Weibliche Superkraft
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Weibliche Superkraft

Tamara Wernli

Weibliche Superkraft

Frauen bleiben deutlich häufiger bei ihren schwerkranken Partnern als umgekehrt.

Stellen Sie sich vor: Sie liegen im Krankenhaus. Diagnose: unheilbar krank. Ihr Leben ist in Trümmern. Die Hoffnung geschmolzen, die Schmerzen da. Und an Ihrem Bett – ist niemand. Er ist gegangen. Nicht weil Sie gestritten haben oder es unüberwindbare charakterliche Differenzen gibt. Sondern weil Sie krank geworden sind.

Illustration: Fernando Vicente
Weibliche Superkraft
Illustration: Fernando Vicente

21 Prozent. So viele Männer trennen sich von ihrer Partnerin, wenn sie unheilbar erkrankt und sie zu ihrem Pfleger werden. Ist ein Mann unheilbar krank und die Frau wird zu seiner Pflegerin, liegt die Trennungsrate bei 2,9 Prozent. Das bedeutet: Männer verlassen ihre schwerkranke Partnerin über sieben Mal häufiger als Frauen ihren Partner. Das hat eine Studie aus der Krebsforschung mit heterosexuellen Paaren ergeben, auf die der bekannte Podcaster Steven Bartlett bei «The Diary of a CEO» Bezug nimmt. Er zitiert aus dem Buch «Find Love», geschrieben hat es sein Gast, der renommierte Beziehungsexperte Paul Brunson.

Brunson nennt es alarmierend – und entlarvt dabei einen romantischen Irrglauben, an dem viele nur zu gerne festhalten: den Glauben, dass Liebe bedingungslos sei. «Das mag auf unsere Kinder zutreffen», sagt er, «aber nicht auf unsere Partner.» In Paarbeziehungen ist Liebe fast immer an Bedingungen geknüpft: Zuneigung, Intimität, Geborgenheit et cetera. In Gesprächen mit jenen Männern, die ihre Partnerin auf dem Sterbebett verlassen haben – und auch mit den Frauen, die gegangen sind –, gaben fast alle denselben Grund an: Sie haben nicht mehr bekommen, was sie brauchten; emotionale Nähe, körperliche Nähe oder beides. Und genau diese fehlende Erfüllung einer Bedingung war der Grund, zu gehen, so Brunson. Ich habe Männer in meinem Bekanntenkreis, die für ihre sterbenskranke Partnerin alles tun, was möglich ist.

In Paarbeziehungen ist Liebe fast immer an Bedingungen geknüpft: Zuneigung, Intimität, Geborgenheit.

Dennoch: Warum gehen so viel mehr Männer als Frauen? Ein Teil der Antwort liegt sicher im Egoismus. Wer geht, weil er nicht mehr bekommt, was er will, während der andere gerade um sein Leben kämpft, handelt aus reinem Eigeninteresse, ob bewusst oder unbewusst. Es geht dann nicht mehr darum, was der andere braucht – sondern nur noch darum, was einem selbst fehlt. Es ist ein grausamer Rückzug aus der Verantwortung. Sicher spielen oft auch Unsicherheit eine Rolle und der Unwille, sich dem Schmerz eines geliebten Menschen wirklich auszusetzen, also eine Art Selbstschutz. Wenn der Alltag plötzlich extrem herausfordernd und zur emotionalen Last wird, geraten manche an ihre Grenzen, sind überfordert. Fürsorge verlangt Stärke – nicht nur körperlich, vor allem seelisch. Vielleicht fällt das manchen Männern schwerer, weil sie tendenziell weniger gut gelernt haben, mit emotionaler Verletzlichkeit umzugehen.

Dass viel mehr Frauen als Männer bei ihren kranken Partnern bleiben, ist meiner Meinung nach kein Zufall: Fürsorge und Empathie liegen sehr vielen Frauen tief in ihrer DNA. Sie sind eine der grössten weiblichen Stärken – eine Superkraft, die oft leise und unauffällig daherkommt. Dieses Bedürfnis und gleichzeitig die Fähigkeit, da zu sein, zu halten, zu tragen, zu bleiben, auch wenn es richtig schwer wird, sind Grundpfeiler unserer Gesellschaft, ohne die unser soziales Gefüge auf ewig zerbrechen würde. Das ist kein verträumtes Klischee – es zeigt sich immer wieder im Alltag. Im Moment der grössten Krise zu bleiben, heisst, Verantwortung für die Beziehung zu übernehmen – auch dann noch, wenn kaum mehr etwas zurückkommt.

 

Wenn ein Mann seine Partnerin in ihrer grössten Not verlässt, stellt sich auch die bittere Frage: Hat er sie überhaupt je wirklich geliebt? Oder hat er nur das geliebt, was sie für ihn war, die gesunde Version von ihr – ihre liebevolle Art, ihre organisatorischen Fähigkeiten, ihre Qualitäten als Mutter der Kinder? Vielleicht hat er einfach ihre Funktion geliebt.

Manche Männer müssen sich klarwerden, dass Liebe sich nicht in den leichten Momenten zeigt. Nicht im Urlaub, nicht im Sex. Sondern im anspruchsvollen Alltag – und vor allem in der Fähigkeit, nicht wegzulaufen, wenn es unbequem wird, zu bleiben, auch wenn es alles von einem fordert. Wer in solchen Momenten geht, war vielleicht emotional nie in der Lage, sich wirklich auf die Beziehung einzulassen. Er ist in seiner eigenen Entwicklung stehengeblieben und hat die Reife, die es für Liebe auf Augenhöhe braucht, nie erreicht.

 

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