Der Kommentar stand unten rechts auf Seite 2 der Bild-Zeitung, und der Titel des Kommentars, wie es sich für die Bild gehört, war auf den Punkt gebracht: «Totalschaden».
Der Kommentar stammte von Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer-Verlags, und damit dem obersten General der Bild. Den Totalschaden verursacht hatten, so Döpfner, die «sogenannten Leitmedien». Denn deren Berufsmaximen sind «politische Einseitigkeit, Vorverurteilung und moralische Doppelstandards».
Illustration: Fernando Vicente
Döpfner bezog sich in seinem Kommentar auf die Medienkampagne gegen Hubert Aiwanger, den konservativen Chef der Freien Wähler und stellvertretenden Ministerpräsidenten in Bayern. Die links-grünen Leitmedien, angeführt von Süddeutscher Zeitung und Spiegel, unterstellten Aiwanger, als sechzehnjähriger Gymnasiast ein antisemitisches Flugblatt verfasst zu haben, und forderten seinen Kopf. Der Vorwurf erwies sich dann als hundertprozentige Fake News aus rötlich gefärbter Journalistenhand.
Ich finde, Döpfner hat mit seiner Kritik vollkommen recht. Er beklagt im Fall Aiwanger einen handwerklich unterirdischen Pfusch, gepaart mit einer moralisch überirdischen Anmassung. Dass Döpfner das kollektive Versagen seiner eigenen Branche thematisiert, macht ihn einzigartig. Er ist einzigartig, weil er als einziger hochrangiger Verlagsvertreter auch mal eine Selbstkritik zur eigenen Industrie formuliert. Das traut sich in der ansonsten farblosen Welt von Deutschlands Medien-Management sonst keiner.
Es ist dann immer putzig, wie die Journalisten auf eine Döpfner-Schelte reagieren. Die deutschen Journalisten sind ja die Weltmeister im Austeilen, doch wehe, man tritt ihnen selber mal ein bisschen auf den Schwanz. Einstecken können sie nicht. Stattdessen heulen sie bei Kritik los wie misshandelte Wachhunde.
Wenn Döpfner der eigenen Gattung etwas heimleuchtet, meldet sich dann umgehend der Deutsche Journalistenverband. «Döpfner zeichnet ein Zerrbild der Medien», protestierte man dann in empörtem Ton.
Das beeindruckt den Springer-Vormann indessen wenig. Es dauert jeweils nur kurze Zeit, bis Döpfner erneut gegen gleichgeschaltete Mainstream-Medien in seinem Land schiesst. «Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken», sagt er dann beispielsweise in einer Rede am Medienkongress.
Nun ist Döpfner in der deutschen Medienszene eine absolute Ausnahme. Er ist der einzige ehemalige Journalist, der an der Spitze eines grossen Verlagshauses steht. Der CEO der Süddeutschen etwa kommt von McKinsey, jener von Burda ist ein Telekom-Mann, jener von Gruner + Jahr ein Finanzer. Von ihnen allen hat man noch nie ein Wort zum Zustand des Journalismus gehört.
Insofern ist Döpfner, der ehemalige Musikkritiker und Chefredaktor der Welt, der Paradiesvogel in den obersten Stockwerken der Medienhäuser. Das demonstriert er gerne auch äusserlich. Wenn seine Berufskollegen korrekt in Sakko und Krawatte aufmarschieren, posiert er in einem dieser modischen Strickhemden mit V-Ausschnitt, die den Hals offen lassen.
Die vereinigten Journalisten warten denn unablässig darauf, es einem der ihren heimzuzahlen, der nicht Journalist geblieben, sondern zum CEO und 20-prozentigen Mitbesitzer eines Konzerns aufgestiegen ist. Die beste Gelegenheit in diesem Jahr kam im April.
Die Zeit veröffentlichte private Chats, SMS und Mails von Döpfner, die dem Blatt zugespielt worden waren. Das Blatt setzte sich über jeden Schutz der Privatsphäre hinweg, denn schliesslich ging es gegen den Bösewicht der Branche.
Voller Abscheu zitierte die Zeit etwa eine Döpfner-Aussage, in der er über die Politik in Ostdeutschland schimpfte: «Die Ossis sind entweder Kommunisten oder Faschisten. Dazwischen tun sie es nicht.» Ebenso empört vermerkte die linksliberale Zeit, dass Döpfner in einer Nachricht Sympathien für die FDP bekundete. Das zeige, «wie Springer-Chef Mathias Döpfner denkt».
Natürlich sprangen die Gesinnungsfreunde in den Medien sofort auf die Zeit-Schiene auf. «Der allerschönste Grössenwahn» titelte die Süddeutsche Zeitung zu Döpfner. «Doktor Döpfners Abgründe», erkannte der Spiegel und attestierte ihm «ein Spatzenhirn».
Das Spatzenhirn zahlte es ihnen nun heim, nachdem Süddeutsche und Spiegel in der Causa Aiwanger so jammervoll auf Grund gelaufen waren: «Totalschaden».

