Für «all die Menschen, die früh aufstehen und hart arbeiten», will sich SPD-Chef Lars Klingbeil einsetzen. Und auch Ex-Kanzler Olaf Scholz (SPD) findet, dass «Respekt denjenigen gilt, die jeden Tag früh aufstehen und unser Land am Laufen halten.»
Es übt ganz offensichtlich eine starke Faszination auf Politiker aus, wenn Menschen «früh aufstehen». Von Kanzlerin a. D. Angela Merkel («Diejenigen, die morgens früh aufstehen, hart arbeiten und sich an die Regeln halten, müssen sich darauf verlassen können, dass sich ihre Anstrengung lohnt.») bis Barack Obama («We need an economy that works for every American — not just those at the top, but for people who work hard and get up early every day.») gilt das morgendliche Aufstehen als Inbegriff von Härte, Fron und bravem Bürgertum, für das man sich selbstverständlich einsetze.
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Wir wissen nicht, ob Politiker als solche selbst schwer aus dem Bett kommen oder andere lediglich dafür bewundern, dass die es fertigbringen. In jedem Falle soll die Frühaufsteher-Floskel, die es einst bis ins Landesmotto von Sachsen-Anhalt geschafft hatte, («Land der Frühaufsteher») Bodenständigkeit signalisieren und anzeigen, dass der Verwender noch ganz nah bei den (kleinen) Leuten und ihrem Alltag ist.
Besonders skurril wirkt die Frühaufsteher-Formel allerdings mittlerweile gerade bei Sozialdemokraten, denen massenhaft Wähler in Richtung AfD davonlaufen. Eine Partei, die das steuerliche Ehegattensplitting abschaffen und damit die Ressource Frau für den Arbeitsmarkt heben will, kämpft gegen ein imaginäres Zerrbild der vermeintlichen Wohlstandsgattin, hat aber mit dem Alltag der früh aufstehenden harten Arbeiter nichts am Helm, sondern kämpft klassenkämpferische Ideologien durch.
Oder erinnert sich noch jemand an die «Tampon-Steuer»? Mit grossem medialem Begleitschutz vor allem von Publizistinnen wurde der Mehrwertsteuersatz auf Hygieneartikel für Frauen von 19 auf 7 Prozent gesenkt. Ein wirklich drängendes Problem für die früh aufstehende Arbeiterklasse. Auch die ewige Kampagne der Sozialdemokraten für Frauen- und mittlerweile auch Migrantenquoten in Führungspositionen, unterliegt dem bizarren Missverständnis, dass dieses Thema normale Menschen ohne Ideologiehintergrund umtreiben könnte. Auch die Migrationsfreundlichkeit der SPD führt zu verschärfter Jobkonkurrenz im niedrigen und mittleren Einkommensbereich. Von der nach wie vor verfochtenen Klimaschutzpolitik der vollständigen Dekarbonisierung ganz zu schweigen, die massiv Industriearbeitsplätze kostet, deren Opfer dann getrost nicht mehr früh aufstehen müssen.
Anders gesagt: Die SPD-Flüchter bei Wahlen und in Umfragen wenden sich in Scharen einer Partei zu, die all das nicht im Angebot hat, und die SPD-Chefs Lars Klingbeil und Bärbel Bas ziehen daraus die Konsequenz, dass sie die AfD bekämpfen, am besten verbieten müssten, aber auf gar keinen Fall eine Politik machen werden, die den Wünschen der Ex-Genossen-Wähler entspricht. Man kann das als gelebte und standhafte Grundüberzeugung verstehen. Oder einfach als verbohrte Dummheit.