Der Blick meinte nach der Entlassung von Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer: «Was wäre passiert, wenn es zu einer Infektion gekommen wäre, die mit Fischer in Verbindung hätte gebracht werden können? Die Chinesen, von Covid mit Millionen Toten schwer gebeutelt, fuhren eine rigide Corona-Politik – und sie stehen nicht im Verdacht, bei Gesetzesverstössen mit sich diskutieren zu lassen. Spannungen auf diplomatischer Ebene wären garantiert gewesen – und könnten es auch jetzt noch sein. Es geht auch eine Kategorie harmloser: Wäre Fischer dann dafür verantwortlich gewesen, dass eine Reihe von Snowboard-Crossern, Buckelpistenfahrern und Eiskunstläuferinnen, die mit ihrem Sport kaum Geld verdienen, um ihren Karrierehöhepunkt gebracht worden wären? Der Teamgedanke, den Fischer zur Verteidigung seiner Urkundenfälschung vorbrachte, endet scheinbar ausserhalb des Hockeyteams.»
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Frage: Wenn in dieser Angelegenheit derzeit landauf, landab der «Rechtsstaat» bemüht wird — warum sollen da ausgerechnet mögliche diplomatische Spannungen mit einer Regierung, welche in ihrem Land bestenfalls rule by law, aber nicht rule of law praktiziert, als Argument angeführt werden?
Auch die NZZ liess sich herab. Wobei es hier ein gewisser Samuel Burgener war, der in die Tasten griff. Dieser pflegte in seiner Zeit beim Walliser Boten derart penetrant vom hohen Ross herab zu moralisieren, dass er von der Walliser Zeitung den Übernamen «Prediger» erhielt. Also meinte Burgener: «Fischer, der erfolgreichste Nationaltrainer in der Geschichte des Schweizer Eishockeys, hatte den so geheimnisvollen Teamgeist stets bemüht, er hatte sehr hohe Ansprüche an die Disziplin und das Commitment der Spieler und war teilweise extrem streng. Nur nicht mit sich selbst. Er stellte sein Ego über die Interessen des Teams, er wollte zwingend an den Olympischen Spielen coachen. Für die Karriere eines Trainers ist ein solches Turnier von grosser Bedeutung. Fischer hat in dieser Intention durch eine mögliche Ansteckung mit Corona die körperliche Integrität seiner Spieler gefährdet und einen schweren Reputationsschaden für die Olympia-Delegation und das Eishockey der Schweiz in Kauf genommen. Das ist unentschuldbar.»
Man sieht: Moralisieren kann der moderne Journalist, recherchieren jedoch nicht.
Ansteckung? Von Anfang Juli bis Ende 2021 war weltweit, in der Schweiz und in Europa die Delta-Variante des Coronavirus vorherrschend. Und vorherrschend bedeutet bei Viren: zu beinahe 100 Prozent vorherrschend. Das Coronavirus kennt, wie China faktisch, keine Mehrparteienherrschaft. (Felix Abt mag mich hier gerne korrigieren, dass China de jure eine Mehrparteienregierung hat.)
Bereits am 24. August 2021 schrieb die Weltgesundheitsorganisation WHO, welche bekanntlich nicht im Verdacht steht, dem Lager der Impfgegner nahezustehen, in ihrem 54. wöchentlichen Epidemie-Update: «Ähnliche Übertragungsrate zwischen geimpften und ungeimpften Personen» («Similar transmissibility between vaccinated and unvaccinated individuals»).
Es ist richtig, dass Patrick Fischer dem Team schweren Schaden zugefügt hätte, wenn er erwischt worden wäre.
Es ist richtig, dass es eine Schweinerei gewesen wäre, wenn er andere Sportler um ihren Olympiatraum gebracht hätte, wenn er als Ungeimpfter die Verbreitung des Coronavirus befördert hätte.
Bloss: Die Gefahr, dass er wegen seines Impfstatus als Ungeimpfter jemanden ansteckte, existierte schlicht und einfach nicht, wie selbst die Weltgesundheitsorganisation frühzeitig feststellte.
Das theoretisch valable Argument, dass Fischer durch eine Ansteckung andere Sportler um ihren Olympiatraum hätte bringen können, prallt an den Fakten der Realität ab.
Doch um Fakten schert sich der Journalist eben selten, wenn er ins Moralisieren kommt.
Eine Bemerkung zur Omikron-Variante des Coronavirus: Es ist richtig, dass die Omikron-Variante des Coronavirus zwischen Jahresende und Beginn der Olympischen Spiele die Weltherrschaft im Coronavirus-Universum übernahm.
Es ist ebenfalls richtig, dass damals nicht mit Sicherheit der Schluss gezogen werden konnte, dass die Aussage der WHO bezüglich der Delta-Variante auch bezüglich der Omikron-Variante Gültigkeit hat (obwohl dies später evident werden sollte).
Genauso gut wie es der Fall hätte sein können, dass die Impfung die Übertragung der Omikron-Variante verhindert, hätte auch der Fall sein können, dass die Impfung gar nicht gegen die Omikron-Variante schützt.
Hier stellt sich jedoch eine ganz andere ethische Frage: Darf man von Menschen verlangen, dass sie sich quasi auf Vorrat gegen ein Virus impfen lassen, bevor man weiss, ob die Impfung überhaupt sinnvoll und zweckmässig ist?
Wie dem auch sei: Solange Journalisten nicht wissen, ob eine Impfung die Übertragung eines Virus verhindert, oder sich diesbezüglich auf gültige Quellen berufen können, geht es nicht an, einfach zu behaupten, dass Ungeimpfte das Virus verbreiten würden.
Selbstdeklaration: Der Verfasser des Beitrags ist dreifach geimpft (obwohl das eigentlich nichts zur Sache tut) und trägt im ÖV gerne eine FFP2-Maske. Was bei der Luft im ÖV aber auch kaum zu verwundern vermag.
Dieser Text erschien zuerst auf dem Onlineportal Zackbum.