Das jüngste Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping in Peking führt uns direkt vor Augen, worum es in der internationalen Politik im Kern geht: um Macht, Interessen und das mühsame, aber unerlässliche Handwerk der Diplomatie. In einer Phase, in der die globalen Spannungen spürbar zunehmen, warnt Xi Jinping eindringlich vor einer Entgleisung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen und bemüht dabei einen Begriff, der in den westlichen Staatskanzleien von Berlin über Wien bis Bern leider viel zu selten verstanden wird: das Thukydides-Moment, heute besser bekannt als die Thukydides-Falle.
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Dieser Begriff geht auf den antiken griechischen Geschichtsschreiber Thukydides zurück, den Urvater der politischen Realpolitik. Er analysierte im fünften Jahrhundert vor Christus den Peloponnesischen Krieg, der die damalige griechische Welt über Jahrzehnte hinweg in den Ruin trieb. Die strukturelle Ursache dieses verheerenden Konflikts lag im unausweichlichen Aufeinanderprallen zweier Mächte: auf der einen Seite die etablierte Hegemonialmacht Athen, eine dominante Seemacht, die relativ an Einfluss verlor – auf der anderen Seite das aufstrebende Sparta, eine mächtige Landmacht, deren Aufstieg bei den Athenern tiefe Verlustängste auslöste. Die Thukydides-Falle beschreibt genau diese strukturelle Konstellation, in der das psychologische und machtpolitische Spannungsverhältnis zwischen einer schwindenden Vormacht und einem aufstrebenden Herausforderer fast zwangsläufig in einen Krieg mündet, weil beide Seiten die Absichten der anderen missverstehen.
Überträgt man dieses geschichtsphilosophische Modell auf die Gegenwart, so verkörpern die Vereinigten Staaten das moderne Athen und China das aufstrebende Sparta. Dass Xi Jinping diese historische Parallele zieht, zeigt ein tiefes Bewusstsein für die Mechanismen der Weltgeschichte, das man bei vielen heutigen EU- oder Schweizer Politikern schmerzlich vermisst. Der zentrale Funke, der diese Fallkonstellation heute zur Explosion bringen könnte, ist die Taiwan-Frage. Peking stellt unmissverständlich klar, dass Taiwan zur eigenen Interessensphäre gehört und jeder westliche Versuch, eine Abspaltung der Insel zu unterstützen, einen unmissverständlichen Kriegsgrund darstellt. Dies entspricht der klassischen Logik von Einflusssphären, wie sie die Amerikaner selbst seit Jahrhunderten mit ihrer Monroe-Doktrin im eigenen Hinterhof einfordern.
In dieser hochexplosiven Gemengelage erweist sich Donald Trump – entgegen den Rufen seiner Kritiker, die ihn oft fälschlicherweise als reinen Isolationisten abstempeln – als pragmatischer Realpolitiker im besten Sinne. Er beherrscht das klassische Spiel von Zuckerbrot und Peitsche, lässt seinen persönlichen Charme spielen, sucht den Dialog auf Augenhöhe und nennt Xi Jinping dennoch einen Freund. Trotz seiner unbestreitbaren Eitelkeit und dem Drang, stets im Rampenlicht zu stehen, besitzt Trump die entscheidende Fähigkeit, in zugespitzten Situationen die Kanäle offen zu halten. Dass Washington heute wieder direkt mit Moskau und Peking spricht, ist das Verdienst dieses pragmatischen Ansatzes. In einer multipolaren Welt, die sich gerade schmerzhaft neu ordnet, ist die Rückkehr zu einer nüchternen, interessengeleiteten Diplomatie das einzige wirksame Mittel, um den grossen globalen Zusammenstoss zu verhindern.