Es heisst, ein Journalist habe dann versagt, wenn er selbst zur Story werde, doch das Wort «versagen» passt wohl kaum zu Bari Weiss. Sie kann nichts dafür, dass sie faszinierender ist als die meisten Leute, über die sie geschrieben hat im Lauf ihrer umwerfenden Karriere beim Wall Street Journal, der New York Times und ihrer eigenen Free Press.
Martin Schoeller
Wie viele Frauen, die von weissen Heteromännern als «rechts» bezeichnet werden, erfüllt sie gleich drei Diversitätskategorien: jüdisch, weiblich, lesbisch. Im Gegensatz zu den meisten theoretisch Nonbinären war sie mit einem Mann verheiratet und ist es jetzt mit einer Frau. Doch nie würde sie sich dazu herablassen, darum ein grosses Trara zu machen: Dafür ist sie zu interessant. Als sie 2007 ihr Studium an der Columbia University abschloss, hatte sie eine populäre Zeitschrift mitbegründet, an der Hebrew University in Jerusalem studiert, war in einem Dokumentarfilm über Antisemitismus aufgetreten und hatte eine Klinik für Beduinen in der Negevwüste mitaufgebaut, man könnte sie also als Senkrechtstarterin bezeichnen.
Newsletter für 100 Millionen verkauft
Nie hat sie ihre Unterstützung Israels in Frage gestellt – als Andrew Sullivan sie als «durchgeknallte Zionistin» bezeichnete, antwortete sie: «Gern bekenne ich mich dessen schuldig» –, so dass die New York Times gewusst haben muss, worauf sie sich einliess, als sie Weiss 2017 als Redaktorin für Meinungsbeiträge sowie Kultur und Politik anstellten. Dass sie dies tat, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die NYT von Trumps erstem Wahlsieg vollkommen überrumpelt worden war.
Wie wenig sie dazugelernt hat, lässt sich aus dem Kündigungsbrief schliessen, den Weiss drei Jahre später schrieb: «Was man aufgrund dieser Wahl hätte lernen müssen – nämlich, wie wichtig es ist, andere Amerikaner zu verstehen, dem Gruppendenken zu widerstehen und zu begreifen, dass der freie Austausch von Ideen für eine demokratische Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist –, ist nicht geschehen.»
Während dieser drei Jahre war sie von ihren Kolleginnen und Kollegen immer wieder ins Abseits gedrängt und ausgestossen worden und hatte lernen müssen, «Kommentare darüber, dass ich ‹schon wieder über Juden schreibe›, auf die leichte Schulter zu nehmen». Diese Kolleginnen und Kollegen lachten sich bestimmt ins Fäustchen, als sie hörten, dass Weiss ihre Zeitung verlassen habe, um auf Substack einen Newsletter mit dem Titel «Common Sense» (Gesunder Menschenverstand) zu beginnen.
Sehr gern hätte man ihre Gesichter in der ersten Septemberwoche gesehen, als publik wurde, dass die Paramount Media Group über 100 Millionen Dollar bezahlen wird für das aus Weiss’ Newsletter hervorgegangene Unternehmen Free Press und dass sie bei CBS News den höchsten Job erhalten werde.
Bari Weiss wird also noch eine Zeitlang die Story sein.
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer

