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Der Bergwald ist unverzichtbar für den Alpenraum und braucht Bewirtschaftung. Ungepflegter Wald verliert über kurz oder lang seine Schutzwirkung.
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Der Bergwald ist ein Multitalent. Quasi die eierlegende Wollmilchsau, die jonglierend Fahrrad fährt. Er liefert Holz, Arbeitsplätze, Schutz vor Naturgefahren, Erholung und Gesundheit, vielfältige Lebensräume sowie Wildfleisch und Honig, reinigt Wasser und Luft und puffert das Mikroklima. Die Wertschätzung für die ganzen Leistungen ist allerdings gering. Die Wertschöpfung noch geringer.

© KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Multitalent: Blick auf Vättis. Ein Grossteil der Waldfläche um die Gemeinden Bad Ragaz und Pfäfers dient als Schutzwald.
© KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER

In der Besiedlungsgeschichte der Schweiz spielte der Wald eine zwiespältige Rolle. Für die Landwirtschaft war er ein Hindernis und wurde gerodet. Bergbauern und Älpler stillten den Hunger und werden mit traditionellen Riten und Bräuchen gefeiert. Dem Holzknecht ist diese Ehre versagt. Jedoch, ohne Holzställe, -häuser, -hütten und -brücken wäre die Kulturlandschaft gar nicht besiedelt worden. Heurechen und anderes Werkzeug, Ackerpflug und Kuhfuhrwerk waren aus Holz. Ohne Feuerholz gäbe es keinen Käse, keine Gerstensuppe, kein Brot, keine warme Stube. Kein 1.-August-Feuer zum Schweizer Geburtstag.

 

Harz und Flechten

Waldbesitz bedeutete bis in die 1980er Jahre ein reiches Einkommen. Heute ist der Bergwald eine finanzielle Belastung. Auch jenseits der Holzernte sind Bewirtschaftung und Pflege unverzichtbar. Dörfer, Einzelhöfe, Strassen, Bahnlinien, Bergbahnen, Stromleitungen und Wasserkraftwerke sind auf stabile Schutzwälder angewiesen. 70 Prozent der Waldfläche im Alpenraum dienen der Abwehr vor Naturgefahren. Im Tessin sind es gar 93 Prozent. Der volkswirtschaftliche Nutzen des Schutzwaldes wird auf über vier Milliarden Franken pro Jahr beziffert.

Waldpflege heisst Bäume fällen. Ungepflegter Wald verliert über kurz oder lang seine Schutzwirkung. Im Urwald gehören Zerfallsphasen zum natürlichen Lauf der Dinge. Bäume erreichen ihr natürliches Lebensalter, es treten Windwurf und Schneebruch, Feuer, Borkenkäfer und andere Schädlinge auf. Der Zusammenbruch kann grossflächig passieren. Das ist für die Natur unbedeutend. Ebenso wie Erdrutsche und Lawinen, die bis ins Tal donnern. Wenn man die Natur machen lässt, entsteht stets wieder Wald. Natur ist nicht stabil, zumindest nicht im Kleinen. Aber sie kann allerlei Störungen ausgleichen. Das dauert manchmal Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Die Natur hat Zeit.

Der Mensch funktioniert in anderen Zeiträumen. Das liegt nicht nur an seiner Ungeduld. Der Urwald ist auf Dynamik und Wandel angelegt, die Kulturlandschaft auf Stabilität und Konstanz. Urwald ohne Katastrophen ist kein Urwald. Urwald mit Katastrophen ist nicht menschenverträglich. Mit der Besiedlung des Alpenraums hat der Mensch A gesagt. So lange er hier wohnen will, muss er auch B sagen. Er muss den Wald weiterhin pflegen.

Der Begriff «Bergwald» löst mannigfaltige Assoziationen aus: Duft von frischem Harz, flechtenbehangene, schlanke Tannen, alte und junge Bäume buntgemischt, weiche Moospolster, Vogelgezwitscher. Klingt nach Natur pur. Ist aber Kulturwald. Urwald gibt es fast keinen. Primärwald, also Wald, in dem keinerlei Spuren einer früheren Nutzung gefunden wurden, gibt es in den Schweizer Alpen nur im Wallis (Derborence, 0,25 Quadratkilometer) und Graubünden (Scatlè, 0,09 Quadratkilometer). Kurzgefasst: nichts.

Der Schweizer Alpenraum ist seit fast tausend Jahren flächendeckend bewohnt und genutzt. Die Menschen mussten ihr Auskommen ausschliesslich vor Ort finden. Entsprechend intensiv war die Bewirtschaftung. Wald wurde gerodet und als Weiden, Mähwiesen, Äcker und Streuflächen genutzt. Im Wald wurde Holz geschlagen, Äste und Laub wurden gesammelt. Er diente auch als Weide für Rinder, Pferde, Schweine und Ziegen, die nicht nur Kräuter und Gräser, sondern auch Rinde, Baumtriebe, Eicheln und Nüsse frassen. Dichten, geschlossenen Wald, wie wir ihn heute kennen, gab es jahrhundertelang kaum. Vielenorts war er licht, bestand bloss aus Einzelbäumen oder struppigem Gebüsch.

 

Erfindung der Nachhaltigkeit

Zwei Drittel der Schweizer Waldfläche liegen im Alpenraum. Hochalpine Gipfel, Felsen, Gletscher und Seen sind natürlicherweise waldfrei. Sie umfassen etwa 40 Prozent des Alpenraums. Die restlichen 60 Prozent wären Wald. Heute sind es 34 Prozent. Bis vor 200 Jahren waren es drei Viertel weniger. Um die 6000 Quadratkilometer Wald sind seither dazugekommen.

Wald puffert das Mikroklima. Im Sommer mildert er die Hitze, im Winter die Kälte. Er reduziert Hochwasser und Trockenheit. Die Zunahme der Waldfläche führt zu einer «Mikroklimaerwärmung». Wie gross diese in absoluten Werten ausfällt, lässt sich nicht beziffern. Zusammen mit der aktuellen Warmphase führt sie jedoch dazu, dass sich der Wald noch schneller ausbreitet. Der Prozess befördert sich selbst. Mehr Wald bedeutet weitere Erwärmung. Das bekommen vor allem die Alpweiden zu spüren. Dort ist der Verbuschungsdruck ohnehin hoch, denn sie waren einmal Wald. Die natürliche Waldgrenze liegt natürlicherweise etwa 300 Meter höher als die künstliche, die an den meisten Orten zu sehen ist, und steigt laufend in die Höhe. Allerdings lag sie in den letzten 10 000 Jahren mehrfach wesentlich weiter oben.

Der Bergwald wird immer mehr, und er wird immer älter, dichter und totholzreicher. Allein zwischen 1985 und 2020 hat das Gesamtholzvolumen pro Hektar um fast 50 Prozent zugenommen; das sind alle lebenden und toten Bäume zusammen. Das Totholzvolumen, also die Menge der stehenden und liegenden, abgestorbenen Bäume, hat sich in der gleichen Zeit versiebenfacht. Etwa jeder sechste Baum ist tot. Das liegt zum Teil an Schadereignissen. Vor allem liegt es aber daran, dass der Wald weniger intensiv bewirtschaftet und gepflegt wird.

Im Alpenraum wird weniger als die Hälfte des jährlichen nachwachsenden Holzes geerntet. Auf gerade mal 34 Prozent der Waldfläche ist die Holznutzung prioritär. Holzerei im Bergwald ist besonders aufwendig. Sie kann nur teilweise mechanisiert werden, vielmehr ist ein hoher Anteil motormanueller Arbeit nötig. So wird das Fällen mit der Motorsäge bezeichnet, als Kontrast zur vollmechanisierten Ernte mit unterschiedlichen Fahrzeugen, die mit einem motorsägebewehrten Greifarm ganze Bäume abschneiden. Die Topografie lässt deren Einsatz im Bergwald aber nur bedingt zu. Für den Abtransport werden mobile Seilbahnen oder Helikopter eingesetzt, oft ist ein Zwischentransport mit Traktoren bis zu lastwagentauglichen Strassen vonnöten. Kostentreibend hinzu kommen – berechtigte und darüber hinausgehende – Vorschriften für Arbeitssicherheit, Umwelt- und Naturschutz. Das ist gut für Mensch und Umwelt, aber teuer.

Die Förster erkannten als Erste die Bedeutung der Nachhaltigkeit, lange bevor der Begriff für alles und jedes missbraucht wurde. «So solle der Mensch es halten: Ehe der alte [Wald] ausgehet, der junge bereits wieder zum verhackhen hergewaxen ist», hiess es 1661 in einem Ratskanzlerschreiben der bayerischen Stadt Reichenhall. Dort wurde Salz unter Verbrauch gewaltiger Holzmengen gewonnen, und die langfristige Verfügbarkeit des Rohstoffs war essenziell. Die Erkenntnis wurde vor exakt 150 Jahren im ersten schweizerischen Forstpolizeigesetz umgesetzt. Seither gilt der Grundsatz, dass nicht mehr als der Zuwachs geerntet werden darf. Damit sollte die langfristige Stabilität und Regenerationsfähigkeit erhalten werden. Woran damals niemand dachte: Nicht nur die Über-, sondern auch die Unternutzung ist schädlich für den Erhalt der Waldfunktionen.

 

Nicht kostendeckend

Forstwirtschaft im Berggebiet entspricht ganz dem Leitsatz «Schützen durch Nützen». Gerade weil diese Form der Forstwirtschaft besonders naturgerecht ist, kann sie mit Weltmarktpreisen nicht mithalten. Das Holz entspricht oft nicht den Ansprüchen der Käuferschaft. Gefragt sind möglichst lange und astfreie Stämme. Beides liefert der Bergwald nur zu einem kleinen Teil. Bergholz ist langsam gewachsen und besonders zäh. Die Qualität ist dadurch hervorragend, nur werden diese Eigenschaften, ausser von wenigen spezialisierten Schreinern, nicht geschätzt.

Die Holzerlöse können die Erntekosten nicht decken. Der Bund zahlt jährlich gut 50 Millionen Franken an die Schutzwaldpflege, und es gibt unter anderem Beiträge für Erschliessung, Waldpflege, Holzbringung im Steilgelände und Biodiversitätsförderung. Die Mehrzahl der Forstbetriebe schreibt rote Zahlen. Die Kommunen finanzieren also auch gesamtgesellschaftliche Leistungen, die über das eigene Gemeindegebiet hinausgehen.

Forstwarte brennen für ihre Arbeit. Sonst tut sich das niemand an, mit voller Schutzkleidung inklusive Helm bei Temperaturen von minus zwanzig bis plus dreissig Grad in unwegsamem Gelände einen der strengsten und gefährlichsten Jobs zu machen. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage wirkt allerdings nicht. Es handelt sich um absolute Spezialisten. Es gibt zu wenig davon, und ihre Arbeit ist unentbehrlich. Dennoch sind die Löhne tief. Wie stets, wenn die Motivation hoch ist. Und wie stets, wenn staatliche Mittel fliessen, nimmt ein Geflecht aus Bürokraten und Theoretikern die Butter vom Brot. Während die Anzahl Forstarbeiter laufend abnimmt, wachsen die Amtsstellen bei Bund und Kanton, und beratende Ingenieurbüros kommen noch dazu.

 

Marcel Züger ist Biologe ETH und Inhaber der Umweltdienstleistungsfirma Pro Valladas in Salouf.

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