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So einfach wird man ein guter Mensch

Tamara Wernli

So einfach wird man ein guter Mensch

Dank meiner Sommerlektüre durch die Medienlandschaft bin ich endlich moralisch einwandfrei.

Künftig werde ich bei politischen Fragen lautstark «Haltung zeigen» sowie «Zeichen setzen». Das ist nämlich wichtig und mutig. So werde ich nach einem islamistischen Anschlag als Erstes bei einer Demo gegen rechts mitmarschieren. «Stehen wir zusammen – gegen Hass und Gewalt», schlug Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem schrecklichen Blutbad vergangene Woche in Solingen vor, ein starkes Zeichen, das das Abschlachten von Menschen in Zukunft hoffentlich verhindert. Andere fordern ein Messerverbot, denn Verbote schrecken Verbrecher bekanntermassen ab. Wobei: «Schon wieder Messerangriff», lauteten manche Schlagzeilen. So betrachtet, sind das gar nicht Menschen, sondern problematische Messer, die bei Gebrauch Morde begehen.

Illustration: Fernando Vicente
So einfach wird man ein guter Mensch
Illustration: Fernando Vicente

Es ist so: Während der Ferien habe ich mich eingehend durch die Medien- und Soziale-Medien-Landschaft geklickt, Neueres und Älteres gelesen und glücklicherweise nun das Verständnis für aktuelle Normen und Werte entwickelt, also wie man denken und sich verhalten muss, um auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Gerne informiere ich Sie über meine bunt zusammengewürfelten Erkenntnisse.

Menschen, deren Weltanschauung man nicht teilt (die etwa eine schärfere Migrationspolitik fordern), als abgrundtief böse darzustellen, stärkt die Festigkeit einer Demokratie. Ich dachte bislang, Meinungsvielfalt und das Tolerieren anderer Ideale und Werte stärkten das Fundament einer Gesellschaft. Tja, so kann man sich irren. Darum gilt es im «Kampf für Demokratie», für Andersdenkende zu stichhaltigen Keulen wie «Rassist» und «Faschist» zu greifen (und damit nebenbei sicherzustellen, dass die ausdrucksstarken Begriffe bestimmt nicht überstrapaziert und abgewertet werden).

Eine Schlagzeile, die mir persönlich besonders geholfen hat: «Das Patriarchat ist nicht vorbei, sondern sieht nur moderner aus.» Um nicht vom Patriarchat abhängig zu sein und um gleichzeitig ein wichtiges feministisches Zeichen zu setzen, werde ich künftig berufliche Angebote von männlichen Unternehmern strikt ablehnen (die von R.K. natürlich nicht).

Ich nehme mir die Dauersprechblase «Wir sollten Vielfalt besser abbilden» mehr zu Herzen.

«Eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien ist unabdingbar.» Und so steht bei mir nun ein sogenannter Privilegien-Workshop an, um zu lernen, meine Privilegien — etwa die tollen Jobs und die gute Entlohnung, die mir die Welt der Publizistik einbringt — zu hinterfragen und mich auch ein bisschen ihretwegen zu schämen. Und obwohl ich sie durch harte Arbeit und Durchsetzungsvermögen eigentlich verdient habe, entschuldige ich mich dafür in aller Form.

In dem Zusammenhang ist es ganz wichtig, dass wir in prestigeträchtigen Berufen, auch in Politik und Verwaltungsrat, endlich einen 50-prozentigen Frauenanteil erreichen (von geringerer Bedeutung erscheint mir Vergleichbares bei den taffen und gefährlichen Jobs wie der Kanalreinigung, Müllentsorgung oder Holzarbeit). Echte Gleichstellung ist erst dann erreicht, wenn die schillernden Positionen zur Hälfte weiblich besetzt sind.

Dazu beigetragen, ein besserer Mensch zu werden, hat auch die Erklärung, dass bunte Nägel bei Frauen ein Symbol dafür sind, dass «die Mittelschicht sich die schwarze Kultur aneignet, ohne die gleichen negativen Folgen zu tragen». Das will ich auf keinen Fall. Ich werde meine Nägel nicht mehr in exotischen Farben schillern lassen.

 

Was noch? Ich nehme mir die Dauersprechblase «Wir sollten Vielfalt besser abbilden» mehr zu Herzen. Sind auf einem Firmenbild nur Männer zu sehen, schreit das nämlich nach Sexismus. Es ist wichtig, bei seinen Mitmenschen immer die schlimmstmögliche Absicht zu vermuten, nur so lässt sich ein ständiger Fluss an Vorwürfen generieren. Apropos Vielfalt: Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich heterosexuell bin — oder heisst das jetzt «semi-bisexuell»? — und mich (zumindest momentan) nur als Frau fühle, pardon, als Cis-Frau. Ich weiss, das ist einfach nicht divers genug.

Zu guter Letzt habe ich noch irgendwo die Frage gelesen, «wie rechts Eigenverantwortung und Liberalismus» seien. Verantwortung übernehmen für seine Handlungen, seinen Gefühlszustand, für sein Leben? Als jemand, der moralisch auf der richtigen Seite steht, würde ich sagen, das klingt nach Nazi-next-Level.

Und wer mich jetzt für meine Ausführungen kritisiert, tut das nur, weil ich eine Frau bin!

 

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