Stellantis, einer der grössten Automobilkonzerne der Welt, mit Marken wie Jeep, Fiat, Opel, Peugeot oder Citroën, hat beschlossen, den Weg der Elektrifizierung nicht wie bisher zu verfolgen, sondern einen technologieoffenen Ansatz zu wählen. Der Kurswechsel sei eine Reaktion auf die «veränderte Marktlage» heisst es. Die Nachfrage nach E-Autos wächst nicht so schnell wie erhofft, während die Kosten für die Umstellung gleichzeitig hoch sind. Deshalb ist der Strategiewechsel mit enormen Kosten verbunden: 22 Milliarden Euro muss Stellantis abschreiben. Dieser «Elektro-Schock», wie er von einigen Medien genannt wurde, ist so etwas wie ein Wendepunkt für die gesamte europäische Automobilindustrie und ein Zeichen dafür, dass der Green Deal der Europäischen Union gescheitert ist.
An der Spitze grosser Konzerne wurde der grüne Weg als Wachstumspfad gesehen. Mit dem Ziel, der erste klimaneutrale Kontinent zu werden, sei der europäische Grüne Deal 2019 «von Präsidentin von der Leyen als Reaktion auf die dringenden Forderungen der (insbesondere jungen) Bürgerinnen und Bürger nach Klimaschutzmassnahmen ins Leben gerufen» worden, heisst es bei der Europäischen Kommission. Mittlerweile sehen manche Akteure in Politik und Wirtschaft den Green Deal als Ursache für die fortschreitende Deindustrialisierung.
Unterschätzte Risiken
Viele Fahrzeughersteller beurteilten die grüne EU-Strategie im Jahr 2020 noch positiv, es gab Fördermittel und regulatorische Anreize, man sprach von «Wachstumsstrategien» und «historischen Chancen». Die European Automobile Manufacturers’ Association (ACEA), in der siebzehn europäische Hersteller zusammengeschlossen sind, beurteilte die Klimaneutralität bis 2050 als machbar und präsentierte einen 10-Punkte-Plan zur Erreichung des Ziels. Völlig unterschätzt wurden offensichtlich die Risiken eines politisch verordneten Technologie-Umschwungs. An der Spitze grosser Konzerne wurde der grüne Weg als Wachstumspfad gesehen, was aus heutiger Sicht eine kostspielige Fehleinschätzung war. Das ist umso erstaunlicher, als dass die europäischen Hersteller auf dem Gebiet von immer sparsamer werdenden Verbrennermotoren absolut führend waren (und sind). Diese Führungsrolle aufzugeben, um auf eine Technologie zu setzen, für die man weder über Rohstoffe – etwa für Batterien – noch besonderes Know-how verfügte, war von Anfang an ein riskantes Unterfangen.
Zu allem wurde auch der Kunde falsch eingeschätzt. Heute sagt Stellantis-CEO Antonio Filosa: «Wir passen unseren Produktplan und unsere Lieferkette für Elektrofahrzeuge an, um der tatsächlichen Kundennachfrage und den veränderten Vorschriften besser gerecht zu werden, nachdem wir die Geschwindigkeit der Elektrifizierung in den Regionen zunächst überschätzt hatten.» In Ländern wie Deutschland oder Frankreich konnte die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen nicht zuletzt durch Subventionen eine Zeitlang künstlich hochgehalten werden. Das Ende der Fördermittel führte aber zu einer Stagnation auf dem Markt. In Norwegen hingegen, dem Musterland für Elektromobilität und für viele der Beweis, dass die Transformation doch möglich ist, wurde der Markt durch massive staatliche Eingriffe ausgehebelt: Käufer zahlen auf E-Autos nicht die üblichen 25 Prozent Mehrwertsteuer, sie erhalten Gratisparkplätze, Rabatt auf Fähren oder bei der City-Maut, und Strom ist dank der stark ausgebauten Wasserkraft grün und günstig.
Der letzte laute Knall
Der Kurswechsel von Stellantis ist der letzte laute Knall, mit dem der Green Deal gegen die Wand gefahren ist. Die «Umgestaltung von Wirtschaft, Energieversorgung, Verkehr und Industrie», wie es bei der EU-Kommission heisst, sollte Europa nachhaltiger machen und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft ermöglichen. Passiert ist – besonders in der Autoindustrie – das Gegenteil. Volkswagen etwa hat angekündigt, bis zum Jahr 2030.35.000 Stellen an zehn deutschen Standorten abbauen zu wollen.
Stellantis ist nur der vorerst letzte und sehr grosse Akteur, der eine neue Route einschlagen muss. Schon früher hatte etwa Porsche bekannt gegeben, ein neues SUV in der Grösse des bisherigen Macan zu entwickeln, das mit Verbrennungsmotoren und Plug-in-Antrieben ausgestattet werden wird. Ursprünglich wollte man das meistverkaufte Modell der Marke nur noch elektrisch anbieten. Und elektrische Sportwagen wird es wohl vorerst nicht geben. Bei Mercedes-Benz wurde das Programm «Electric-Only» durch «Flex-Only» ersetzt, man entwickelt neue, effiziente Benzin- und Dieselmotoren und setzt auf eine Doppelstrategie aus Hightech-Verbrennern und Hybriden sowie Elektroautos. Das heisst nichts anderes, als dass Realitätssinn und Vernunft wieder die Strategie bestimmen.

