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Phänomenologie der Golfcaps

Kleiner Ratgeber in Sachen Kopfbedeckung.
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Phänomenologie der Golfcaps
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In den letzten Jahren ist es da und dort üblich geworden, auf dem Golfplatz vermehrt Panamahüte zu tragen. Vom praktischen Nutzen her macht das Sinn. Panamahüte sind leicht, haben eine hohe Atmungsaktivität und bieten einen breitgefächerten UV-Schutz. Natürlich sieht man ein wenig aus wie ein britischer Kolonialist oder ein Dandy, aber das ist stilvoll, insofern das Band braun ist. Ist das Band grün und es steht Heineken drauf, kann man Golf spielen, wie man will, man bleibt ein Verlierer.

2019 Getty Images
Wer solche Mützen trägt, fährt meistens auch langweilige Autos: Masahiro Kawamura.
2019 Getty Images

Grundsätzlich kann man nicht wählerisch genug sein bei der Auswahl der Kopfbedeckung, weil sie eine Menge über den Charakter preisgibt. Sie ist viel mehr als blosses Objekt, sie manifestiert im metaphysischen Sinn die Erweiterung des leiblichen In-der-Welt-Seins. Neudeutsch gesprochen, symbolisiert sie die individuelle «Signature» und gibt bekenntnisreiche Hinweise über den eigenen Bezug und die persönlichen Standpunkte zur Welt.

 

«Hatgate» um Patrick Cantlay

Wie sehr sie das tut, zeigte der Golfer Patrick Cantlay beim Ryder Cup 2023 in Rom, als er sich weigerte, die USA-Mütze zu tragen, weil die USA sich weigerten, für sein Spiel im Team Geld zu bezahlen. Das erzählten sich alle. Cantlay erzählte, dass das Cap die falsche Passform habe. Die Kontroverse erhielt den Namen «Hatgate», und die europäischen Fans machten sich einen Spass daraus, von den Zuschauerrängen die Mützen zu heben und zu rufen: «Hut ab vor deinem Bankkonto!» Cantlay wird auf dreissig Millionen Dollar geschätzt. Eine Zeitlang trug er dann noch trotzig keine Mütze, aber weniger aus Rechthaberei, sondern weil er ein paar Monate keinen Sponsor mehr fand.

 

Nicht auffallen

Das Wesentlichste, das man zu Mützen sagen muss, ist: Lieber keine als eine mit der falschen Aufschrift, also etwa «Kantonalbank» oder «Migros» oder «Elektro Müller»; schon gar nicht, wenn man tatsächlich dieser Müller ist. Dieses Feld überlassen wir den Minigolfspielern. Bitte auch keine Mützen mit vermeintlichen Fun-Aufdrucken, also etwa «I love golf» oder «Golf sucks» oder «Mein Sex ist besser als mein Golf». Das ist nie witzig, auch nicht, wenn man sagt, man trage so was aus ironischen Gründen. Einmal sah ich eine Mütze, auf der stand: «Garantiert Einlochen – Erotikzentrum Gaby». Als Singlemann und Single-Handicapper würde ich so was tragen bei einem Flight mit sehr guten Freunden oder einem mit Gaby, allenfalls.

Wer nicht auffallen möchte, trägt die handelsüblichen Mützen von Callaway oder Titleist, Ping, Srixon und so weiter. Damit fällt man nicht auf, kriegt keinen Sonnenstich, hat Schatten, einen Schweissfänger auch, sie sind ersetzbar, wenn man sie verliert, aber man gibt sich natürlich auch als fantasieloser Teilnehmer einer golfenden Mittelschicht zu erkennen. Wer solche Mützen trägt, fährt meistens auch langweile Autos, also die SUVs von BMW und Mercedes, und spielt in der Regel so, wie die Autos fahren, solide, aber ohne Souplesse.

Generell sollte die Mütze nie getragen werden, bis sie auseinanderfällt. Patina ist gut, aber irgendwann kippt Patina ins Pennerhafte. Man braucht dann schon eine sehr gute Legende, um das zerschlissene Teil auf dem Kopf zu erklären. Eine gute Geschichte wäre dann etwa: «Ich habe sie von John Daly vor Jahren bekommen, als ich ihm am Loch 4 mit ein paar Bieren aushelfen konnte, weil er seinen Vorrat schon weggesoffen hatte.»

Bitte auch keine Mützen mit vermeintlichen Fun-Aufdrucken wie «I love golf» oder «Golf sucks».

Im Optimalfall passt die Mütze zur Persönlichkeit des Trägers. Das heisst einmal, dass der Träger halbwegs davon Kenntnis hat, wer und was er ist. Und dann, dass nicht immer jene Mütze, die ihm gefällt, auch die ist, die ihm steht. Das sollte man stets berücksichtigen. Auch dass man im Spiegel manchmal sieht, was man möchte, und nicht, was tatsächlich ist.

Damit zum Hut der Hüte. Stets elegant, ohne Aufdringlichkeit, getragen von Zeitlosigkeit und auf dem Golfplatz von Bryson DeChambeau. Das ist der sogenannte Flat Hat. In Deutschland nennt man diesen britischen Klassiker etwas abfällig eine Schiebermütze. Einige werden einwerfen, dass dies die Mütze alter Männer ist, so im Umfeld von Parkbänken, Teichen und Enten, aber das trifft nur zum Teil zu. Weil einmal DeChambeau sie trägt, was zeigt, dass sie einhergeht mit Muskeln und Brachialabschlägen. Mag sein, dass der Flat Hat der Playboy unter all den Kopfbedeckungen ist, aber mit diesem Image kommt man ganz gut über die Runden.

Nicht unwesentlich dabei ist, dass der Flat Hat aufgrund seiner Tradition umso mehr wirkt, wenn keine Logos ihn verunzierend instrumentalisieren. Es gibt Modelle von Armani und Dolce & Gabbana, deren Schmuckvolles im Schmucklosen liegt und die von edlem Understatement sind. Sie kosten ein wenig Geld, etwa zehn Titleist- oder Callaway-Caps, aber dann doch auch nur wie eine Runde auf dem Old Course in St. Andrews zur Hochsaison, also um die 400 Franken. Dennoch ist ein solcher Flat Hat eine gute Investition, weil es immer klüger und weitsichtiger ist, anstatt Beliebiges etwas Edles zu tragen. Der Unterschied ist in etwa derselbe wie bei Sommerschuhen. Man kann günstige mit Gummisohle kaufen. Oder richtige mit einer aus Leder.

 

Kongenialer Schlusspunkt

Kommen wir zu den Golferinnen. Die Mützenwahl für Damen ist so schwierig wie die Antwort auf die berühmte Frage von Freud: Was will die Frau? (Im Original hiess es «das Weib».) Sicher möchte die Frau auch auf dem Golfplatz so gut aussehen, wie es ihr möglich ist, es sei denn, sie hat sich aufgegeben oder sie verweigert sich, aus welchen Gründen auch immer, den Schönheitsidealen.

Grundsätzlich scheint bei Frauen, paradoxerweise, das Label, anders als bei Männern, nicht unbedingt von Wichtigkeit. Der feminine Akzent liegt eher im Farblichen: Weiss, Hellblau, Rosa – sanfte Farben, die meist der Kleidung einen kongenialen Schlusspunkt setzen.

Auch für Frauen käme ein Panamahut in Frage, allerdings hat er sich auf den Plätzen noch nicht durchgesetzt. Flat Hats ja, aber: Frauen, die ein wenig aussehen wie Burgfräuleins, steht er vortrefflich, bei allen andern wird es schwieriger. Trägt die Frau ihre Haare so, dass sie Assoziationen freisetzen, die an dunkle Wellen in der Nacht, an einen Strom aus flüssigem Gold, verfangene Sonnenstrahlen und so weiter erinnern, ist das Visor Cap die beste Wahl, diesen an ein elegantes Band angebrachte Sonnenschild. Das Gesicht ist geschützt, und die Haarpracht kommt zur vollen Geltung, das gibt Halt und Selbstsicherheit. An Eleganz kaum zu überbieten ist, wenn die weibliche Kopfbedeckung dieselbe Farbe hat wie der Handschuh.

 

Nicht jedem steht ein Panamahut

Dann gibt es, zum Schluss, noch die Abergläubischen unter den Mützenträgern. Das ist ganz schwierig, weil sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Kopfbedeckung stehen. Verlieren sie sie, verlieren sie meist auch ihr Handicap, so weit kann das gehen. Verliert ein Abergläubischer seine Mütze auf dem Platz, ist er sich nicht zu schade, abends, wenn alle im Clubhaus sich die Mütze füllen, mit dem Golfwagen alle Löcher abzufahren. Von solch einer Beziehung ist dringend abzuraten.

Natürlich bleibt unter dem Strich, dass die Mütze immer nur so gut ist, wie sie einer trägt. Nicht jeder kommt mit der Passform eines Caps zurecht, nicht jedem steht ein Panamahut, nicht jedem ein Béret oder ein Cap. Man braucht Zeit, seinen eigenen Stil zu finden. Das ist mit der Mütze nicht anders als mit dem eigenen Leben.

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