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Weiche Männer an der Macht

Tamara Wernli

Weiche Männer an der Macht

Warum das neue Ideal auch für Frauen zur Sackgasse werden kann.

Ich mag Männer mit Kante. Deshalb höre ich dem amerikanischen Psychologen Orion Taraban gerne zu, wenn er gegen den Zeitgeist anschwingt. Jüngst fragte er bei Youtube: «Wenn Alpha-Männer die kompetentesten und erfolgreichsten Männer sein sollen, warum stehen dann heutzutage so viele Beta-Männer an der Spitze der Statushierarchien?» Starke männliche Führung sei selten geworden in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, stattdessen tauchten immer mehr Männer auf, die durch Unsicherheit, Angepasstheit und emotionale Zugänglichkeit auffielen – «also eher Beta-Eigenschaften».

Illustration: Fernando Vicente
Weiche Männer an der Macht
Illustration: Fernando Vicente

Er liefert die Erklärung gleich mit: Klassische Alphas würden nicht durch offenen Wettbewerb und Leistung, sondern durch emotionale Einflussnahme, moralische Umpolung und durch strategische Allianzen aus der Macht verdrängt: «Frauen können im Wettbewerb um Macht- und Führungspositionen nicht direkt mit Alpha-Männern konkurrieren, da sind sie körperlich oder psychisch oft unterlegen, also framen sie klassische Männlichkeit als toxisch und verbünden sich – oft unbewusst – mit den weicheren, angepassteren Männern, indem sie ihnen das Gefühl geben: ‹Wenn du uns unterstützt und dich nicht wie diese toxischen Alphas benimmst, bekommst du Anerkennung, vielleicht sogar Liebe.›» Und viele Männer würden sich diesem neuen Ideal anpassen: soft, femininer – aber auch konfliktscheu, entscheidungsschwach und oft ohne klare Richtung.

Die Reissertypen sind nicht immer angenehm im Umgang. Aber sie können führen, statt nur mitzureden.

Natürlich sollen Frauen in traditionell männliche Machtbereiche vordringen; wieso sollten wir uns nicht holen, was uns zusteht? Tarabans These lässt sich nicht auf alle ehrgeizigen Frauen übertragen; viele kämpfen aus Überzeugung und eigener Kraft für ihre Ziele. Und doch erkenne ich in der beschriebenen Dynamik eine in Teilen der Gesellschaft spürbare Tendenz: dass Frauen und Männer zusammenwirken, um traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und alles, wofür diese steht, zu verdrängen.

Es fällt einem schon auf, wie viele Männer an der Spitze wie Fähnlein im Wind agieren: opportunistisch, sich öffentlichem Druck beugend, statt für ihre Prinzipien einstehend. Oder wenn etwa feministische Stimmen ihnen alles Böse der Welt vorwerfen, ducken sie sich lieber und stammeln lauwarme Entschuldigungen. Wer sein Selbstbild davon abhängig macht, wie eine dauerempörte Öffentlichkeit es bewertet, verliert die Orientierung über sich selbst. Wenn, wie Taraban beschreibt, viele Männer aus solchen Allianzen heraus versuchen, einem von Frauen definierten, sanfteren Ideal zu entsprechen, entsteht eine Gesellschaft voller sanfter, angepasster Männer. Und seien wir ehrlich: Welche Frau will schon einen Mann, der sich nur anpasst, keine eigene Haltung zeigt und nur mitläuft?

Leistungsstarke, ehrgeizige, energiegeladene Männer sind schwer zu übertrumpfen – selbst für andere Männer. Sie kommen oft mit wenig Schlaf aus, nehmen lange Arbeitszeiten in Kauf, ordnen alles der Karriere unter und verfügen über eine enorme Belastbarkeit und Zielstrebigkeit, die ihnen im Wettbewerb klare Vorteile verschaffen. Diese «verrückten» CEOs, über die heute viele klagen, weil sie angeblich toxisch seien, sind tatsächlich seltener geworden. Sobald eine Gesellschaft ein gewisses Mass an Sicherheit und Wohlstand erreicht hat, wünscht man sich weniger das schnelle und kompromisslose Vorgehen – der klassische Alpha ist vielen zu anstrengend —, sondern eher angenehme, teamfähige, sensible und anpassungsbereite Männer. Man setzt auf die «Sanften und Netten» – doch die reissen oft weniger. In harten Zeiten oder beim Aufbau von Neuem braucht es jedoch die Reissertypen. Sie sind nicht immer angenehm im Umgang: nicht besonders harmoniebedürftig, oft dominant, manchmal aggressiv. Sie sind die Lautesten, sie wollen bestimmen, wo’s langgeht. Sie ziehen ihr Ding durch, es ist ihnen egal, ob alle nett sind und «Kumbaya »singen. Aber sie können führen, statt nur mitzureden – und Druck aushalten.

Natürlich will niemand testosterongeladene Tyrannen an der Spitze. Der Grat zwischen durchsetzungsstark und zerstörerisch ist schmal und kippt schnell ins Autoritäre. Die Weltpolitik liefert genügend Beispiele. Doch ob es einer Gesellschaft wirklich besser geht, wenn die Alpha-Männer erst einmal erfolgreich aus dem Verkehr gezogen sind, lässt Taraban offen
.

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