Die Vision klingt kühn und vertraut zugleich: Strom aus der Sonne und dem Wind Nordafrikas soll Europas Energiehunger stillen. Was vor anderthalb Jahrzehnten mit dem Projekt «Desertec» an Politik, Bürokratie und technischer Überforderung zerbrach, kehrt nun unter neuen Vorzeichen zurück – realistischer, politisch besser abgestützt und technisch eher machbar. Das Zentrum des neuen Grossprojekts mit dem Namen «Sila Atlantik» liegt an der marokkanischen Atlantikküste bei Dakhla – in jener Zone, wo die Wüste ans Meer stösst. Das Gebiet steht de facto unter marokkanischer Kontrolle, wird jedoch von der Polisario-Front als Teil der von ihr beanspruchten Demokratischen Arabischen Republik Sahara beansprucht.
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Hier sollen bis zu 15 Gigawatt Leistung aus Solar- und Windkraft entstehen, gespeist aus endloser Sonne und beständigem Atlantikwind. Der Strom soll über ein rund 4800 Kilometer langes Unterseekabel nach Europa fliessen – das längste seiner Art weltweit. Zwei parallele Hochspannungs-Gleichstromleitungen mit jeweils 1,8 Gigawatt Kapazität sind geplant. Der Strom wird an der norddeutschen Küste eingespeist, voraussichtlich bei Emden, und soll bis zu 5 Prozent des deutschen Jahresverbrauchs decken.
Differenzen zu «Desertec»
Was wie Science-Fiction klingt, wird in Marokko längst als nationale Strategie formuliert. Das Land hat einen riesigen Solarpark bei Ouarzazate gebaut, betreibt Grosswindparks in Tarfaya und Tanger und peilt an, bis 2030 mehr als die Hälfte seiner Stromkapazität aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Mit «Sila Atlantik» will Marokko zum Energiebrückenkopf zwischen Afrika und Europa werden – und Deutschland ist erstmals ernsthaft interessiert.
Der Vergleich mit dem bekannten früheren Projekt «Desertec» liegt nahe, doch die Unterschiede sind erheblich. Als das damalige Wüstenstromprojekt um 2010 konzipiert wurde, war Solarstrom zehnmal teurer als heute und die Gleichstromübertragung über Tausende Kilometer ein technisches Wagnis. Vor allem aber hat sich seither das politische Umfeld verändert. Der russische Angriff auf die Ukraine und der abrupte Verlust billiger Gaslieferungen haben Europas Energiepolitik erschüttert. Die Suche nach neuen, verlässlichen Partnern wurde zu einer geopolitischen Priorität.
Sonne und Wind in rauen Mengen
Hier kommt Marokko ins Spiel: Das Königreich profitiert von seiner Nähe zu Europa und seinem politischen Ehrgeiz, sich als grüner Energiehub des Kontinents zu positionieren. Schon heute ist Marokko über zwei Seekabel mit Spanien verbunden und exportiert in kleinem Massstab Strom nach Europa. Mit «Sila Atlantik» würde das in eine neue Dimension wachsen.
Die geplante Route führt entlang der Atlantikküste über Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien und die Niederlande bis nach Deutschland. Der Weg ist technisch ambitioniert und politisch heikel: Jedes Transitland muss Genehmigungen erteilen, Sicherheitsstandards prüfen und eigene Interessen abwägen. Doch das Projekt geniesst Rückenwind: Die europäische Netzagentur Entso-E hat «Sila Atlantik» in ihren «Ten Year Network Development Plan» aufgenommen – ein Signal, dass Brüssel die Vision ernst nimmt.
Die Kosten werden auf 30 bis 40 Milliarden Euro geschätzt. Ein Teil davon könnte aus EU-Mitteln kommen, sollte «Sila Atlantik» als «Project of Mutual Interest» anerkannt werden. Dann wären Fördergelder und beschleunigte Genehmigungen möglich – ein entscheidender Faktor in einem Europa, das oft an seiner eigenen Bürokratie scheitert.
Die Argumente sind physikalisch wie ökonomisch bestechend: Während Solaranlagen in Deutschland im Schnitt 1000 Volllaststunden im Jahr erreichen, liefern sie in Marokko bis zu 5000. Der Wind weht stetiger, die Sonne scheint verlässlicher. Das bedeutet günstigeren, konstanteren Strom. Zudem ist die Wüste nahezu menschenleer – Konflikte um Flächenverbrauch wie in Europa sind hier selten.
Die marokkanische Regierung wirbt mit einem weiteren Vorteil: Durch die gleichmässigere Stromproduktion könnten teure Reservekraftwerke in Europa überflüssiger werden. Ein Energieforscher der RWTH Aachen schätzt, dass die marokkanischen Anlagen einer «Grundlastkapazität von etwa 7000 Volllaststunden» entsprächen – also einem dauerlaufenden Grosskraftwerk ohne CO2-Emissionen.
Die deutsche Industrie zeigt sich interessiert. Chemie- und Stahlkonzerne, die für ihre Wasserstoffproduktion gewaltige Mengen Grünstrom benötigen, sehen in «Sila Atlantik» eine mögliche Zukunftsquelle. Die Projektbetreiber bieten «Power Purchase Agreements» an – langfristige Lieferverträge mit stabilen Preisen. Ohne staatliche Beteiligung, so heisst es, werde das Projekt aber kaum umsetzbar sein.
Die Begeisterung wird allerdings von Skepsis begleitet. Das britische Schwesterprojekt «Xlinks», das Strom aus Marokko nach Grossbritannien liefern sollte, wurde von der Regierung in London aus Risiko- und Kostengründen abgelehnt. «Sila Atlantik» ist nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen ein Risiko.

«Grüner Kolonialismus»
Ende Oktober 2025 hat der Uno-Sicherheitsrat zwar eine Resolution verabschiedet, in der die marokkanische Autonomieinitiative für die Westsahara erstmals als «realistischste Lösung» bezeichnet wird. Elf der fünfzehn Mitgliedstaaten stimmten zu, darunter die USA, Frankreich und Grossbritannien. Russland, China und Pakistan enthielten sich; Algerien, der wichtigste Unterstützer der Polisario-Front, nahm nicht teil.
Für Rabat ist das ein Triumph. Doch die Doppelmoral der EU ist offensichtlich und untergräbt ihre eigene Glaubwürdigkeit: Energieprojekte in oder nahe dem umstrittenen Gebiet der Westsahara können den Konflikt politisch und ökonomisch zementieren. Menschenrechtsorganisationen und Unterstützer der sahrauischen Bevölkerung sprechen von «grünem Kolonialismus». Sie befürchten, dass Europa seine Energiewende auf Kosten einer Bevölkerung vorantreibt, deren völkerrechtlicher Status ungeklärt ist.
Offiziell pocht die EU zwar auf Völkerrecht und Selbstbestimmung. Praktisch rückt sie näher an Marokko heran, sobald strategische Interessen ins Spiel kommen: Migration, Sicherheit – und nun Energie. Projekte wie «Sila Atlantik», die auf Standorte wie Dakhla setzen, machen diesen Widerspruch sichtbar. Strom aus einem völkerrechtlich ungeklärten Gebiet gilt plötzlich als pragmatische Lösung der Energiewende. Dass die Polisario-Front solche Projekte als Ausbeutung besetzten Territoriums kritisiert, wird in Brüssel und Berlin kaum noch thematisiert.
Was Europa anderswo als Bruch des Völkerrechts verurteilt, wird hier zur «strategischen Partnerschaft» umgedeutet – solange günstiger, grüner Strom winkt. Nicht Wind und Sonne entscheiden über den Erfolg solcher Projekte, sondern die Frage, wie weit Europa bereit ist, seine eigenen Prinzipien zu relativieren.
Traum der Süd-Beziehung
«Sila Atlantik» ist freilich mehr als ein technisches Megaprojekt. Es ist ein geopolitisches Symbol für Europas Abkehr von fossiler Abhängigkeit, für neue Partnerschaften im Süden und für Marokkos Aufstieg zur regionalen Macht. Noch ist unklar, ob der ehrgeizige Zeitplan – Inbetriebnahme 2034 – einzuhalten ist. Doch selbst als Vision verändert das Projekt bereits Europas Blickrichtung.
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten richtet sich der energetische Kompass nicht nach Osten, sondern nach Süden. Strom aus der Wüste – lange ein Traum – könnte zum Motor einer neuen Nachbarschaft werden: zwischen Europa, das Energie braucht, und Marokko, das sie liefern kann. Gleichzeitig ist «Sila Atlantik» aber mit erheblichen wirtschaftlichen, geopolitischen und rechtlichen Problemen belastet – nicht zuletzt wegen der Westsahara-Frage.