Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Die Weltwoche

Ruhe in Frieden, Green Deal

Ruhe in Frieden, Green Deal

Jetzt beerdigt auch der letzte grosse europäische Autokonzern seine Elektro-Strategie. Und schreibt 22 Milliarden Euro ab. Es ist ein Sieg von Vernunft und Realitätssinn.
Anhören ( 4 min ) 1.0× +
Ruhe in Frieden, Green Deal
Ruhe in Frieden, Green Deal
0:00 -0:00
1.0×
100%
Mehr ▾

Stellantis, einer der grössten Automobilkonzerne der Welt, mit Marken wie Jeep, Fiat, Opel, Peugeot oder Citroën, hat beschlossen, den Weg der Elektrifizierung nicht wie bisher zu verfolgen, sondern einen technologieoffenen Ansatz zu wählen. Der Kurswechsel sei eine Reaktion auf die «veränderte Marktlage» heisst es. Die Nachfrage nach E-Autos wächst nicht so schnell wie erhofft, während die Kosten für die Umstellung gleichzeitig hoch sind. Deshalb ist der Strategiewechsel mit enormen Kosten verbunden: 22 Milliarden Euro muss Stellantis abschreiben. Dieser «Elektro-Schock», wie er von einigen Medien genannt wurde, ist so etwas wie ein Wendepunkt für die gesamte europäische Automobilindustrie und ein Zeichen dafür, dass der Green Deal der Europäischen Union gescheitert ist.

Neue Route: Citroën C4 von Stellantis.

An der Spitze grosser Konzerne wurde der grüne Weg als Wachstumspfad gesehen. Mit dem Ziel, der erste klimaneutrale Kontinent zu werden, sei der europäische Grüne Deal 2019 «von Präsidentin von der Leyen als Reaktion auf die dringenden Forderungen der (insbesondere jungen) Bürgerinnen und Bürger nach Klimaschutzmassnahmen ins Leben gerufen» worden, heisst es bei der Europäischen Kommission. Mittlerweile sehen manche Akteure in Politik und Wirtschaft den Green Deal als Ursache für die fortschreitende Deindustrialisierung.

 

Unterschätzte Risiken

Viele Fahrzeughersteller beurteilten die grüne EU-Strategie im Jahr 2020 noch positiv, es gab Fördermittel und regulatorische Anreize, man sprach von «Wachstumsstrategien» und «historischen Chancen». Die European Automobile Manufacturers’ Association (ACEA), in der siebzehn europäische Hersteller zusammengeschlossen sind, beurteilte die Klimaneutralität bis 2050 als machbar und präsentierte einen 10-Punkte-Plan zur Erreichung des Ziels. Völlig unterschätzt wurden offensichtlich die Risiken eines politisch verordneten Technologie-Umschwungs. An der Spitze grosser Konzerne wurde der grüne Weg als Wachstumspfad gesehen, was aus heutiger Sicht eine kostspielige Fehleinschätzung war. Das ist umso erstaunlicher, als dass die europäischen Hersteller auf dem Gebiet von immer sparsamer werdenden Verbrennermotoren absolut führend waren (und sind). Diese Führungsrolle aufzugeben, um auf eine Technologie zu setzen, für die man weder über Rohstoffe – etwa für Batterien – noch besonderes Know-how verfügte, war von Anfang an ein riskantes Unterfangen.

Zu allem wurde auch der Kunde falsch eingeschätzt. Heute sagt Stellantis-CEO Antonio Filosa: «Wir passen unseren Produktplan und unsere Lieferkette für Elektrofahrzeuge an, um der tatsächlichen Kundennachfrage und den veränderten Vorschriften besser gerecht zu werden, nachdem wir die Geschwindigkeit der Elektrifizierung in den Regionen zunächst überschätzt hatten.» In Ländern wie Deutschland oder Frankreich konnte die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen nicht zuletzt durch Subventionen eine Zeitlang künstlich hochgehalten werden. Das Ende der Fördermittel führte aber zu einer Stagnation auf dem Markt. In Norwegen hingegen, dem Musterland für Elektromobilität und für viele der Beweis, dass die Transformation doch möglich ist, wurde der Markt durch massive staatliche Eingriffe ausgehebelt: Käufer zahlen auf E-Autos nicht die üblichen 25 Prozent Mehrwertsteuer, sie erhalten Gratisparkplätze, Rabatt auf Fähren oder bei der City-Maut, und Strom ist dank der stark ausgebauten Wasserkraft grün und günstig.

 

Der letzte laute Knall

Der Kurswechsel von Stellantis ist der letzte laute Knall, mit dem der Green Deal gegen die Wand gefahren ist. Die «Umgestaltung von Wirtschaft, Energieversorgung, Verkehr und Industrie», wie es bei der EU-Kommission heisst, sollte Europa nachhaltiger machen und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft ermöglichen. Passiert ist – besonders in der Autoindustrie – das Gegenteil. Volkswagen etwa hat angekündigt, bis zum Jahr 2030.35.000 Stellen an zehn deutschen Standorten abbauen zu wollen.

Stellantis ist nur der vorerst letzte und sehr grosse Akteur, der eine neue Route einschlagen muss. Schon früher hatte etwa Porsche bekannt gegeben, ein neues SUV in der Grösse des bisherigen Macan zu entwickeln, das mit Verbrennungsmotoren und Plug-in-Antrieben ausgestattet werden wird. Ursprünglich wollte man das meistverkaufte Modell der Marke nur noch elektrisch anbieten. Und elektrische Sportwagen wird es wohl vorerst nicht geben. Bei Mercedes-Benz wurde das Programm «Electric-Only» durch «Flex-Only» ersetzt, man entwickelt neue, effiziente Benzin- und Dieselmotoren und setzt auf eine Doppelstrategie aus Hightech-Verbrennern und Hybriden sowie Elektroautos. Das heisst nichts anderes, als dass Realitätssinn und Vernunft wieder die Strategie bestimmen.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 31.03.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.