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Spritzfahrt in den Schwarzwald

Ein Saugmotor mit zwölf Zylindern, eine muskulöse Form und ein nicht alltägliches Erlebnis: Im Ferrari Purosangue über die deutsche Grenze – und zurück.
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Spritzfahrt in den Schwarzwald
Spritzfahrt in den Schwarzwald
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Wir lehnen uns gleich zu Beginn mal weit zum Seitenfenster hinaus und starten mit einer steilen Behauptung: Der Purosangue ist der zurzeit schönste Ferrari. Auch wenn das SUV mit den hinten angeschlagenen Portaltüren und einem Namen, der so leidenschaftlich klingt wie eine Oper von Rossini, durchaus polarisiert, ist den Designern hier ein Meisterstück gelungen. Kaum je in der langen Geschichte des Automobils hat ein Fahrzeug mit erhöhter Bodenfreiheit, Allradantrieb und (relativ) hohem praktischen Nutzen so gut ausgesehen wie im Fall des Ferrari Purosangue (italienisch für «Vollblut»).

© Digitale Massarbeit
Ferrari Purosangue auf kurviger Strasse im Schwarzwald (Symbolbild)
© Digitale Massarbeit

Wir sind unterwegs auf der Autobahn A2 Richtung Basel, dann biegen wir nordwärts ab Richtung Baden-Württemberg. Die einsamen kurvigen Strassen des Schwarzwalds sind unser Tagesziel. Wir wollen er-fahren, ob sich das erste SUV von Ferrari so gut fährt, wie es – unserer Meinung nach – aussieht. Das Wort «SUV» sollte man im Beisein von Mitarbeitern der Firma mit dem springenden Pferd auf gelbem Grund übrigens vermeiden; bei Ferrari spricht man vom «ersten viertürigen Viersitzer». Der Purosangue hat neben den bereits erwähnten Eigenheiten noch eine weitere aussergewöhnliche Eigenschaft: Er gehört zu einer stetig kleiner werdenden, vom Aussterben bedrohten Gruppe von Automobilen, die von einem frei saugenden V12-Zylinder-Aggregat angetrieben werden – gewissermassen ein gallisches Dorf des Motorenbaus.

In dieser Königsdisziplin der Ingenieurskunst ist es einsam geworden. Zwölf-Zylinder-Motoren gibt es noch bei Aston Martin, Rolls-Royce oder bei den Exoten von Gordon Murray Automotive. Und natürlich in Modena, wo Ferrari sein Modell mit dem unzweideutigen Namen 12Cilindri sowie eben den Purosangue mit einem 6,5-Liter-V12 ausstattet, der im viertürigen Viersitzer 533 kW (725 PS) leistet. Ausserdem hat der Motor natürlich einen unschätzbaren emotionalen Wert. Allein der Anblick bei geöffneter Motorhaube des deutlich hinter der Vorderachse sitzenden Blocks mit der typisch rot lackierten Zylinderkopfabdeckung und den riesigen Luftansaugstutzen ist ein erhabener Anblick für jeden Liebhaber individueller Mobilität.

 

«Mühelos» ist das passende Wort

Aus leistungstechnischer Sicht ist bemerkenswert, dass bei diesem V12 80 Prozent des maximalen Drehmoments bereits bei 2100 Umdrehungen zur Verfügung stehen; bei 6250 Umdrehungen wird der Höchstwert von 716 Newtonmetern erreicht. Das heisst nichts anderes, als dass dieser Motor in Kooperation mit dem Acht-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (mit Ölbad und Trockensumpfschmierung) so leicht und elastisch wirkt, als würde der immerhin 2033 Kilogramm schwere Ferrari durch den Zug eines Gummiseils beschleunigen.

Bei einem Ferrari in voller Fahrt sollten ohnehin beide Hände fest am Lenkrad sein.

«Mühelos» lautet das passende Wort für die Art, wie der Purosangue Tempo aufnimmt. In 3,3 Sekunden ist aus dem Stand Tempo 100 erreicht, und auf der deutschen Autobahn haben wir glücklicherweise die Möglichkeit, uns an die Höchstgeschwindigkeit heranzutasten. Über 310 km/h wären möglich. Andererseits, an einem ganz gewöhnlichen Donnerstagmorgen und mit Winterbereifung ist das etwas zu ambitioniert. Trotzdem bewegt sich die digitale Tachonadel mit erstaunlicher Leichtigkeit nach oben, auch bei weit über 200 km/h gibt es keinen Grund, dem Ferrari nicht zu vertrauen.

Dabei ist der Purosangue überraschend komfortabel. Dank der Mischbereifung von 23 Zoll (315/30) hinten und 22 Zoll (225/35) vorne lässt er sich, wie wir später erfahren, auch äusserst präzis durch Kurven steuern. Auf schnelleren Abschnitten unserer Tour rollt der Viertürer angesichts der eigentlich zu grossen Räder erstaunlich ruhig voran. Wenn es am SUV, das keines sein darf, etwas zu kritisieren gibt – abgesehen von geschmacklichen Fragen –, ist es das Bediensystem, das fast vollständig befreit ist von Logik und intuitiver Anwendung. Als Gegenargument könnte man vorbringen, bei einem Ferrari in voller Fahrt sollten ohnehin beide Hände fest am Lenkrad und der Blick aufmerksam nach vorne gerichtet sein.

Nachdem der Puls sich auf der Autobahn schon mal beschleunigt hat, ist es Zeit für einen kulinarischen Boxenstopp. Das Romantikhotel und Restaurant «Spielweg» im Münstertal ist eine empfehlenswerte Anlaufstelle für ein Mittagessen. Seit 1861 führt die Familie Fuchs den Gasthof. Tradition und Kontinuität sind hier Werte mit einem vergleichbar hohen Stellenwert wie in Maranello.

Weil Viki Fuchs, die Tochter der Eigentümerfamilie und Küchenchefin, auf ihren Wanderjahren auch durch Asien reiste, gibt es im idyllischen Gasthof auch so untypische Gerichte wie Dim Sum mit Wildschweinfüllung oder einen Glasnudelsalat mit knusprig gebackener Garnele. Die kulinarische Weltoffenheit im beschaulichen Schwarzwald passt gar nicht schlecht zu unserem Reisegefährt. Für den Purosangue existieren wegen der hohen Nachfrage offenbar Wartelisten, für die nächste Zeit werden offiziell nicht einmal Bestellungen angenommen.

 

Beeindruckend agil

Wir lassen bei unserem Mittagessen das vielversprechende Dessert (Apfel-Crumble mit Vanilleeis) weg, um die Leichtigkeit nicht zu verlieren, dann geht es hinauf in die Kurven. Auf der Suche nach attraktiven Strassen mit wenig Verkehr ist das Naturparadies Schwarzwald eine sehr empfehlenswerte Destination. An dieser Stelle schreiben Motorjournalisten in der Regel über Fahrzeuge in der Art des Purosangue, dass diese keine Sportwagen seien. Fasst man den Begriff aber grosszügig und meint damit, sagen wir: nicht bloss einen Zweisitzer mit Heckantrieb, lässt sich der Ferrari mit vier Türen beeindruckend agil über kurvige Bergstrassen steuern.

Hier schliesst sich der Kreis, und wir sind wieder bei der eingangs beschriebenen Königsklasse der Ingenieurskunst: Von den teilweise felsigen Wänden entlang der L123, die wir zufällig für unser Vorhaben ausgewählt haben, schallt uns das melodiöse Echo des V12-Saugmotors zurück, dass es eine wahre Freude ist. Eine, wenn man so will, mechanische Arie voller drängender Leidenschaft und geradezu romantischer Hingabe: Klar und kernig und verheissungsvoll, aber nicht zu laut, klingt der Purosangue und sorgt für einen automobilen Ohrwurm, den man wie die Fahrt in diesem Ferrari an sich nicht so schnell vergisst.

 

Ferrari Purosangue: ab Fr. 463 708.– (Listenpreis)

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