Einst galt sie als Königsdisziplin der Sowjetexperten: die Kreml-Astrologie. Aus Nebensächlichkeiten versuchte man zu folgern, was hinter den Kremlmauern vor sich ging.
Heute erlebt die Kremlologie fröhliche Urständ. Leider gebricht es ihren neuen Adepten nur an einem nicht: an Fantasie. Sie ersetzt tatsächliches Hintergrundwissen.
Wurde früher aufgrund konkreter Beweisstücke spekuliert – ein Absatz in einem langweiligen Prawda-Artikel, eine veränderte Apparatschik-Reihenfolge auf dem Lenin-Mausoleum –, reicht es heute, Finger zu benetzen und in den Wind zu halten.
Mikhail Metzel/AP/Keystone
Zwei Beispiele aus jüngster Zeit: Die Financial Times berichtete, dass Putin sich aus Angst vor einem Anschlag in Bunkern verkrieche. Die Quelle: «Leute, die Putin in Moskau kennen und eine Person in der Nähe zu europäischen Geheimdiensten».
Klingt in etwa so überzeugend wie Kaffeesatz und Kristallkugel.
Frankreichs Le Monde hat eine andere Quelle ausgewertet – und kommt zum gegenteiligen Ergebnis: Aus seinem Terminkalender gehe hervor, dass sich Putin nicht verschanze, sondern unters Volk mische. Der Beleg: der Besuch einer Ballettschule. Einer zehnjährigen Ballettratte habe er, man glaubt es nicht, einen Kuss auf die Stirn gedrückt.
Warum das Bad in der Menge? Weil Putins Beliebtheitswerte sinken und bei atemstockenden 65,5 Prozent angelangt sind. Davon können Macron, Starmer, Trump oder Merz nur träumen.
Als Quelle beruft sich Le Monde auf die aserbaidschanische Journalistin Farida Rustamowa. Sie gilt als Expertin, hatte sie doch schon 2006 einen Kuss analysiert, den Putin auf dem Bauch eines Knaben appliziert hatte.
Doch man soll die neue Kreml-Astrologie nicht schlechtmachen. Sie hat vor allem eines: Unterhaltungswert. Denn der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.