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ESSAY

Vertrauen – die letzte harte Währung

Weniger als die Hälfte der Finanzhäuser schafft es, Werte glaubwürdig zu vermitteln. Als Anleger lohnt es sich, genau hinzuschauen: nicht nur, was jemand verspricht, sondern auch wer es sagt – und wie er oder sie sich verhält, wenn es darauf ankommt.
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Florenz um das Jahr 1450, früher Morgen. Der Duft von frisch gebackenem Brot und gegerbtem Leder liegt über der erwachenden Stadt. Händler öffnen ihre Läden, Metall klirrt, Stimmen hallen zwischen den Palazzi. In der Via Larga öffnet die Familie Medici die Türen zu ihrem Bankhaus. Es ist kein Tresorraum, der Kunden anzieht, sondern eine Haltung: Diskretion, Zuverlässigkeit, Bildung – und das Versprechen, Geld in Bewegung zu halten, ohne Vertrauen zu verlieren. Die Medici verstanden früh, dass Geld nur so stark ist wie der Glaube an jene, die es verwalten.

© KEYSTONE / GAETAN BALLY
Identität aufbauen: Consultant Kramer.
© KEYSTONE / GAETAN BALLY

Vertrauen ist seit je das Fundament der Finanzwelt – unsichtbar, aber unverzichtbar. Geld kann man schaffen, Vertrauen muss man gewinnen. Vertrauen steht heute nicht unter Bedrohung, sondern unter Bewährung: in einer Zeit, die immer digitaler, schneller und entkoppelter wird.

Früher war Vertrauen persönlich. Man kannte seinen Banker, seine Filiale, seine Stimme am Telefon. Heute investieren wir über Apps, folgen Algorithmen und vertrauen Daten, die wir nicht verstehen. Wir lassen uns von Google Maps führen, um den nächsten Stau zu umfahren, und merken dabei kaum, wie sehr wir gelernt haben, Maschinen zu glauben. Die Medici hätten das wohl für Zauberei gehalten – und vielleicht gefragt, wem wir da eigentlich unser Vertrauen schenken.

 

Wenn «Maisons» Charakter zeigen

Finanzdienstleistungen werden digitaler, effizienter, günstiger. Robo-Advisors managen Portfolios, KI generiert Marktanalysen, Blockchain-Systeme verwalten ganze Vermögen – anonym, transparent, unbestechlich. Das ist gut so. Doch Vertrauen entsteht nicht im Code, sondern im Charakter eines Hauses. Es wächst dort, wo Haltung, Geschichte und Verhalten eine erkennbare Einheit bilden.

Der RIBI (Responsible Investment Brand Index), der jährlich über 600 Asset-Manager weltweit untersucht, zeigt, wie gross die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist. Nur rund die Hälfte der Finanzhäuser kann überhaupt erklären, wofür sie steht. Und weniger als die Hälfte schafft es, Werte glaubwürdig zu vermitteln. Das klingt abstrakt – ist aber konkret messbar: Firmen mit klarer Identität gewinnen signifikant mehr Vertrauen und Kundenbindung. Sie wachsen langfristig stabiler, selbst wenn die Märkte wackeln. Oder anders gesagt: In einer Welt, in der Produkte austauschbar werden, entscheidet zunehmend, wer sie anbietet, nicht was angeboten wird.

 

Technologie ersetzt keine Haltung

Anleger handeln weit weniger rational, als sie glauben – das gilt für Privatanleger ebenso wie für institutionelle Profis. Heute gilt als wissenschaftlicher Konsens: ohne Emotion keine Entscheidung. Fakten dienen dazu, sie zu begründen – ausgelöst werden sie durch Gefühl, Vertrauen und Instinkt.

Eine Blockchain mag Transaktionen fälschungssicher machen, doch sie ersetzt keine Kultur, die Vertrauen lebt. Ein Algorithmus kann Daten lesen, aber keine Werte verkörpern. Vertrauen entsteht dort, wo Verantwortung beginnt. Dort, wo Institutionen diese nicht nur verwalten, sondern leben – in ihrer Haltung, ihrer Geschichte, ihrem täglichen Handeln.

Ein Beispiel: Als vor kurzem die UBS die Credit Suisse übernahm, entstand mehr als eine Marktverschiebung. Es entstand ein psychologisches Vakuum. Viele Kunden fragten nicht zuerst nach Rendite, sondern: Wem kann ich jetzt noch vertrauen?

Die Medici verstanden früh, dass Geld nur so stark ist wie der Glaube an jene, die es verwalten.

Dass Institute wie die ZKB, Vontobel ober Pictet danach Zuflüsse verzeichneten, lag nicht an höheren Zinsen, sondern an ihrer Haltung. Diese Häuser haben über Jahrzehnte eine Identität aufgebaut, die glaubwürdig, konsistent und menschlich geblieben ist – auch in Krisenzeiten.

Gleiches gilt für neue Player: Fintechs gewinnen über die Zeit nicht durch Werbung, sondern durch ein klares Markenversprechen: Transparenz, Einfachheit, Fairness. Ihre Identität ist ihr Produkt. Es werden Blockchain-Banken und digitale Asset-Manager mit Büros am Paradeplatz entstehen – Orte, an denen Nahbarkeit gelebt wird und sich das Menschliche fliessend mit den immer digitaleren Datenströmen verbindet.

Der Psychologe Dan Ariely bringt es auf den Punkt: «Wir überschätzen ständig, wie rational wir sind.» Anleger folgen Stimmungen, Stimmungen folgen Geschichten, und Geschichten brauchen Erzähler. Aber Identität ist kein Marketingthema, kein Re-Branding, kein neuer Anstrich, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Sie ist der Rahmen, in dem Verhalten interpretiert wird.

Das lässt sich empirisch belegen: Der Edelman Trust Index zeigt seit Jahren, dass Finanzinstitute, die als nahbar wahrgenommen werden, bis zu 40 Prozent höhere Kundenbindung erzielen. Vertrauen wirkt wie ein Zinseszins – es wächst langsam, aber exponentiell.

Wer heute Geld anlegt oder verwalten lässt, sollte nicht nur auf Renditen und Gebühren achten, sondern auch auf Haltung. Welche Werte prägen das Haus, dem ich mein Vermögen anvertraue? Wie konsequent handelt es, wenn Märkte schwanken oder wenn der Wind dreht?

Als 2023 die UBS die Credit Suisse übernahm, entstand ein psychologisches Vakuum.

Eine glaubwürdige Identität zeigt sich nicht in Werbeslogans, sondern im Verhalten – in der Art, wie eine Bank oder ein Vermögensverwalter kommuniziert, Verantwortung übernimmt und mit Fehlern umgeht. Sie liegt in den kleinen Dingen: ob ein Berater erreichbar ist und zuhört, ob Entscheidungen nachvollziehbar sind, ob Versprechen auch dann gelten, wenn es unbequem wird.

Denn Vertrauen entsteht über Zeit, durch Taten, nicht durch Worte. Als Anleger lohnt es sich, genau hinzuschauen: nicht nur, was jemand verspricht, sondern auch wer es sagt – und wie er oder sie sich verhält, wenn es darauf ankommt.

Vertrauen ist kein Relikt vergangener Zeiten, sondern das Fundament jeder funktionierenden Wirtschaft – damals in Florenz, heute im digitalen Finanzsystem. Die Medici wussten, dass Geld nur ein Werkzeug ist und sein Wert von jenen abhängt, die es führen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wer Vertrauen schafft, schafft Stabilität. Und wer Stabilität schafft, ermöglicht Fortschritt. Geld mag sich schneller bewegen als je zuvor, doch es folgt noch immer der gleichen Schwerkraft: der harten Währung des Vertrauens.

 

Markus Kramer ist Managing Partner bei Brand Affairs, Senior Visiting Fellow an der Bayes Business School in London, Co-Autor des Swiss Private Banking Identity Index (SPBIx) sowie des weltweiten Responsible Investment Brand Index (RIBI).

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