Im jüngsten grossen Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel offenbart Bundeskanzler Friedrich Merz ein bemerkenswertes Seelenleben, das tief blicken lässt. Nach gut einem Jahr im Amt präsentiert sich der Regierungschef nicht als gestaltender Staatsmann mit festem Kompass, sondern vielmehr als ein Getriebener, der zwischen Hilflosigkeit und einer fast schon wehleidigen Klage über das politische Klima schwankt. Besonders markant ist sein Hadern mit der Kritik in den sozialen Medien; kein Kanzler vor ihm habe eine solche Herabwürdigung ertragen müssen. Es ist die Klage eines Mannes, der zwar betont, sich nicht beschweren zu wollen, es aber im selben Atemzug ausführlich tut.
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Anstatt die Ursachen für den Unmut der Bevölkerung in der eigenen Regierungspolitik oder der mangelnden demokratischen Mitwirkung zu suchen, flüchtet sich Merz in die Rhetorik des «Erklärens». Wenn die Botschaften nicht ankommen, so die Logik des Kanzlers, dann liegt es nicht an der Substanz seiner Taten, sondern am mangelhaften «Erwartungsmanagement». Es ist ein gönnerhafter, fast schon obrigkeitsstaatlicher Gestus: Das Volk wird hier nicht als der mündige Souverän begriffen, dem der Kanzler dient, sondern als eine Masse, der man die Komplexität der Welt lediglich noch intensiver erläutern muss, damit sie die vermeintliche Genialität der Regierenden endlich erkennt.
Diese diagnostizierte Ratlosigkeit wird durch die sture Verweigerungshaltung gegenüber neuen politischen Mehrheiten untermauert. Während Merz die «politische Mitte» beschwört und diese als letzte Chance der Demokratie stilisiert, verbarrikadiert er sich hinter einer selbst errichteten Brandmauer. Er beklagt die Schwierigkeiten innerhalb seiner Koalition, verweigert sich jedoch der offensichtlichen mathematischen Realität einer bürgerlich-konservativen Mehrheit. So bleibt der Kanzler der Gefangene seiner eigenen Taktik: Er regiert gegen den erklärten Willen einer wachsenden Zahl von Wählern und wundert sich anschliessend über den rauen Ton des Widerspruchs.
Am Ende bleibt das Bild eines Kanzlers, der die Verantwortung für den schwindenden Wohlstand zwar verbal anerkennt, aber vor den notwendigen Konsequenzen zurückscheut. Eine echte «Blut, Schweiss und Tränen»-Rede lehnt Merz ab, aus Angst, man könnte ihn am Tag danach an seinen Worten messen. Es ist die Kapitulation der Gestaltungskraft vor der reinen Selbsterhaltung. Wer die Demokratie jedoch nur noch als Erklärungsmodell begreift und die Kritik des Bürgers als persönliche Beleidigung abtut, verliert den Kontakt zur Realität eines Landes, das nach Führung und Klarheit verlangt, statt nach weiterer wehleidiger Selbstbespiegelung.