In der Sexismusdebatte reicht inzwischen ein falsches Adjektiv für eine Grundsatzdiskussion. Beispiele gibt es genug. Wir erinnern uns an die «heissen» Stiefel.
Jedenfalls, der ehemalige «Tagesschau»-Sprecher und heutige Welt-Reporter Constantin Schreiber ist ein schöner Mann, auch ohne Stiefel, viele geschulte Frauenaugen sehen das ebenso. Er war kürzlich Gast in der Sendung «Maischberger». Im Anschluss nahm sich ein Autor der Süddeutschen Zeitung seines Auftritts an, ausführlich gewürdigt wurden sein «durchtrainierter» Körper, die «toned arms» der «Slim-Fit-Pullover, der wie massgeschneidert sitzt». Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein Instagram-Foto, auf dem Schreiber, so die Analyse, einen kleinen Kunstgriff anwende: «Während er die Arme verschränkt, drückt er subtil die Fäuste an die Unterseiten seiner Bizepse, um sie muskulöser wirken zu lassen.»
Illustration: Fernando Vicente
Der Text ist in der heutigen Zeit eigentlich massgeschneidert für Empörung, tagelange Sexismusdebatten und den neuen Hashtag hmuckiaufschrei. Dass sich kein einziger Mensch darüber beschwerte, halte ich für eine tolle Sache. Es gibt eben noch Leute, die unterscheiden können zwischen harmlos und superböse und die ein unverkrampftes Verhältnis zu körperbezogenen Kommentaren und optischen Realitäten haben. Sie hat nur einen Haken — es handelt sich dabei um einen Mann. Es ist diese kleine Nuance, die dafür sorgte, dass die sich sonst beharrlich betroffen Fühlenden für einmal nicht berührt fühlten. Sie sorgte dafür, dass eine Beobachtung einfach eine Beobachtung blieb.
Constantin Schreiber ist ein schöner Mann, viele geschulte Frauenaugen sehen das ebenso.
Man möchte sich das Debakel lieber nicht vorstellen, wäre es umgekehrt gewesen und jemand hätte bei einer Frau das enge Top, die toned legs oder den Kunstgriff kommentiert, wie sie auf Fotos subtil ein Bein vor das andere stellt, um sie schlanker wirken zu lassen: übergriffig, misogyn, sexistisch! Anschliessend wäre der Chefredaktor unter dem Entrüstungssturm eingeknickt, hätte dem Autor eine Ermahnung aufgebrummt und die Mitarbeiter übers Wochenende verpflichtet, das hauseigene Antisexismus-Regelwerk zehn Mal abzuschreiben.
Die FAZ, die das Thema auch aufgriff, lieferte dazu vor einigen Monaten einen «Feldversuch». In einem Interview mit Luisa Neubauer wurde ihre Attraktivität mit sachlichem Bezug zu ihrem Engagement erwähnt: «Sie könnten Ihre Attraktivität noch stärker fürs Klima in die Waagschale werfen.» Auweia. Trotz Kontext und obwohl Neubauer ihr Äusseres selbst bereits politisch eingesetzt hat, hagelte es in den Leserkommentaren massivste Empörung. Eine Frau schrieb, sie sei bestürzt, dass überhaupt nach der Nutzung von Attraktivität gefragt werde. Die Gegenprobe war erhellend: Im Interview mit Howard Carpendale wurde ebenfalls sein Aussehen thematisiert – sein volles Haar ausdrücklich gelobt. Reaktion? Gleiche Leserschaft, null Kritik, null Empörung.
Wieso auch? Ich würde sagen, das ist die bessere Reaktion, und vielleicht sollten wir sie in einer hypererregbaren Gesellschaft wieder normalisieren. Wenn wir Dinge nicht mehr benennen dürfen, die wir sehen, haben wir ein Problem, das über Carpendales Mähne oder Schreibers Oberarm hinausgeht. Es ist völlig legitim, ein enges Shirt oder Kleid zu thematisieren, das gegelte Haar oder die Pose. Und wenn äusserliche Attribute in einem Text etwas viel Raum einnehmen – zumal wohlwollend formuliert –, ist das kaum mehr als ein Anlass zum Schmunzeln. Jeder hat das Recht, uns so zu beschreiben, wie er uns wahrnimmt. Wann genau sind wir so empfindlich geworden, dass wir glauben, nicht nur unser Image, sondern gleich das ganze Universum kontrollieren zu müssen?
Der Punkt ist die selektive Empörung. Menschen haben ein feines Gespür für doppelte Massstäbe, und genau diese werden den Protagonisten gängiger Sexismusdebatten am meisten übelgenommen. Wenn Kommentare zu Männern als harmlos, lustig und normal durchgehen, während ähnliche Bemerkungen über Frauen skandalisiert werden, fällt nicht nur die Definition von «sexistisch» wie ein Soufflé in sich zusammen – gemäss der man Menschen aufgrund ihrer Chromosomen eben nicht unterschiedlich bewerten soll. Man führt die Debatte damit auch selbstbezogen. Man könnte fast meinen, das Nicht-ernst-genommen-Werden gehöre bei einigen zum Konzept.
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