Ein spezielles Phänomen unserer Zeit ist, dass Ansichten, die von der grossen Mehrheit der Gesellschaft getragen werden, plötzlich als «kontrovers» gelten. + ist nicht mehr nur, wer extreme Thesen vertritt – es reicht schon, wenn man ausspricht, was viele denken. Wer sagt, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt, gilt als kontrovers. Wer es problematisch findet, wenn biologische Männer im Frauensport antreten, ebenso. Und wer meint, dass irreversible Geschlechtsumwandlungen an Kindern gesetzlich verboten sein sollten: auf den Scheiterhaufen! Dabei ist es genau umgekehrt. Es ist kontrovers, zu glauben, das Geschlecht sei ein soziales Konstrukt, ein Mann dasselbe wie eine Frau – und dass Kinder fähig seien, über medizinische Eingriffe selbstbestimmt zu entscheiden.
Illustration: Fernando Vicente
Unpopuläre Meinungen werden eher verziehen, wenn sie mit Freundlichkeit vorgetragen werden.
Weil es vielen stille Momente der Befriedigung verschafft, sich an Kontroversen abzuarbeiten, werden Menschen ständig nur noch verurteilt – und, damit das noch leichter fällt, Aussagen oft absichtlich falsch verstanden, um dann umso genüsslicher über den Absender herzufallen. Anprangern hat keine Zeit für Nuancen. So läuft das Spiel bei vielen Triggerthemen. Trotzdem gibt es Tricks. Wer weiss, wie man seine «kontroverse» Meinung richtig verpackt, wird vielleicht nicht sofort gelyncht. Vielleicht.
1 _ Geübte Rhetoriker stellen ihrer umstrittenen Ansicht oft den Satz voran: «Das ist nur meine subjektive Meinung, ich kann auch falschliegen.» Menschen, die mit Meinungen konfrontiert werden, die sie für falsch oder gefährlich halten, fühlen sich schnell persönlich angegriffen – selbst wenn sie gar nicht direkt betroffen sind. Dieses Gefühl lässt sich abfedern, indem man durchblicken lässt, dass die eigene Sichtweise nicht der alleinige Massstab ist. Eine Meinung ist ja selten einfach richtig oder falsch, meist prallen zwei Ansichten aufeinander, weil wir Dinge unterschiedlich interpretieren und bewerten – geprägt von unseren Überzeugungen und Lebenserfahrungen. Wer also schon im Voraus einräumt, sich irren zu können, dämpft den Aufprall und erhöht die Chance, dass das Gegenüber überhaupt zuhört. Keine Angst: Ein weiches Einstiegskissen federt nur ab – es dämpft nicht den Inhalt. Scharfes Essen wird durch einen Schuss Milch auch nicht weniger scharf, nur leichter verträglich.
2 _ Psychologen empfehlen, eine (vermeintlich) umstrittene Meinung mit einer gewissen Leichtigkeit zu präsentieren. Auch das kann die Reaktion des Gegenübers abmildern. Wer als Wutmensch auftritt, provoziert oft nur noch mehr Wut. Also: Nicht so tun, als ginge es bei dem Argument um Leben und Tod.
3 _ In hitzigen Debatten empfiehlt es sich, einen gemeinsamen Nenner zu finden, beispielsweise, indem man einem Argument teilweise zustimmt. Wer den Standpunkt der anderen Seite zumindest in einem Aspekt anerkennt, verhindert, dass diese sich komplett gegen einen stellt. «Sie haben natürlich recht, wenn Sie sagen, dass jeder Mensch Respekt und faire Behandlung verdient. Da bin ich völlig bei Ihnen. Dennoch bin ich der Meinung, dass im Frauensport klare Regeln wichtig sind, um einen fairen Wettbewerb zu garantieren. Gerade in Sportarten wie Boxen kann es wirklich gefährlich werden, wenn biologische Männer gegen Frauen antreten, weil das Verletzungsrisiko wesentlich steigt.»
4 _ Charismatische Rhetoriker lassen immer wieder ein – ehrlich gemeintes – Lächeln einfliessen, vor allem, wenn sie kontroverse Positionen vertreten. Es signalisiert: Hier kommt kein Angriff, ich bin kein Feind. Unpopuläre Meinungen werden eher verziehen, wenn sie mit Freundlichkeit statt anklagend vorgetragen werden. Lächeln entkrampft, und wer weniger verkrampft ist, hört eher zu.
Das Problem ist, dass die Verbohrten natürlich nicht zuhören, und zahlenmässig ist diese Fraktion in unserer Gesellschaft erstaunlich gut vertreten. Diese Leute konsumieren ausschliesslich Medien, die ihr Weltbild bestätigen, tauschen sich am liebsten nur mit Gleichgesinnten aus, weil es – zugegeben – viel bequemer ist und ihre Überzeugungen nicht in Frage stellt. Sie erreicht man auch nicht, indem man versucht, ein Schlüsselloch in ideologisch zubetonierte Fronten zu bohren. Aber: Für alle anderen lohnt es sich, die Kunst der Gesprächsführung nicht kampflos aufzugeben.
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