Campino, Sänger und Frontmann der deutschen Punkrock-Band «Die Toten Hosen», hat sich überraschend kritisch zum Begriff «Brandmauer» geäussert und für einen pragmatischeren Umgang mit politischen Differenzen geworben. Im Podcast «Hotel Matze» sagte der 63-Jährige: «Dieses Bild der Brandmauer, das hat auch schon seine Probleme. Das kann man nicht verallgemeinern.»
epa08047378 German band 'Die Toten Hosen' with frontman Campino performs during the 20th 1LIVE Krone radio award at Jahrhunderthalle in Bochum, Germany, 05 December 2019. The radio award 1LIVE Krone is given to the best national artists of the music industry. EPA/FRIEDEMANN VOGEL
Der Musiker, der seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Stimmen der politischen Linken in Deutschland zählt, plädierte für mehr Gelassenheit im Umgang mit Andersdenkenden. Als Beispiel verwies er auf den Alltag in ländlichen Regionen, wo Menschen trotz unterschiedlicher politischer Überzeugungen zusammenarbeiten müssten. «Du kannst dir es nicht leisten, zu sagen: Der da drüben wählt die AfD, ich quatsche nicht mehr mit dem», sagte Campino. Oft gehe es dort weniger um ideologische Auseinandersetzungen als um die praktische Organisation des Zusammenlebens.
Besonders enttäuscht zeigt sich der Musiker von der politischen Führung in Berlin. Ihr wirft er vor, die wirtschaftlichen Folgen des Krieges in Europa nicht offen genug anzusprechen und den Bürgern unangenehme Wahrheiten vorzuenthalten. «Sie reden einen Stuss zusammen, anstatt einmal die Wahrheit zu sagen, Leute, es gibt einen verdammten Krieg, der betrifft uns alle. Wir wissen nicht, wo das enden wird, aber eines ist klar: Hier tankt niemand mehr billig. Wir sind alle am Arsch.» Mehr Ehrlichkeit über die Kosten und Folgen des Konflikts würde nach seiner Ansicht das Verständnis in der Bevölkerung erhöhen.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte Campino scharf. «Ich empfinde manchmal echte Scham über die Dinge, die Merz da raushaut», sagte er. Merz habe mit Äusserungen gegenüber US-Präsident Donald Trump Europa «verraten», um sich dessen Wohlwollen zu sichern. Dieses Verhalten nehme er ihm «richtig übel».
Trotz seiner Kritik an der gegenwärtigen Politik verortet sich Campino weiterhin links. Gleichzeitig zweifelt er daran, dass die traditionellen Kategorien von links und rechts die politische Realität noch ausreichend beschreiben. «Ich bin auf jeden Fall links in den alten Grenzen, von der Bonner Republik», sagte er. Die FDP wiederum habe die Idee einer liberalen Mitte «wirklich versaut» und damit ihre heutige Bedeutungslosigkeit mitverursacht.
Bemerkenswert sind schliesslich auch seine Aussagen zur Rolle von Künstlern. Diese sollten nach seiner Ansicht nicht versuchen, ihr Publikum politisch zu belehren. «Niemand sollte, schon gar nicht als Musiker oder Künstler, seine Aufgabe darin sehen, Menschen zu missionieren», sagte Campino. Seine Aufgabe sei es vielmehr, Menschen zu versammeln und ihnen eine gute Zeit zu bereiten. Die Aussagen markieren einen ungewohnt versöhnlichen Ton eines Künstlers, der über Jahre zu den lautesten Gegnern der politischen Rechten in Deutschland gehörte.