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«Zeit für Frieden»

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Journalisten geben eigentlich nie zu, dass sie falschliegen. Sie drehen, winden, krümmen und wenden sich, stets in der Hoffnung, der Leser wisse nicht mehr, was sie bis vor kurzem noch geschrieben haben.

So ein klammheimliches, verstohlenes Wendemanöver erleben wir aktuell, spektakulär, fast schon atemberaubend, in der Berichterstattung über die Ukraine, diesen Krieg, in den sich in unsere Meinungsmacher so fulminant verbissen haben.

Illustration: Fernando Vicente
«Zeit für Frieden»
Illustration: Fernando Vicente

Wir erinnern uns: Drei Jahre lang waren sich unsere Zeitungen einig: Keinen Millimeter darf Präsident Selenskyj vor dem russischen Aggressor weichen. Den Ex-Schauspieler in Kiew lobten sie zum Heiligen hoch. Seinen Gegner Putin verdammten sie zum Teufel.

Synchron mit den schrillsten Stimmen der europäischen Politik galt auch in unseren Medienhäusern die Ukraine bald als Schlachtfeld einer biblischen Entscheidung, als Armageddon zwischen Gut und Böse, Demokratie und Diktatur.

Mit bebender Stimme wähnte sich so mancher schon selber in den Schützengräben. Voll kriegerischer Begeisterung redete man sich ein, nicht nur die ehemalige Sowjetrepublik Ukraine, nein, der Westen, die ganze freie Welt, stehe gegen Russland auf dem Spiel.

Jeder stimmte seine eigene «Blut, Schweiss und Tränen»-Rede an. Nur waren unsere Churchills, ganz im Unterschied zum Britenpremier, nie bereit, das dann doch nicht, für ihre Freiheit, die sie in der Ukraine bedroht sahen, selber in den Kampf zu steigen.

Vorneweg und allen voraus trommelte die Neue Zürcher Zeitung. Kompromisslos predigte sie Härte gegen Russland. Putin dürfe für seinen Angriff nicht belohnt werden. Jedes Nachgeben sei Kapitulation. Überhaupt pfeife der Kreml, in jeder Hinsicht, aus dem letzten Loch.

Sogar die gute alte Neutralität nach Schweizer Art bekam vom Zürcher Weltblatt ihr Fett weg. Gegenüber einem Finsterling wie Putin dürfe es keine Neutralität mehr geben. Man müsse Flagge zeigen, auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Bleibe die Schweiz neutral, mache sie sich zum Komplizen eines Kriegsverbrechers.

Leider glaubten sogar Bundesräte und mit Ausnahme der SVP alle Parteien diesen Unsinn. Kopflos gaben sie die Neutralität auf, ruinierten damit das Ansehen der Schweiz und machten sie zur Kriegspartei gegen die Atommacht Russland, die der Schweiz noch nie etwas zuleide tat.

Die «Putin-Versteher» verstanden nicht nur Putin besser, sondern auch die Lage der Ukraine.

Bis zuletzt glaubte die NZZ an einen militärischen Sieg der Ukraine. Den amerikanischen Präsidenten Trump schimpfte sie einen Handlanger des Kremls, weil er mit Putin über einen Friedensvertrag verhandeln und keine Bomben werfen wollte.

Wenig charmant fielen die Kommentare der Kollegen aus, als schon kurz nach Russlands Einmarsch der amerikanische Diplomatie-Doyen Henry Kissinger der Ukraine zu Gebietsabtretungen riet, um weit Schlimmeres noch abzuwenden.

Bereits im April 2022 trafen sich Russen und Ukrainer bei Erdogan in Istanbul. Eine Lösung war in Griffweite, doch die Medien, vorneweg die NZZ, setzten auf Krieg. Gross war der Jubel, als Boris Johnson den Ukrainern die Friedensflausen austrieb.

Jetzt aber, schreibt die gleiche NZZ, sei «Zeit für Frieden». Auch die Gebietsabtretungen, die man kategorisch ausgeschlossen hatte, seien inzwischen «unausweichlich». Jeder Friedensplan von Trump, hört, hört, «ist besser als das endlose Sterben».

Unausweichlich öffnet sich der Abgrund eines journalistischen Totalversagens. Den Frieden, dessen Zeit gekommen sei, hätte die NZZ jederzeit und schon im April 2022 haben können – zu deutlich besseren Bedingungen für die Ukraine.

Doch damals waren nur «Putin-Versteher» und «Kreml-Propagandisten» der Meinung, dass die Ukraine mit jedem Tag, an dem sie weiterkämpft, ihre Karten nicht stärkt, sondern schwächt.

Aber wie sich nun herausstellt, verstanden die «Putin-Versteher» nicht nur Putins Russland besser, sondern auch die Situation der Ukraine, die von Medien wie der NZZ auf einem Kurs bestätigt wurde, der sich für das Land längst als fatal erwies.

«Es ist Zeit für Frieden»: Das sagen jetzt ausgerechnet jene, die den Zeitpunkt für einen Friedensschluss um mindestens drei Jahre verpasst, die eine falsche Politik gepredigt haben, der sie nun hinterher den Anstrich einer logischen Strategie verpassen wollen.

Wir sind gespannt, wie sich die anderen Medienhäuser aus dem toten Ukraine-Winkel ihrer Irrtümer winden. Ein bekannter Verleger dachte zu Beginn der Invasion laut über den Einsatz von Atombomben gegen Putin nach. Von ihm hört man gar nichts mehr.

Ein anderer betitelte den Kreml-Chef noch vor kurzem als «Wladimir Hitler», um dann in einer der schwindelerregendsten Kehrtwenden nur wenige Tage später das exakte Gegenteil zu schreiben und zu einer Verständigung mit «Hitler» aufzurufen.

Selten haben sich unsere Medien so verrannt wie hier und, von Anfang an, jede vernünftige Diskussion über Ursachen und Lösungen dieses Kriegs verweigert. Kritiklos beteten sie die Propaganda unserer Regierungen nach, die nun an der Wirklichkeit gescheitert ist.

Selbstkritik? Fehlanzeige. Man pinselt das eigene Versagen einfach um zu einem «Wir haben es ja immer schon gesagt» und tut so, als sei nichts passiert. Nicht zuletzt der Dummheit und Arroganz der Medien haben wir es zu verdanken, dass das «endlose Sterben» in der Ukraine bis heute weitergeht.

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