Grüezi miteinander. Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily, spezial Meilenscheine der Schweizer Geschichte. Mein Name ist Roman Zeller und neben mir bereits steht schon Professor Christoph Mörgerli. Wir sind in Küsnacht, unweit von Zürich, entfernt neben uns ein Gedenkstein. Lieber Christoph, wem gedenken wir heute? Was ist das Thema der Sendung? Grüezi miteinander, wir sind in der Küsnachter Hornanlage am Zürichsee, am rechten Ufer. Hinter uns ist ein Gedenkstein an einen sehr, sehr grossen Küsnachter, einen bedeutenden Schweizer, der allerdings aus Deutschland stammte und der sehr viel zu tun hat mit der liberal-radikalen Erneuerung der Schweiz, vor allem in den 1830er, aber auch noch 40er Jahren. Es geht. um Dr. Ludwig Snell, der gelebt hat von 1785 bis 1854. Und was würdest du sagen, was ist die zentrale Lebensleistung von Dr. Ludwig Snell? Die zentrale Lebensleistung ist, dass er eigentlich der Vordenker war, vielleicht der wichtigste Vordenker dieser völligen Staatserneuerung, welche die Schweiz erlebte in den 1830er und 1840er Jahren. Nämlich von einem lockeren Staatenbund zu einem liberalen Bundesstaat. Wer war Ludwig Snell? Woher kommt er? Aus Deutschland hast du gesagt. Wie ist er aufgewachsen? Ludwig Snell, dessen Denkmal hinter uns übrigens bereits in seinem Todesjahr 1854 hier aufgestellt wurde, hat allerdings dann viermal den Standort gewechselt. Ludwig Snell stammte aus dem Herzogtum Nassau in Hessen, war in eine Akademikerfamilie geboren worden, sein Vater war Gymnasialrektor und sein Bruder Wilhelm, der war etwas jünger, ist dann später ebenfalls in die Schweiz gekommen und hat genau wie der andere Snell, wie der Ludwig Snell, für diese liberale Erneuerung sehr viel geleistet. Wir kommen noch dazu. seine Schulen noch im Nassauischen besucht, hat Theologie studiert in Gießen, dazu auch Philosophie und Geschichte. Die Staatswissenschaften haben ihn extrem interessiert. Er wurde dann zum Rektor berufen durch Preussen in Wetzlar, war aber ein unruhiger Geist, war unzufrieden mit dem repressiven, konservativen Regime, das er da antraf. wurde dann im Zuge der sogenannten Demagogenverfolgung, nämlich als man Liberale, auch republikanisch, also antimonarchistisch eingestellte Akademiker verfolgte, im Zuge dieser Verfolgung wurde er dann seines Amtes entsetzt im Jahr 1823 und ging vorübergehend nach England. Was hat ihn an dieser Ordnung speziell besonders gestört? Er hat gesehen, dass keine Rechtsgleichheit herrscht zwischen den Bürgern und das wollte er unbedingt. Das war in seinem Sinne absolutes Naturrecht für jeden Menschen, dass jeder Mensch, damals waren das allerdings die Männer dann hauptsächlich im politischen Spektrum, die gleichen Rechte hat und er wollte ein Repräsentativsystem des Parlaments, also dass die Parlamente gemäss Bevölkerung gewählt und zusammengesetzt sind. Was hat er in England gemacht? Wie ist er da hingekommen und was war dann sein Lebensweg? In England war er nicht besonders lange. Er hat da auch publiziert, er hat nachgedacht, er hat Schriften verfasst und ist dann aber bereits im Jahr 1827 in die Schweiz gekommen, die er kannte aus eigenen Reisen. Auch sein Bruder Wilhelm war in der Schweiz und hier hat er dann seine Laufbahn. Er war nicht nur in Küsnacht, aber eben auch hier Ende der 1820er Jahre ist er hier auch zu Gast. Er war übrigens zeitlebens nicht reich, er hat keine Reichtümer angehäuft, er ist in ärmlichen Verhältnissen gestorben. Das hat ihn nicht interessiert, er war wirklich ein Idealist und wollte eben vor allem seine Gedanken verbreiten und sah hier in der Schweiz eine Möglichkeit. um eben im Gegensatz vielleicht zu Deutschland diesen liberalen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen. Ich wollte gerade fragen, was war das für eine Zeit? Was herrschte damals für ein Debattenkurs? Klima. Was passierte mit einem, wie gerade Ludwig Snell, einer Person, die andere Gedanken äusserte, formulierte, niederschrieb? Was war das für ein Klima damals, debattenmässig? Seit 1815 herrschte in der Schweiz die Restauration. In vielem ging man zurück zu den vorrevolutionären Zuständen, also vor 1798 und dem Einmarsch der Franzosen, dem Anschliessenden. Umsturz von Helvetik und Mediation. Also man hat vor allem im Kanton Zürich wieder ein klares Übergewicht der Stadt Zürich gegenüber der Landbevölkerung und das hat gestört. Das hat vor allem die Küssnachter gestört. Küssnacht war immer ein ausgesprochen liberales, ein unruhiges Dorf und man stand in strenger Opposition zu dieser konservativen Stadt, von der man sich beherrscht fühlte und hier hat hat dann auch Ludwig Snell eine ganz wichtige Schrift verfasst. Vorher übrigens bereits ein wichtiges Handbuch der Staatswissenschaften, heute noch sehr interessant zu lesen, weil vieles, was da festgehalten wurde, dann auch verwirklicht wurde. Aber besonders bekannt wurde hier in Küsnacht im ganzen Kanton und dann auch in der Schweiz das sogenannte Küsnachter Memorial, eine Denkschrift, die Ludwig Snell nach der... Julierevolution in Frankreich verfasst hat, um die Zürcher Verfassung völlig neu zu gestalten. Es waren politisch-staatswissenschaftliche Überlegungen in diesem Memorial, noch weniger soziale und wirtschaftliche Forderungen. Wer oder was hat Ludwig Snell in seinem Denken entscheidend beeinflusst? Wer hat ihn inspiriert? Das waren die Gedanken der französischen Revolution. Das kann man gut zeigen und das ist auch gezeigt worden. Das hat er aber so nicht geschrieben. Aber es hat ihn doch die Verfassung aus Paris, aus Frankreich, vom ausgehenden 18. Jahrhundert sehr, sehr inspiriert. Also diese Gleichheit und die Vertretung nach Köpfen in den Parlamenten. Natürlich kam dann... Dazu auch die übrige Freiheit, speziell die Wirtschaftsfreiheit, die gefordert war. Und hier in Küsnacht konnte er diese Gedanken äussern. Man hat ihn auch ermuntert, das niederzuschreiben. Das tat er übrigens anonym, denn es war noch nicht ganz ungefährlich, so genannte revolutionäres Gedankengut zu äussern. Und Snell hatte aber den Schutz der Küsnachter Bevölkerung und vor allem auch der hiesigen Ärzte. ein Dr. Streuli und sein Schwiegersohn, ein Dr. Brunner, die haben ihm immer wieder Gastrechte gewährt, hier nebenan. Er ist dann auch hier später gestorben. Aber also dieses Küsnachtermemorial, das hier auch auf dem Gedenkstein verewigt ist, hat eine große Rolle gespielt dann im Hinblick auf die weitere Entwicklung im Kanton Zürich. Was ist da der zentrale Gedanke, der Zürich, vielleicht sogar auch die Schweiz entscheidend geprägt hat? Entscheidend in diesem Küsnachter Memorial war sicher die Forderung nach etwas angemessener Vertretung der Landschaft im Parlament, im Großen Rat. Und zwar hat Ludwig Snell gesagt, die Landschaft soll zwei Drittel bekommen, inklusive Wintertour. Die Stadt hatte immer noch einen Drittel im Parlament, das war eigentlich eine Überrepräsentation. Aber Ludwig Snell hat gerne gesagt, wir gehen schrittweise vor, das andere zu tun. Können wir dann später machen und so ist es dann auch geschehen in den späteren 1830er Jahren, dass man wirklich auf Repräsentation nach Kopf überging. Aber dieses Küsnachtermemorial bildete den Anstoß für eine Versammlung in Stäfa und da wurde eine große Volksversammlung beschlossen, die man nach Uster einbrief am 22. November 1830 und 10.000 Männer strömten da zusammen. und haben das Ustermermemorial, die Ustermarbeschlüsse verabschiedet, die im Wesentlichen wirklich die Gedanken von Ludwig Snell dann weitertrugen. Und daraus entstand dann der Ruf und die Forderung nach der Verfassungsrevision, nach einer Verfassungskommission. Und 1831 wurde eine neue liberale Zürcher Verfassung vom Volk mit grosser Mehrheit angenommen. Ludwig Snell als anstossender Punkt für die erste liberale Verfassung des Kantons Zürich. Das kann man sagen. Er war wirklich der Vordenker und Zürich war eigentlich in der Pionierrolle. Es sind dann später andere Kantone. zugekommen, die ebenfalls ihre Verfassung grundlegend geändert haben. Das gab dann auch Opposition in der katholisch-konservativen Innerschweiz. Snell hat sich auch mit der katholischen Kirche beschäftigt, sehr kritisch. Er war für die Ausweisung der Jesuiten, er war für die Klosteraufhebung. Das gab er dann in den 40er Jahren den grossen Krach, der zum Sonderbundskrieg führte. in den 1830er Jahren. ist er dann sogar in den Großen Rat gewählt worden, nachdem er 1831 und dann nochmals bekräftigt 1832 bereits Küsnachter und Zürcher Bürger geworden ist. Er ist also eingebürgert worden. Aber die Anfeindungen später, weil er ein gebürtiger Deutscher war, blieben dann auch nicht aus. Was war Ludwig Snell für ein Typ? War er ein Revoluzzer, ein Aufmüpfiger quasi? Heute, wie immer wieder gesagt, wie ein Querdenker. War er ein Fanatiker? Was war das für ein Mann? Er war ein unruhiger Geist. Er war einer, der immer wieder das Bessere wollte. Ein Suchender, sicher teilweise ein Idealist. Er hat nicht für sich selber die Verbesserung in erster Linie gewollt, sondern für die Allgemeinheit. Und er meinte es ganz sicher gut. Und sein Gedankengut war entscheidend. dass später, ich würde mal sagen, dieser Wohlstand in unserem Land zusammengehäuft werden konnte. Es waren auch andere, aber Ludwig Snell hat als Theoretiker viel dazu beigetragen. Er war dann auch kurze Zeit Professor hier an der neu gegründeten Hochschule in Zürich. Dann kam aber doch eine etwas flüchtlingsfeindliche Stimmung auf. Und vor allem das Ausland hat die Auslieferung gefordert und gesagt, die Schweiz darf nicht zum Revoluzzer-Nest werden. Da gab es Druck. Ludwig Snell hat dann auch den Kanton Zürich vorübergehend wieder verlassen. Er ging nach Bern, wo er Professor war, zwischen 1834 und 1836, ist dann aber später wieder zurückgekommen. Hatte er einen Gegenspieler? Denker, der ihn quasi gechallenged hat. Gibt es einen Antagonisten von Ludwig Snell zu dieser Zeit? Es gab verschiedene Oppositionelle gegen sein Gedankengut, gerade auch im Großen Rat. Die konservativ gebliebenen Staatsbürger haben ihn stark angegriffen und haben gesagt, das fehlt noch, dass da ein Ausländer uns sagt, wie wir unsere Politik gestalten sollen. Er wurde natürlich als Deutscher massiv angefeindet. Man sagte, der kann ja nicht mal unsere Sprache, wie will er denn unsere Gedanken äussern? Er ist darum eben auch anonym aufgetreten. Teilweise hat er sogar in Luzern zum Beispiel durch einen Politiker namens Pfiefer einen anderen Autor vorgeschoben. Er hat geschrieben und dieser Pfiefer ist als Autor aufgetreten, ein Liberaler in Luzern, um eben... die Herkunft ein bisschen zu vertuschen, weil es sich um einen Fremden in Anführungszeichen handelte. Hatte er auch Einfluss über die Landesgrenzen hinaus, aufs Ausland, Deutschland, vielleicht andere Länder? Wurden seine Gedanken auch in anderen Verfassungen aufgenommen? Es wurde ausserordentlich unruhig dann in den 40er Jahren, vor allem 1848 bei der Revolution, die eben auch im Ausland ihre Wurzeln schlug in... Frankreich, in Deutschland, in Österreich, in den Hauptstädten. Die Monarchen mussten um ihre Throne zittern und haben sich dann aber oftmals auch durch militärische Macht auf diesen Thronen einigermaßen halten können. Diese bürgerliche Gegenbewegung ist gescheitert vorübergehend und er hatte aber ganz gewiss auch Einfluss auf diese ausländischen Bewegungen. Ludwig Snell und Zürich und die Schweiz. über die Eidgenossenschaft gedacht? Was hat ihn da fasziniert? Was fand er vielleicht auch weniger gut? Es ist klar, dass er die Schweiz gern gehabt hat. Er hat sie geliebt. Das wundert einen nicht, wenn man hier steht und auch die landschaftliche Schönheit sieht in diesem Küsnachterhorn. Er hat aber auch andere Kantone sehr gut gekannt. Er hat sich engagiert für die Abtrennung von Basel-Land, von Basel-Stadt. Ist eben auch dann basel-landschaftlicher. Ehrenbürger geworden, zusammen mit seinem Bruder Wilhelm. Auch dieser hat die Schweiz gern gehabt und ist in Bern eigentlich durch seine glänzende Beretsamkeit und seine Gedankenschärfe zum Lehrer der ganzen liberal-radikalen Partei geworden, die dann auch Teil war. an die Macht kam, davon wieder entfernt wurde. Es gab Gegenspieler wie den konservativen Theologen Jeremias Gotthelf, der hat diese Professorenschaft immer wieder verspottet und hat vor allem die Snell gemeint. Man nannte sie übrigens die Snellen. Man wollte damit sagen, die sind außerordentlich rasch immer in dem, was sie wollen. Die sind Revoluzzer, die sind unruhig unterwegs, also immer schnell mit sehr viel Tempo. Was haben wir vergessen? Was gibt es sonst noch über Ludwig Snell zu berichten, über seinen Bruder, über die liberalen Gedanken und Ideen dieses Vordenkers? Man kann sicher sagen, dass diese beiden Brüder, vor allem auch Ludwig Snell, relativ bald vergessen gingen und dann eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt wurden, wie bedeutsam sie sind, einerseits für den Kanton Zürich und den späteren Bundesstaat. Ihre Gedanken waren wirklich wegweisend. Sie hatten noch nicht die direkte Demokratie im Auge, aber eine gerechte, repräsentative Demokratie und eben die Rechtsgleichheit. Das waren die grundlegenden Forderungen. Dazu kam aber auch das ausserordentliche Interesse am Schulwesen. Ludwig Snell hat sich sehr engagiert, nicht nur zur Gründung der Hochschule hier in Zürich, sondern eben auch zur Gründung beispielsweise des Lehrerseminars, das ja in Küsnacht eröffnet wurde, 1832, und unter dem Direktor namens Scherr, ebenfalls einem Deutschen, zu einer Bildungsanstalt der liberal-radikalen Lehrer wurde und der gesamten Lehrerschaft. Und die Zürcherische Volksschule hat ja dann auch wirklich Pionierrolle übernommen und hatte Einfluss in der ganzen Schweiz. Das auch hier hat... Ludwig Snell sehr, sehr viel Interesse entwickelt und hat gesagt, wir können dann immer mehr Macht der Bevölkerung übergeben, sobald eben die Schulbildung besser wird. Die müssen natürlich ein bisschen verstehen, worum es geht. Die müssen lesen können, die müssen schreiben können und so kann man dann die Demokratie immer weiterentwickeln. Also Bildung als Voraussetzung für die direkte Demokratie. So ist es. Und Küsnacht, wo wir hier stehen, ist natürlich ein Zentrum dieser Bildung, vor allem im Bereich der Volksschule, weil hier das traditionsreiche und auch berühmt gewordene Lehrseminar seinen Standort hatte. Was müssen wir über den Lebensabend von Ludwig Snell wissen? Du hast angetönt, er sei nicht reich gewesen. Wie ist er? Alt geworden, dann auch gestorben? Er ist dann in seinen letzten Jahren hier in Küsnacht, wieder im Doktorhaus von Dr. Brunner, Hier nebenan gelegen und da ist er dann auch verstorben und er war damals wirklich bekannt. Man hat seine Biografie abgedruckt, beispielsweise auf drei Seiten, Titelseiten der Neuen Zürcher Zeitung, sehr ausführlich. Es kamen später dann auch kritischere Stimmen, die gesagt haben, das und das und das war nicht so gut an ihm. Aber man hat ihn wirklich gefeiert und zur Feier dieses Gedenksteins kamen auch sehr, sehr viele. Menschen zusammen und da war natürlich die übliche patriotische Grundstimmung mit Sängerchören und Musik und Ansprachen. Genauso dann 100 Jahre später, 1854, wieder eine grosse Feier hier in Küsnacht mit einem Vortrag des hiesigen Professors an ETH und Universität namens Gottfried Guckenbühl und etwas bescheidener dann im Jahr 2005 noch einmal eine Gedenkveranstaltung hier bei diesem Stein. Also man hat Ludwig Snell nicht vergessen und in Küsnacht ist er eine feste Grösse, gerade auch beim hier nahegelegenen Ludwig Snellweg. Lieber Christoph, ganz herzlichen Dank für diese Ausführungen. Ihnen danken wir ganz herzlich für die Aufmerksamkeit, wünschen Ihnen ein wunderschönes Wochenende und bis zum nächsten Mal bei Weltwoche Daily Spezial und vor allem Meilensteine der Schweizer Geschichte. Vielen Dank. 2020