Kapitel
- Einleitung und Begrüssung
- Die Zürcher Tonhalle
- Der Tonhalle-Krawall am 6. März 1871
- Hintergründe des Krawalls
- Die Feier am Abend des 6. März 1871
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«Gruetze mitenand Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily, spezial Meilensteine der Schweizer Geschichte mit unserem Haushistoriker Professor Christoph Mörgli. Mein Name ist Roman Zeller und wir befinden uns, soviel kann ich verraten, in Zürich, mitten in Zürich, hinter uns die Tonhalle. Lieber Christoph, was ist das Thema der heutigen Sendung?» Grüezi miteinander. Tatsächlich hinter uns liegt die Zürcher Tonhalle, 1895 errichtet als Backsteinbau. Nicht mehr alles heute vorhanden. Es wurde dann in den 1930er Jahren das Kongresshaus hinzugefügt. Die Tonhalle mit einem grossen Saal, mit einem kleinen Saal, wobei selbst der kleine über 600 Leute umfasst. Einer der möglicherweise berühmtesten Konzertsäle der Welt. Und wir wollen aber hier sprechen über ein Ereignis vom 6. März 1871, nämlich den sogenannten Tonhalle-Krawall, den es damals gegeben hat. Was ist da passiert? Warum kam es zu diesen Krawallen im 19. Jahrhundert? Geografisch muss ich vielleicht vorausschicken, dass die damalige Tonhalle nicht hier lag. Es gibt sie nicht mehr, sie lag auf dem heutigen Sechseleutenplatz. Man hat da 1867 ein altes Kornlagerhaus umgebaut zu einer Tonhalle mit 3600 Plätzen. Ein unglaubliches Gebäude. Es war damals die Zeit der grossen Orchester, der grossen Oratorien, auch der gewaltigen Sängerköre, der patriotisch erhebenden Feiern usw. und vor diesem Gebäude, also auf dem heutigen Sechseleutenplatz, wo dann 1890 auch die Oper hinzugestellt wurde, da hat sich dieses Ereignis, dieser Tonhalle-Krawall in Wirklichkeit abgespielt. Und warum? Die Zeit war bewegt. Es war nämlich die Zeit des Abschlusses des Deutsch-Französischen Krieges 1870-71. Dieser Krieg endete ja mit einem fulminanten in dieser Art nicht erwarteten Sieg der Deutschen, die dann eben auch das Deutsche Reich gegründet haben. Dieses Kaiserreich unter preußischer Führung im Januar 1870 im Spiegelsaal in Versailles ausgerufen. Und bereits im Januar haben deutsche Kreise im Zürcher Tagplatz zu einer vaterländisch erhebenden Feier aufgerufen. Man solle mit allen Freunden der deutschen Sache, wie es hiess, zusammenkommen, um diese Reichsgründung, um diesen Sieg über Frankreich zu feiern. Und das hat dann auch stattgefunden am Abend des 6. März 1871. Wie war da die Resonanz? War da eine Deutschlandbegeisterung in der Schweiz zu spüren? Das war zum Teil der Fall, aber eben wirklich nur zum Teil. Die deutsche Kolonie hier in Zürich hat die Feier. Es sang auch die deutsche Liedertafel. Es waren viele Professoren und auch sonst natürlich Intellektuelle, die hier in Zürich gewirkt haben, anwesend. Aber eben auch Vertreter der Behörden, beispielsweise Staatsschreiber Gottfried Keller war hier, zwei Regierungsräte. Stadtpräsident Melchior Römer hat teilgenommen. Nun kam es aber zu erheblichen Ausschreit. Ungefähr zwei Dutzend Stadtpolizisten haben die Feier abgeschirmt, weil man wusste, dass es zu Gegenmanifestationen kommen könnte. Dazu wurde schon aufgerufen, eben im Tagblatt, bereits im Januar zuvor. Und da waren aber diese Polizeikräfte völlig überfordert, denn es waren etwa 400 Menschen, die sich da gegen diese Feier zusammengetan haben. viele junge Menschen, Kassenjungen, wie es dann hieß in der Presse, aber auch Studierende, vor allem vom Polytechnikum, von der ETH. Und dazu kamen dann etliche Offiziere der französischen Armee, die hier im Rahmen der Burbaki-Armee interniert waren. Und die sind ebenfalls herumgesessen in Cafés nebenan, dann herumgestanden und haben sogar die Säbel gezückt. Und so ist man dann nach und nach in dieses Gebäude eingedrungen und hat diese Feier gestört. Also wurde Zürich sozusagen Schauplatz eines internationalen Konflikts, wo man eigentlich... gar nicht so sehr etwas damit zu tun hatte. Das ist so, aber es gab sehr viele Deutsche in Zürich und die Stimmung hat sich von anfänglich hauptsächlich doch Begeisterung über diesen deutschen Sieg hier in Zürich dann gewandelt. In Erbarmen mit diesen zerlumpten Burbaki-Soldaten, die fast erfroren über die Grenze kamen, entwaffnet wurden und dann überall in der Schweiz verteilt worden sind. Tschüss. Und dieses Erbarmen hat sich dann Luft gemacht in einer antideutschen, explosiven Stimmung. Das waren also keineswegs nur französische Elemente. Die gab es ja nicht in grossem Masse hier in Zürich, einige Soldaten. Die Soldaten wurden übrigens um 17 Uhr bereits in die Kasernen zurückgerufen, die französischen Soldaten. Aber die Offiziere mussten natürlich nicht zurückkehren. Und so waren die auch beteiligt. Es flogen Steine durch die Scheibe dieser Tonhalle und man hat sich Luft verschafft, indem man einringen konnte ins Gebäude. Und da wurden dann beispielsweise Notenständer zerstört, Stuhlbeine ausgerissen. Die Demonstrierenden haben sich so mit Schlagstöcken gewissermassen bewaffnet und es kam zu wirklichen Schlägereien und Rempeleien in diesem Saal. Gab es da auch Tote? Es gab dann schliesslich auch Tote, nicht am Anfang. Da waren es wirklich eher dann Schlägereien, die da stattfanden. Die Polizisten haben auch diesen sogenannten Gassenjungen-Ohrfeigen verteilt. Das hat aber letztlich nichts genutzt. Und die Ordnungstruppen, die da waren unter dem Kommando des Stadtkommandanten Hess, die sind nicht eingeschritten. Und das hat man diesem Stadtkommandanten dann zum Vorwurf gemacht, dass hier nicht eingegriffen wurde. Er hat aber mit einigem Recht darauf hingewiesen, dass kein leserlicher, schriftlicher Befehl vorgelegen sei. Und vor allem, ob er wirklich wegen ein paar zerbrochenen Scheiben hätte auf Menschen schießen sollen. Ich glaube, er hatte Recht mit seinem Zögern. Er hat sich dann vielleicht eine Blöße gegeben, indem er seine Truppen... verlassen hat, um nach Hause zu gehen, weil er gehört hat, seine Wohnung sei demoliert worden. Das war aber ein Gerücht und erst dann ist er wieder zu seinen Truppen zurückgekehrt. Aber ganz am Anfang gab es noch keine Toten. Um 1 Uhr war dann die Ruhe einigermassen wiederhergestellt. Es kam dann aber in der Folge, weil sich die Stimmung nicht beruhigte, vor allem weil etliche Verhaftungen vorgenommen wurden und diese ins Oettenbach-Gefängnis beim Lindenhof überführt wurden. Da gab es dann Unruhen und wieder Zusammenrottungen vor diesem Gefängnis und ein Abprallerschuss hat einen nicht beteiligten Deutschen getötet. Gab es da Anführer dieser Krawalle, Wortführer, solche, die da herausragten, Persönlichkeiten? Namen sind da nicht bekannt unter Prominenten. Die Regierung hat vermutet, es sei die organisierte Regierung. Stimmte Arbeiterschaft, man hat dann auch Stimmen gehört, in Aussersiel würden sich die Menschen bewaffnen im Arbeiterquartier, man wolle die Zeughäuser stürmen usw. Das war nicht der Fall. Die Arbeiterunion hat sich dann klar distanziert, sie hatte nichts damit zu tun. Das war wirklich spontan eine Reaktion. Aber es kam dann wirklich aufgrund des Vordringens dieser Demonstrierenden gegen. die Gefängnisse zu einer Schießerei mit vier Toten, etlichen Verletzten. Allerdings erst im Nachgang zu diesem eigentlichen Tonhalle-Krawall vom 6. März 1871, sodass eigentlich die Situation der Regierung entglitten ist. Sie musste eidgenössische Hilfe anrufen und es kamen dann vier Bataillone und ein eidgenössischer Kommissär in Gestalt des späteren Klarner Bundesrat des Joachim Heer. Wollte ich gerade fragen, wie hat die offizielle Schweiz reagiert? War man da aus dem Häuschen? Hat man das dann mehr oder weniger auch in der Folge Zürich überlassen? Wie war da die Reaktion der Regierung? Man war perplex. Für Zürich war es eigentlich eine Blamage, dass man diese Situation nicht im Griff hatte. Die NZZ beispielsweise hat sich sehr empört gezeigt über diese Demonstration, die da quasi aus dem Nichts kam, unerwartet war von dieser Seite her auch. Und die deutsche Gesandtschaft natürlich in Bern hatte ebenfalls massivst protestiert. Es ist natürlich richtig, dass einerseits die Versammlungsfreiheit gewahrt werden musste und auch durchgesetzt werden musste. Andererseits hat man nicht zu Unrecht gesagt, es war möglicherweise auch eine gewisse Provokation, dass auf neutralem Boden eine solche Feier stattfindet, die eben auch demütigend ist für Frankreich, für französische Soldaten. die hier waren und überhaupt ein bisschen auch für die Romandie, für die Westschweiz. Also das wurde dann natürlich kontrovers diskutiert, aber die offizielle Schweiz war doch etwas ratlos, dass so etwas in Zürich passieren konnte. Wie ging es weiter? Gab es einen Nachgeschmack, würde ich jetzt mal meinen? Wie hat sich die Stimmung, die Lage in Zürich beruhigt in der Folge? Die Lage hat sich dann einigermassen beruhigt, nachdem am 11. März 1871 die eidgenössischen Truppen gekommen sind aus anderen Kantonen. Man hat da allerdings auch misstraut, dass möglicherweise Arbeiter unter diesen Truppen nicht unbedingt durchgreifen wollen, da eben auch dort die Stimmung nicht besonders deutschfreundlich war. Und es kam zu gerichtlichen Untersuchungen, es kam zu einem Schwurgerichtsprozess. Die Eidgenossenschaft hat sogar einen ausserordentlichen Bundesanwalt eingesetzt, um die Vorgänge zu überprüfen. Und bei diesem Kongress bzw. Prozess wurde dann auch sehr deutlich, dass es eine massive antideutsche Stimmung gab, auch aus Gründen der Sorge um Arbeitsplätze. Hier war wirklich die Konkurrenz gross von Deutschen. Was die Arbeit betraf, vor allem auch im Handwerk, in den Fabriken, zum Teil sicher auch im kaufmännischen Sektor und sogar im intellektuellen Sektor. Und das hat sich da Luft gemacht, also eine generelle antideutsche Stimmung, neben dem Mitleiden mit Frankreich, das da verloren hat. Aber ich meine, in erster Linie war es doch von der hiesigen Bevölkerung eine Demonstration. gegen das deutsche Element, das damals in Zürich durchaus stark vertreten war. Man liest ja heute vom Sehnsuchtsland Schweiz in deutschen Zeitungen, dass Deutsche vorwiegend oder am liebsten in die Schweiz auswandern. War das demnach schon im 19. Jahrhundert der Fall? War das Sehnsuchtsland Schweiz schon im 19. Jahrhundert in Deutschland ein Thema? Das war durchaus der Fall nach Gründung des Bundesstaates und der Industrialisierung. die hier ja rasant verlief. Der Aufschwung zum Beispiel dieser Stadt Zürich war natürlich in wenigen Jahrzehnten ganz enorm und eklatant. Und da hat man auch ausländische Arbeitskräfte gebraucht und natürlich die auch kommen lassen. Damals waren auch die entsprechenden Gesetze durchaus liberal. Man hatte im Wesentlichen freie Personenzugänge. ermöglicht, dass also jedermann im Grunde kommen konnte, wenn er Arbeit hatte. Es gab auch viele Italiener, vor allem im Bausektor hier, aber das deutsche Element war in Zürich eindeutig am stärksten und das Triumphgefühl nach dieser Reichsgründung war in der Bevölkerung von Deutschland, die sich hier niedergelassen hat, durchaus vorhanden und hat sich daneben provokativ in dieser feier ausgedrückt vor allem eben als zum beispiel ein ETH-Historiker Johannes Scherr, ein strammer deutscher Nationalist, auch in seiner Rede bei diesem Tonhalle-Krawall gesagt hat, Germania ruft Austria, Austria soll jetzt auch in diesen Verband eintreten, also bereits den Eintritt Österreichs vorweggenommen. Solche Töne wurden natürlich durch die Demonstrierenden dann durchaus wahrgenommen und entsprechend eben gestört. was passierte im Nachgang. Mit der Tonhalle, wurde die wieder aufgebaut? Wurde sie sofort wieder aufgebaut? Man kann nicht sagen, dass die Tonhalle total demoliert war. Es gab einige Schäden, aber das hat sich im Rahmen von einigen hundert Franken, wobei der Franken damals doch sehr viel Mehrwert war, erledigt. Also das war nicht besonders schlimm. Die Tonhalle musste nicht neu aufgebaut werden damals, aber sie wurde dann abgerissen und hat sich verlagert hier. in dieses Gebäude hinter uns, an anderer Stelle natürlich beim neu errichteten Bürkliplatz, auch bei dieser Aufschüttung des Sees, wo ja die heutige Tonhau... mit einem enorm erfolgreichen und wunderbaren Orchester, mit diesem Tonhalleorchester, die immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Das Gebäude hinter uns übrigens renoviert, zwischen 2017 und 2021 die Konzertsäle wiederhergestellt, wie sie damals in diesen Gründerjahren sich präsentierten. Und das ist wirklich eine sehr, sehr gelungene Sache. Wie haben diese Tonhallen, Krawalle, Zürich, wie haben sie die Schweiz geprägt? Sie haben insofern die Schweiz geprägt, als solche Unruhen eigentlich Vorboten waren von späteren Streiks und sozialen Unruhen. Das hat die Zürcher Regierung auch erkannt. Sie hat gesagt, da braut sich was zusammen, da müssen wir aufpassen. Es war natürlich eine bürgerliche. reinbürgerliche Regierung. Die Sozialdemokratie war auch nicht in dem Sinne bereits organisiert. Aber die Arbeiter, die sich eben vor allem in den neuen Quartieren in Aussersiel da quasi zusammengeballt haben, die wurden als möglicher Revolutionsherd wahrgenommen. Und was besonders bekannt war, man hat es verglichen mit dem Aufstand der Kommune. in Paris. Es gab ja damals 1870 auch bei der Belagerung durch die deutschen Aufstände in Paris, Arbeiteraufstände. Der Kommunismus wurde eben da gewissermassen aus der Taufe mitgehoben. Und so hat man das durchaus als Gefahr gesehen, auch für die Schweiz, und dass solche Zustände nach Zürich überschwappen können. Also die Turnhallen-Krawalle... als sozusagen Vorbote von Generalstreik und Protesten in jeglicher Form, die im Nachgang folgten. Genau, das kam dann in den nächsten Jahrzehnten, der Generalstreik besonders berühmt 1918. Aber dieser Tonhalle-Krawall war wirklich ein erstes Aufbäumen von unten gewissermassen gegen die etablierte bürgerliche Ordnung, gegen den herrschenden Liberalismus. Und das haben die Behörden mit Sorgen konstatiert. Es kam dann natürlich im beginnenden 20. Jahrhundert noch sehr viel heftiger, was die sozialen Auseinandersetzungen betrifft. Welchen Aspekt gibt es sonst noch zu beleuchten von diesem Tonhalle-Krawallen, vielleicht auch von Zürich Ende oder Mitte Ende 19. Jahrhundert? Was gibt es noch zu sagen, lieber Christoph? Man müsste vielleicht... Ich möchte sagen und darauf hinweisen, dass die Ordnungskräfte auf solche Demonstrationen schlecht vorbereitet waren. Die Polizei und erst recht das Militär war im Wesentlichen mit Schusswaffen ausgerüstet und Schusswaffen eignen sich nicht für solche Demonstrationen, weil es da sofort Tote gibt. Und das hat sich dann auch immer wieder gezeigt im beginnenden 20. Jahrhundert, sodass natürlich die... die die Polizeitaktik dann im Laufe der Jahrzehnte völlig geändert hat und dann auch auf Defensive ausgerichtet wurde, beziehungsweise auf Einsatzmittel, die eben nicht tödlich sind. Wir sprechen da von Wasserwerfern, wir sprechen von Gummigeschossen und ähnlichem oder auch Tränengas. Das sind Möglichkeiten und die Polizei hat sich da natürlich auch entsprechend besser ausgerüstet, bis heute dann mit Kameras. dass man sieht, was da genau abläuft. Das war alles damals nicht der Fall, das war neu und hat die Polizeikräfte, genau wie die Behörden, völlig überrascht. Lieber Christoph, ganz herzlichen Dank. Ihnen danken wir für die Aufmerksamkeit, wünschen Ihnen ein wunderschönes Wochenende, einen schönen Samstag und bis zum nächsten Mal bei Meilenstein der Schweizer Geschichte mit Professor Christoph Mörgli. Ich gebe zurück nach Zürich. Vielen Dank. 2020
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