.
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Der Chef des estnischen Nachrichtendienstes zeichnet damit ein deutlich nüchterneres Bild der Lage des Kremls als noch vor einigen Monaten. Russland habe den Krieg anders geplant, erklärte Rosin. Auf dem Schlachtfeld laufe es «schlicht nicht gut». Zwar vermeide Präsident Wladimir Putin bislang eine neue Zwangsmobilisierung wie im Herbst 2022 und setze weiterhin auf Freiwillige. Doch für eine weitere Eskalation reiche das Personal nicht mehr aus. Ohne zusätzliche Mobilisierung fehle Russland langfristig die militärische Substanz.
Eine neue Einberufungswelle birgt nach Einschätzung der estnischen Dienste allerdings erhebliche politische Risiken für den Kreml. Männer fehlten nicht nur an der Front, sondern zunehmend auch in der Wirtschaft. Der gesellschaftliche Druck nehme von beiden Seiten zu. Moskau fürchte deshalb offenbar die innenpolitischen Folgen einer weiteren Mobilisierung.
Rosin verwies zudem auf die sozialen Folgen des Krieges innerhalb Russlands. Heimkehrende Soldaten brächten oft Gewalt, psychische Erkrankungen und Kriminalität mit zurück. Nach Angaben der Moskauer Justiz wurden 2023 insgesamt 113 aktive Militärangehörige wegen Mordes verurteilt – fast neunmal mehr als im Vorjahr. Das britische Verteidigungsministerium führt den starken Anstieg unter anderem auf Kriegstraumata und begnadigte Straftäter zurück, die nach Fronteinsätzen wieder in die Gesellschaft entlassen wurden.
Eine unmittelbare Destabilisierung des russischen Systems erwartet Rosin dennoch nicht. Autoritäre Systeme wirkten oft stabiler, als sie tatsächlich seien. «Manchmal sind solche Systeme innen sehr hohl», sagte der Geheimdienstchef. «Und wenn etwas passiert, dann passiert es sehr schnell.»