In der internationalen Wahrnehmung gilt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seit Beginn der russischen Invasion als das unangefochtene Symbol des Widerstands. Doch in einem ausführlichen Gespräch mit dem US-Journalisten Tucker Carlson liefert Julija Mendel eine Darstellung, die dieses Bild in Frage stellt. Die 39-jährige ukrainische Journalistin und politische Beraterin, die von 2019 bis 2021 als offizielle Pressesprecherin in der Administration Selenskyjs tätig war, beschreibt eine tiefe Diskrepanz zwischen der öffentlichen Inszenierung des Präsidenten und den internen Abläufen im Kiewer Machtzentrum.
Dabei stellt Mendel klar: «Dieser Krieg ist nicht mehr schwarz-weiss. Wir sehen Putin als das Böse, aber Selenskyj ist auch ein Übel, nur ein verborgenes.» Selenskyj sei vor allem «nicht die Person, die man vor der Kamera sieht», sondern jemand, der ständig seine Masken wechsle und emotional kaum in der Lage sei, sich zu kontrollieren. Sie erinnert sich an einen Moment im Jahr 2019, als Selenskyj angesichts sinkender Umfragewerte von seinem Kommunikationsteam forderte, die Realität schlichtweg umzudeuten. «Ich brauche Goebbels-Propaganda», soll er laut Mendels Aussage wörtlich verlangt haben, mit der Begründung, dass eine Lüge zur Wahrheit werde, wenn nur genug «sprechende Köpfe» sie ständig wiederholten.
Dieser Wille zur totalen Kontrolle der Erzählung habe sich im Krieg noch verschärft. Selenskyj entsende heute politische Gegner an die Front und habe das Land in eine «Falle» verwandelt, in der die Meinungsfreiheit unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit erstickt werde. «Die Ukraine ist nicht bereit für die Demokratie» und «Diktatur ist Ordnung» seien Zitate, die Mendel ihrem ehemaligen Chef zuschreibt und die im krassen Widerspruch zu jenem Bild stehen, das Selenskyj auf den grossen Bühnen der Welt von sich und seinem Kampf zeichnet. Während er im Westen als Verteidiger demokratischer Werte gefeiert wird, beschreibt Mendel ein Regime, das eigene Bürger sanktioniert und Kritiker als «pro-russisch» brandmarkt, um sie zum Schweigen zu bringen.
Dass Selenskyj den Krieg nicht beende, habe für Mendel einen simplen Grund: Der Krieg sei seine Lebensversicherung und sein Weg zu historischem Ruhm. Sie wirft ihm vor, mindestens sieben Gelegenheiten für Friedensverhandlungen ungenutzt gelassen oder aktiv torpediert zu haben und dabei sein Image über das Schicksal der 25 Millionen Menschen zu stellen, die im Land verblieben sind.
Mendel endet mit einem Appell an den Westen, die Augen vor der Wahrheit nicht länger zu verschliessen. Die Unterstützung für Selenskyj dürfe nicht länger mit der Unterstützung für die Ukraine gleichgesetzt werden. Für Mendel ist die bittere Wahrheit, dass ihr ehemaliger Chef den Weg zum Frieden aktiv blockiert, während er das eigene Volk als Geisel seiner Ambitionen hält. In einem emotionalen Schlussmoment wendet sich Mendel auf Russisch direkt an Wladimir Putin und bittet ihn inständig, das Töten endlich zu beenden und den Weg für den Frieden freizumachen.