Der Mann, um den es geht, starb an einem kalten Januarmorgen 1995 in Zürich. Er war 87, herzkrank, auf dem Weg in die Vereinigten Staaten zu einer Operation, als ihn kurz nach der Landung in Kloten der Infarkt niederwarf. Ein Helikopter brachte ihn ins Spital. Dort starb er. Ein leiser Tod, fern der Heimat. Ein Tod, der fast niemandem auffiel. Und doch war der Tote, dessen Leichnam wenige Tage später unter strenger Bewachung nach Teheran zurückgeflogen wurde, der erste Premierminister der Islamischen Republik Iran. Ein frommer Muslim. Ein Absolvent der Pariser École centrale. Ein Thermodynamiker, der das 20. Jahrhundert besser verstanden hatte als die meisten Theologen seiner Zeit. Sein Name: Mehdi Bazargan.
Wer heute in den Tagesnachrichten über den Iran liest, sieht Bilder, die Bazargan schon immer kannte. Frauen, die Kopftücher verbrennen. Jugendliche, die gegen die Sittenpolizei auf die Strasse gehen. Mullahs, die verurteilen, hängen, mahnen. Eine Gesellschaft, die ihrer Regierung entwachsen ist, aber nicht loskommt. Die Islamische Republik ist ein alterndes Regime in einem jungen Land. Bazargan hätte das prophezeit. Er hat es prophezeit, und zwar präzise. Wer sein Werk liest, erkennt: Alles, was der Iran heute erleidet, war vorhersehbar – nicht trotz, sondern wegen der Art, wie die Revolution von 1979 gekapert wurde.
Fangen wir weiter vorn an.
Mehdi Bazargan kommt am 1. September 1907 in Teheran zur Welt, als Sohn eines Basarhändlers aus Täbris. Der Name verrät es. Basari sind in Persien mehr als Kaufleute; sie sind die alte, unabhängige, religiös verankerte Mittelschicht, die über Jahrhunderte das Rückgrat des Landes bildete – und oft genug die Widerstandskraft gegen die Herrschenden. Aus diesem Milieu stammt Bazargan. Er wird mit Koran und Rechenbrett gleichzeitig gross.
Als in den zwanziger Jahren Reza Schah Pahlavi in Teheran an die Macht kommt und den Iran nach dem Vorbild Atatürks zu modernisieren beginnt, gehört der junge Bazargan zu den Begünstigten. Der Schah schickt eine Handvoll der Begabtesten nach Europa. Bazargan kommt 1928 nach Paris, mit 21. Er studiert an der École centrale des arts et manufactures. Er lernt die Thermodynamik, die Zahnräder, die Dampfkessel des Westens. Aber er lernt mehr als das. Er lernt, dass die Freiheit der Franzosen älter ist als ihre Fabriken. Dass die Kathedralen vor den Werkstätten standen. Und dass die Technik zwar ein wichtiges Werkzeug ist, aber den Menschen voraussetzt, der sie bändigt und bedient.
Hier liegt der erste grosse Unterschied zwischen Bazargan und seinem älteren Nachbarn aus Ankara. Atatürk sagt: Reisst die Moscheen auf, legt den Frauen den Schleier ab, setzt den Mufti unter staatliche Aufsicht. Religion ist Privatsache, Staat ist Maschine. Bazargan dagegen kommt aus Europa zurück mit einer anderen Lehre. Er ist nicht weniger modern, aber er bleibt religiös und ist weniger autoritär. Die Modernisierung, die er vor Augen hat, kommt nicht aus Ankara und nicht aus Teheran, sondern aus der Fähigkeit eines Volkes, seine eigene Tradition aufzuklären, statt sie zu verbrennen. Der Islam, wird er später schreiben, sei ein Partner der Freiheit, nicht ihr Gefängniswärter – vorausgesetzt, man nimmt ihn theologisch ernst und nicht politisch fanatisch. Es ist die leisere, tiefere, anstrengendere Antwort auf dieselbe Frage, die Atatürk mit der Axt beantwortet hat.
Zurück im Iran wird Bazargan Professor an der Teheraner Universität, erster Dekan der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät, später Verwalter der neu verstaatlichten iranischen Ölgesellschaft unter Premierminister Mohammad Mossadegh. Das ist die Zeit, in der der Iran wagt, was einem armen Land gewöhnlich nicht gestattet wird: die Kontrolle über seine eigenen Rohstoffe. 1953 stürzen CIA und MI6 Mossadegh, der Schah kehrt aus Rom zurück, die Freiheit ist für dreissig Jahre suspendiert. Bazargan verliert seine Ämter. Er wird Oppositioneller und mehrfach verhaftet. Er wird, wie so viele Iraner seiner Generation, zum Chronisten einer Demütigung, die das Land nie mehr vergisst.
1961 gründet er gemeinsam mit dem Ajatollah Mahmud Taleghani und dem Biologen Yadollah Sahabi die Nehzat-e Azadi – die «Iranische Freiheitsbewegung». Der Name ist Programm. Sie wollen weder den Schah noch das orthodoxe Mullah-Establishment. Sie wollen einen Iran, der muslimisch ist, weil er muslimisch sein will. Und der demokratisch ist, weil er sich selbst regieren will. Die Bewegung bleibt klein. Aber sie denkt gross.
Und dann kommt er, der Rivale.
Ruhollah Chomeini aus dem irakischen Nadschaf und schliesslich aus Neauphle-le-Château bei Paris predigt den Sturz des Schahs. Bazargan sucht seine Nähe. Er glaubt, mit diesem alten Mullah einen Verbündeten gegen das Pfauenthron-Regime gefunden zu haben. Er überhört, was Chomeini längst angekündigt hatte: die «Herrschaft der Rechtsgelehrten», Wilayat al-faqih, die Theorie, wonach die Geistlichkeit an die Stelle des abwesenden Imams tritt und so lange regiert, bis dieser zurückkehrt. Das ist keine Theologie. Das ist Staatslehre. Und zwar eine totalitäre.
Allerdings verläuft das erste Treffen der beiden in Chomeinis Exil nicht nach Wunsch. Bazargan glaubt, irritiert, einem «Schah mit Turban» gegenüberzusitzen. Chomeini wiederum empfindet seinen Besucher als derart eigenwillig, dass er eine zweite Unterredung verweigert. Doch der schiitische Revolutionär, ein Social-Media-Avantgardist, der seine Botschaften mit Kassettenbändern in die Heimat verschickt, sieht in Bazargan, diesem Mahatma Gandhi Persiens, einen politischen Trumpf, eine Brücke gewissermassen zu den nationalen und liberalen Kräften des iranischen Widerstands.

Mehdi Bazargan, newly named Prime Minister of a provisional government in Iran, right, speaks with the Ayatollah Khomeini in Tehran, Feb. 5, 1979. Bazargan said he would begin forming his new government as soon as possible. (KEYSTONE/AP Photo/Str)
Im Februar 1979 ernennt Chomeini den vertrauenswürdigen, international respektablen Bazargan zum ersten Premierminister der Republik. Es ist ein Täuschungsmanöver, das sich bald entlarvt. Bazargan regiert neun Monate – die langsamsten und frustrierendsten seines Lebens. Neben seiner Regierung baut Chomeini Revolutionskomitees, Revolutionsgerichte, Revolutionswächter auf: einen Parallelstaat, der das Regieren unmöglich macht. Als am 4. November 1979 Studenten die amerikanische Botschaft stürmen, über sechzig amerikanische Diplomaten als Geiseln nehmen und Chomeini sie nicht nur deckt, sondern feiert, reicht Bazargan zwei Tage später den Rücktritt ein. Still. Würdevoll. Ohne Lärm.
Von da an wird er der grosse innere Kritiker der Republik, die er mitbegründet hatte. 1980 zieht er ins Parlament ein, als einer der wenigen mit hörbarer Stimme. Er prangert die Massenerschiessungen an. Er warnt vor dem Krieg gegen den Irak, den Chomeini als «Segen» bezeichnet. Er schreibt Bücher, Briefe, Memoranden. Er zeigt auf, was in der Verfassung steht – und was täglich gebrochen wird. Die Staatsdoktrin der «Islamischen Republik», die einen einzelnen Geistlichen in den Rang eines absoluten Herrschers rückt, bezeichnet er als Despotie, als eine Tyrannei mit «pharaonischem Personenkult».
Er wird mit Schmähungen überzogen, aber nicht verhaftet; selbst Chomeini wagt nicht, den ersten Premier der Revolution hinter Gitter zu bringen. Aber dessen Sohn sollen die Gefängniswärter gesagt haben: «Wir quälen dich so lange, bis dein Vater vor Kummer stirbt.» Bazargan stirbt, viel später, in Zürich, auf dem Weg zu der Operation, die sein Herz retten sollte.
Eines seiner Bücher ist auf Deutsch erschienen. 2006, elf Jahre nach seinem Tod, im Münchner Verlag C. H. Beck, unter dem Titel «Und Jesus ist sein Prophet. Der Koran und die Christen», mit einer Einleitung von Navid Kermani. Wer wissen will, was ein gläubiger Muslim sein kann, der auf Christentum und Judentum nicht mit der Faust, sondern mit dem Denken reagiert, lese diese gut hundert Seiten. Bazargan argumentiert darin, dass der Koran das Christentum als legitime Schwesterreligion behandelt, Jesus als Propheten und Boten Gottes anerkennt und die Feindschaft zwischen den Buchreligionen keine koranische, sondern eine politische Erfindung ist. Das ist keine Anbiederung, das ist für ihn exakte Auslegung. Kermani, selbst ein Gläubiger der nachdenklichen Sorte, ordnet Bazargan in die kleine Reihe der wahrhaft Aufgeklärten im muslimischen Denken des 20. Jahrhunderts ein.
Bazargan hat sich zeitlebens bemüht, Religion und Moderne zu vermitteln, Islam und Liberalismus. Die koranische Tugend der Barmherzigkeit stand für ihn im Vordergrund und bewahrte ihn, schreibt Kermani, vor jeglichem Dogmatismus. Anders als Chomeini, der den Westen als Todfeind der Muslime brandmarkte, setzte sich Bazargan, auch als Premierminister, für eine Verständigung mit den USA ein. Demokratie und Menschenrechte deutete er islamisch. Chomeini und dessen Getreuen warf er eine falsche Koran-Exegese vor. Die Heilige Schrift legitimiere nicht grundsätzlich Gewalt gegen Ungläubige, sondern nur dann, wenn diese den Frieden schon gebrochen hätten. Man kann die Texte dieses mutigen Gelehrten und Politikers, der seine Gesprächspartner mit Höflichkeit und Bescheidenheit beeindruckte, einerseits als Absage an die Unausweichlichkeit eines «Clash of Civilizations» lesen. Zum andern sind sie eine eindringliche Warnung vor der Schreckensherrschaft des Chomeini-Regimes. Er glaubte, dass ein Staat, der aus Angst regiert, kein islamischer Staat ist, sondern eine Theokratie, die ihren Gott als Alibi missbraucht.
Hätte Bazargan gewonnen, wäre der Iran heute ein anderes Land. Nicht säkular nach türkischem Muster, nicht westlich nach amerikanischem Wunsch. Aber konstitutionell, offen, debattierfreudig, technologisch führend. Eine Islamische Republik, in der das Adjektiv sich dem Substantiv unterordnet – und nicht umgekehrt. Ein Iran, der seinen Platz zwischen Europa und Asien eingenommen hätte wie eine erwachsene Nation. Keine Sittenpolizei in den Strassen, keine Atombombe im Felsenbunker, kein Brandstifter in Beirut und Sanaa.
Und die Freiheitsbewegung, die er gegründet hatte? Sie lebt. Verboten, schikaniert, aber nicht ausgelöscht. Ihre Mitglieder sitzen in Teheran und Paris, in Köln und Toronto. Sie sind alt geworden. Ihre Kinder und Enkel gehen auf die Strasse unter dem Banner «Zan, Zendegi, Azadi» – Frau, Leben, Freiheit. Die Losung ist jünger, der Impuls ist älter. Der Gedanke, dass ein Iraner auch dann Iraner bleibt, wenn er seinem Mullah widerspricht, ist Bazargans Erbe. Nicht der einzige Weg, gegen die Islamische Republik zu denken, aber einer der ältesten, klügsten, tragfähigsten.
Mehdi Bazargan war ein frommer Muslim, der nicht an einen Gottesstaat glaubte, weil er an Gott glaubte. Ein Demokrat, der sich nicht nach dem Westen sehnte, sondern Freiheit und Rechtsstaatlichkeit im Iran angelegt sah, ohne Zwang, ohne Inquisition. Er war dafür, dass Frauen aus religiösem Gebot ein Kopftuch tragen, aber sobald Chomeini die Verschleierung befahl, wandte sich Bazargan dagegen, denn der Zwang sei «hundertmal schlimmer, als wenn eine Frau unverschleiert auf die Strassen tritt». Bazargan war ein Patriot, der für einen freien, islamischen Iran kämpfte, ohne aus dem Westen ferngesteuerte Marionettenregierungen, aber auch ohne die aus seiner Sicht gotteslästerliche Anmassung einer Priesterherrschaft im Namen des Glaubens. Die Welt hat ihn vergessen. Die Iraner werden sich an ihn erinnern müssen, wenn sie einmal wieder frei sein wollen.
Mehdi Bazargan: Und Jesus ist sein Prophet. Der Koran und die Christen. Mit einer Einleitung von Navid Kermani. C. H. Beck. 2006. 108 Seiten.