99 Prozent Illusion
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99 Prozent Illusion

Tamara Wernli

99 Prozent Illusion

Wie unrealistische Vorstellungen vom perfekten Partner junge Frauen und Männer beeinflussen.
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Über eine Million Aufrufe hat mein aktuelles Video bei Instagram. Der virale Erfolg liegt allerdings weniger an meiner Genialität als Videoproduzentin (auch wenn der Gedanke verlockend ist), sondern an der Faszination, die die Traumvorstellungen junger Frauen über den «perfekten Mann» offenbar auslösen.

Illustration: Fernando Vicente
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Illustration: Fernando Vicente

In zahllosen Social-Media-Clips werden Frauen gefragt: «Wie viel muss ein Mann verdienen, um dein Herz zu erobern?» – «Zehntausend, also mindestens zehntausend im Monat», erklärt eine hübsche, gutgekleidete junge Frau todernst. «Zehntausend», bestätigt die Nächste. Sie sind keine Seltenheit. Und eine Podcasterin meint: «An alle Mädels, die ein ganz okayes Leben haben wollen, aber auch Sprinkle Sprinkle: Der Mann muss laut meinen Berechnungen 6000 Euro netto im Monat verdienen.» Sprinkle Sprinkle – ein Tiktok-Slang für ein bisschen Glitzer im Leben.

In meinem Video habe ich drei solcher Szenen gezeigt und aus purer Neugier kurz gerechnet. Mithilfe der Analyse-Website arm-und-reich.de, auf der man das eigene Einkommen in Relation zur Bevölkerung sehen kann, gab ich ein: Männer, Deutschland, Nettoeinkommen. Die Skala reicht nur bis 8000 Euro – also nahm ich diese Zahl. Ergebnis: Der Traumtyp liegt in den obersten 1 Prozent der Verdiener. Anders gesagt: 99 Prozent aller Männer fliegen damit aus dem Dating-Teich besagter Damen. Die mit 6000 Euro netto «anspruchslose» (Zwinkersmiley) Lady sucht immerhin in den Top 4 Prozent. Fallen also 96 Prozent weg. Seien wir grosszügig und runden auf 10 Prozent verbleibende Männer.

Viele staunten, wie wenig manche hinterfragen, was sie selbst zu bieten haben.

Dann kommt die Körpergrösse. «Warum viele Frauen nach wie vor auf grössere Männer stehen» titelte der Tages-Anzeiger – und sprach damit eine uralte Wahrheit aus. Der Durchschnittsmann in Deutschland misst 1,79 Meter (in der Schweiz 1,78). Wenn man von «gross» spricht, meint man meist deutlich grösser, also 1,83 oder mehr. Zack – die Hälfte der verbliebenen Kandidaten fällt weg. Wir sind bei etwa 5 Prozent. Addieren wir weitere Extras, die Männer für Frauen attraktiv machen: gutes Aussehen, guter Körper, gut gekleidet, gebildet, gepflegt, charmant, lustig, sensibel, intelligent. Na ja, die Kombination modisch, gebildet, gepflegt, charmant erhöht allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass er homosexuell ist. Seien wir fair, ziehen wir die Hälfte ab, geben wir den Heteros eine Chance – bleiben etwa 2,5 Prozent.

Wer jetzt noch im Topf ist, ist vermutlich vergeben. Bleibt also, wenn wir sehr, sehr grosszügig rechnen, 1 Prozent aller Männer übrig. Das Problem: Dieser Mann weiss, dass er zum oberen Prozent gehört, und hat entsprechend eine Riesenauswahl an Frauen. Und natürlich auch Ansprüche. Die entscheidende Frage lautet also: Erfüllst du seine Kriterien? Checkst du seine Boxen? Am Ende meines Reels habe ich diese Frage in den Raum geworfen und damit wohl einen Nerv getroffen: Viele staunten, wie wenig manche hinterfragen, was sie selbst zu bieten haben, während sie gleichzeitig die Latte für andere hoch legen.

 

Woher kommen diese überzogenen Vorstellungen? Einerseits sind sie Ausdruck individueller Wünsche, andererseits das Ergebnis einer digitalen Kultur, die Perfektion inszeniert. Auf Plattformen wie Instagram präsentieren Influencerinnen und Influencer eine permanente Flut makelloser Bilder von Schönheit, Luxus und Erfolg, oft fernab der Realität. Diese ständige Konfrontation mit idealisierten Lebenswelten kann bei jungen Frauen den Eindruck erwecken, solche Standards seien leicht erreichbar oder gar selbstverständlich. So verlieren sie den Bezug zur Wirklichkeit, in der der Durchschnittsverdienst vollzeitbeschäftigter Männer in Deutschland unter 3000 Euro netto im Monat liegt.

Diese Diskrepanz zwischen digitaler Inszenierung und realer Welt führt zu verzerrten Erwartungen – nicht nur an sich selbst, wie ich hier schon einmal geschrieben habe, sondern auch an andere, insbesondere an Männer. Junge Männer sehen, dass «gut genug» plötzlich fast unerreichbar scheint. Und während sich die einen vergleichen, an sich zweifeln und fragen, wie sie «matchwürdig» sein können, wächst bei anderen der Frust über Frauen stetig.

Ein bisschen Selbstreflexion und realistischere Massstäbe könnten helfen, das «Sprinkle Sprinkle» wieder in Perspektive zu rücken.

 

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