Der israelische Angriff auf iranische Nuklearanlagen und weitere Ziele kommt zu diesem Zeitpunkt überraschend. In der Aufmerksamkeitsökonomie der Weltpolitik löste die Terrorattacke der Hamas vom 7. Oktober 2024 und die darauffolgende Invasion des Gazastreifens durch Israels Armee vorübergehend den Ukraine-Krieg ab. Nun blickt die Welt erneut gebannt nach Nahost.
Der Iran hat schon in der Nacht auf Freitag schwere Vergeltung angekündigt. Die Region ist immer ein Pulverfass, auch in normalen Zeiten, die es dort eigentlich nicht gibt. Jetzt ist die Explosionsgefahr noch einmal markant gestiegen.
Was immer noch alles passieren oder nicht passieren wird, zwei Feststellungen kann man jetzt schon treffen.
Erstens: Israel kämpft seit seinem Entstehen ums Überleben. Die Drohungen, auch der Mullahs, haben nie aufgehört. Diese Existenzangst ist eine Tatsache, ebenso wie das Existenzrecht des jüdischen Staates, den es ohne den Holocaust am europäischen Judentum durch das nationalsozialistische Deutschland nicht gäbe.
Eine andere Frage ist, ob die Reaktion Israels – zuletzt in Gaza, jetzt gegen den Iran – verhältnismässig und zielführend ist. Das Ziel muss sein: eine friedliche Koexistenz. Heute wirkt das wie ein Fremdwort. Der Blutzoll ist enorm.
Zweitens: Die USA scheinen die Kontrolle über das Geschehen verloren zu haben. Als Donald Trump kürzlich in Saudi-Arabien eine grosse Rede hielt und die Vision eines Friedens in der Region und einer prosperierenden Zukunft durch Handel und wirtschaftlichen Austausch skizzierte, bot er ausdrücklich auch Teheran einen Deal an.
Wie es scheint, fährt ihm nun Israels Premier Benjamin Netanjahu in die Parade. Jedenfalls beschreitet er mit dem Schlag gegen das iranische Atomprogramm einen völlig anderen Weg, als ihn Trump anvisiert hat. Zwar drohte auch der US-Präsident damit, im Notfall durchzugreifen. Doch er verkündete glaubhaft, dem Revolutionsregime eine Chance für eine Verhandlungslösung zu geben.
Wenn nicht alles täuscht, handelt Israel nun weitgehend eigenmächtig. Die Folgen sind noch unabsehbar. Die USA könnten ihre Führungsrolle noch schneller verlieren, als es selbst Friedensfürst Trump, der die Weltpolizistenrolle zu Recht hinterfragt, lieb ist.