Da hat alles eine Mitte, ausser das Universum vermutlich, aber da ist man sich nicht ganz sicher. Ich rede weniger von Mitte als etwas Geografischem, sondern als etwas, das man einen Daseinszustand nennen könnte. Manchmal gelingt das dem Menschen ja auch, dieser Zustand der Ausgeglichenheit. Wenn all die Kräfte, die an ihm zerren, im Gleichgewicht sind und das Schaukeln seiner Existenz ganz sanft wird.
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Für einige ist das Aufspüren der eigenen Mitte kein grosses Ding. Wie gemacht scheinen sie dafür. Sie haben die Kräfte im Griff, mühelos beinahe, oder sie wirken nur schwach auf sie ein. Sie bewegen sich dann nicht mehr an den Rändern, die um die Mitte kreisen und häufig schwarze Löcher erzeugen, wo Sog ist und die Geschwindigkeit sich erhöht, und wenn das Leben, weil es, wie man ja weiss, eben lebensgefährlich ist, sie trotzdem aus der Mitte ihrer selbst zu drängen droht, dann ist der Magnetismus ihres Zentrums oft stark genug, um nicht in die Zonen der steten Verwehungen zu geraten. Für manche scheint die Schwerkraft eines in der Mitte gefestigten Lebens etwas vielleicht Mittelmässiges zu besitzen, weil die extremen Amplituden fehlen, aber ich hätte gerne ein Leben mit mehr Mitte, ehrlich gesagt.
Lange schien mir meine Mitte nicht nur unerreichbar, sondern auch keine lohnende Reise wert. Oder eine zu anstrengende, mag auch sein. Ich lebte an den Rändern, wo das Sein schneller, aber nicht dauerhaft kondensiert, dort, wo Triebkraft einen beschleunigt. Eine Reise zum Mittelpunkt meines Ichs schien mir zu beschwerlich, zu umständlich und zu unsicher vor allem. Was sollte ich dort finden, wo doch jeder Romantiker, Tagedieb, Taugenichts oder von der Philosophie sanft Beschienener weiss, dass das Ich zwar ein Kontinent ist, aber ein unerreichbarer.
Und vor allem wusste ich, dass der Mensch ja oft immer das will, was er gerade nicht hat. Wenigstens jene, die nicht mehr oder weniger vollumfänglich zu ihrer Mitte oder in sie hineingefunden haben. Das ist, fällt mir gerade auf, ein weiterer Vorteil des Gemittetseins – dass man sich nicht mehr danach sehnen muss, was man gerade nicht hat. Ich weiss nicht, ob man so wirklich glücklich wird; aber zufrieden, so stelle ich mir vor, auf alle Fälle.
Ich komme auf diese zugegeben etwas grob gegärten Gedanken, weil ich mich gerade in einer Phase der Gefühlsirritationen wiederfinde. Ich sitze noch in Griechenland, meine kleine Familie ist abgereist, und ich vermisse sie. Das ist passiert. Man könnte sagen, «Bahnerth, alles in Ordnung, Heulsuse», aber ich habe sie noch nie mit so viel, wie soll ich sagen, Inbrunst vermisst. Meist sass ich dann da mit einer Portion Erleichterung, ein bisschen schlechtem Gewissen, das war aber auch schon alles.
Irgendetwas hat sich verändert, ich spüre es. Ich weiss nicht, ob das etwas mit dem Altern zu tun hat, dieser organischen Verengung des Daseinsradiusses, oder ob der einsame Wolf in mir aufhört, umherzustreunen, müde und antriebslos geworden ist. Oder ob mir meine kleine Familie so sehr zum Mittelpunkt geworden ist, dass ich ohne sie wieder Gefahr laufe, an jene Ränder zu geraten, die ich bereits verlassen zu haben glaubte.
Schon als ich allein vom Flughafen zurückfuhr, vermisste ich das Lachen meiner Tochter und das Gefummel meiner Lady an der Klimaanlage, weil es mal zu heiss, dann wieder zu kalt ist in der Regel. Vermisste die Frage meiner Tochter, wie lange eine Stunde ist, oder ob man eine Stunde auch kürzer machen kann, und die Aufzählungen meiner Frau, was wir noch alles einkaufen müssten, abgesehen von Mistkübelsäcken, Spülmittel, Insektenschutz, Obst, Pflaster und so weiter.
Ich kam ins Haus, und da waren sie noch, obwohl beide schon im Flugzeug sassen, die Badekleider, die Badeschuhe, Kuscheltiere, Spiegel-Bestseller, Haarbürsten auf dem Küchentisch. Und ich sass dann da, wartete, bis der Espresso durchgelaufen war, inmitten dieser lebendigen Abwesenheit. Seit Jahren kam mir wieder einmal ein Satz von Hemingway in den Sinn: dass ein Mann allein keine verdammte Chance hat. Egal, wo er sich bewegt, in der Mitte oder an den Rändern.

