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Hiroshima, Nagasaki und das Auswärtige Amt: Wenn Deutschlands Aussenminister Wadephul heute seinen «Premiumpartner» Japan besucht, werden seine Gastgeber sicher zu höflich sein, ihn auf einen Fauxpas anzusprechen, der seinesgleichen sucht

Wie gedenkt man pflichtgemäss der Hunderttausenden von Opfer der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki, ohne den Täter – schliesslich ein seit ebenfalls acht Jahrzehnten enger Verbündeter – zu erwähnen? Eine heikle Aufgabe, die der heute Japan besuchende deutsche Aussenminister Johann Wadephul vor anderthalb Wochen seinen Redenschreibern aber auch modisch als «Herausforderung» verkauft haben mag.

Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved
German Foreign Minister Johann Wadephul, left, and Japanese Prime Minister Shigeru Ishiba shake hands before their meeting at the prime minister's office in Tokyo, Japan, Monday, Aug
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Wie auch immer: Die Stellungnahme des Auswärtigen Amtes zu den achtzigsten Jahrestagen der atomaren Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki durch die Vereinigten Staaten hat es in sich. Sie ist ein Meisterwerk subliminaler Demagogie! – Gehen wir es Punkt für Punkt durch:

Hiroshima und Nagasaki dürfen sich nie wiederholen. Das Ausmass der Zerstörungskraft und das unsägliche Leid, das die Bombenabwürfe über so viele Menschen in beiden Städten gebracht haben, ist uns auch achtzig Jahre später Mahnung: Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen und darf niemals geführt werden.

Das «Nie wieder!», Standardmodul deutscher Erinnerungskultur, darf hier natürlich ebenso wenig fehlen wie die obligatorische «Mahnung» und das (möglichst abstrakte) «unsägliche Leid», das die «Bombenabwürfe» (ohne Täter) «über so viele Menschen» (über eine halbe Million Tote nach japanischen Angaben) «gebracht haben». Immerhin, den Satz, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und daher auch niemals geführt werden darf, kann man – im Gegensatz zu den erwähnten Abwürfen – in der Tat nicht oft genug wiederholen!

Die Verleihung des Friedensnobelpreises 2024 an die japanische Organisation Nihon Hidankyo setzt ein wichtiges Zeichen und ehrt die Erinnerungsarbeit der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki.

Diese Erwähnung – noch dazu durch den deutschen Aussenminister – setzt ihrerseits «ein wichtiges» (wenn auch unverbindliches) «Zeichen», wodurch sich die Überlebenden und Erinnerungsarbeit Betreibenden von Hiroshima und Nagasaki sicher ein weiteres Mal «geehrt» fühlen werden. Vielleicht werden Sie ja heute eine Abordnung nach Tokio senden und sich höflichst bei ihm bedanken!

Vor dem Hintergrund des Leids von Hiroshima und Nagasaki und der Sorge vor einer unkontrollierbaren Zahl von Nuklearwaffenstaaten entstand der nukleare Nichtverbreitungsvertrag. Gemeinsam mit Frankreich und Grossbritannien setzen wir uns konsequent für den Erhalt und die Stärkung des Nichtverbreitungsvertrags ein und engagieren uns mit Nachdruck dafür, dass Iran sich nicht nuklear bewaffnet und die Krise um das iranische Nuklearprogramm auf diplomatischem Weg gelöst wird.

Dieser prompt folgende kühne Switch in die Gegenwart ist atemberaubend. Das Auswärtige Amt (alias Johann Wadephul) schlägt hier sage und schreibe sieben ‹Fliegen mit einer Klappe›: Es drängt (1) «das Leid von Hiroshima und Nagasaki» en passant «in den Hintergrund» und dafür (2) sich selbst – durch den lobend erwähnten «konsequenten Einsatz für den Erhalt und die Stärkung des Nichtverbreitungsvertrags» – in den Vordergrund, blendet dabei (3) dessen Entkernung durch die parallel dazu praktizierte «nukleare Teilhabe» ebenso aus wie (4) die Nichtunterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrages und setzt dem Ganzen die Krone auf, indem es (5) nun den Iran als neuen Bösewicht präsentiert, implizit (6) die „Drecksarbeit“ befreundeter Staaten lobt sowie (7) diese zugleich negiert, indem es ausschliesslich auf den «diplomatischen Weg» fokussiert, auf dem «die Krise» angeblich «gelöst» werden soll. Das muss dem Auswärtigen Amt erst mal einer nachmachen! Aber die Klimax folgt erst:

Leider erleben wir auch, dass Staaten wie Russland die nukleare Ordnung als Grundpfeiler der globalen Sicherheit mit nuklearer Erpressung in Frage stellen.

Damit ist man endlich beim aktuellen Feind – der, wie hochoffiziell unlängst versichert, auch immer ein Feind bleiben wird – angelangt: Russland! Dass es die USA waren, die nahezu sämtliche Verträge zur nuklearen Abrüstung und Rüstungsbegrenzung wie den ABM-Vertrag (2001), den INF-Vertrag (2019) und den Open-Skies-Vertrag (2020) in den letzten Jahrzehnten kündigten – Fehlanzeige! Conclusio:

Um Frieden und Sicherheit zu sichern [nicht gerade eleganter Stil!; L. E.], müssen wir weiter unsere Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten stärken und uns zugleich entschieden für die internationale Ordnung einsetzen.

Und zu diesen weiter zu stärkenden «Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten» gehört selbstverständlich – wenn auch hier nicht explizit erwähnt – die glaubwürdige Abschreckung durch den Einsatz von Atomwaffen! (By the way: Dass die hier wieder mal rituell beschworene «internationale Ordnung» nur die, vom Westen wiederholt gebrochene, UN-Charta sein kann – Schwamm drüber!)

So schliesst sich der Kreis. Wadephuls Redenschreiber haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben die ihnen gestellte Aufgabe nicht nur erfüllt, sondern übererfüllt: Der Salto mortale vom pflichtgemässen Gedenken «des Leids so vieler Menschen» durch die (täterlosen) «Bombenabwürfe» (sprich: die Entschuldigung der Täter) führt über die explizite Präsentation (sprich: Beschuldigung) potenzieller künftiger Täter (Iran und Russland) zur Apologie der (auch nuklearen) Abschreckung!

Mit anderen Worten: Wadephuls Stellungnahme zum, wie es offiziell heisst, «80. Gedenktag der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki» – haben diese Städte die Bomben etwa auch noch selbst abgeworfen?! – erweist sich als unerwartetes Bravourstück einer ansonsten längst ad acta gelegten deutschen Diplomatie.

Man wird ihn heute in Tokio mit offenen Armen empfangen!

Dieser Text erschien zuerst auf der Onlineplattform Global Bridge.

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