Frauen müssen ihre Präsenz in Machtpositionen oder ihre Kompetenz, Organisationen zu führen, nicht rechtfertigen.» Diesen Satz schrieb Annalena Baerbock, Präsidentin der 80. Uno-Generalversammlung, vergangenen Monat auf X. Sie ergänzte ihn mit einem Video mit derselben Aussage. Vielleicht ist ja nicht ganz klar, wie sie es meinte. Vielleicht wollte sie sagen, dass keine Frau ihre Position rechtfertigen muss, weil sie eine Frau ist. Und selbstverständlich ist das so. Die allermeisten haben den Satz allerdings anders verstanden: dass Frauen ihre Kompetenz in Machtpositionen nicht rechtfertigen müssen. Punkt.
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Natürlich müssen sie das – genauso wie Männer. Das erwarten die Bürger von Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft: dass sie Verantwortung übernehmen und ihre Position durch Kompetenz und Fähigkeit gerechtfertigt ist. Macht kommt nicht mit einem Gratis-Stempel «vertrauenswürdig». Natürlich wissen wir, dass dieses Ideal in der Realität nicht immer erfüllt wird. Aber es sollte unser Anspruch bleiben.
Tauschen wir einmal in Baerbocks Aussage das Wort «Frauen» durch «Männer» aus: «Männer müssen ihre Präsenz in Machtpositionen oder ihre Kompetenz, Organisationen zu führen, nicht rechtfertigen.» Für mich klingt das nach Präsident der 80. Patriarchatsversammlung im Jahr 1876, inklusive feierlicher Robe und eines ausführlichen Berichts darüber, warum Männer kompetenter sind. Würde Frau Baerbock ihren Satz der Welt genau so mitteilen? Nein? Dann hätte ich ihn anders formuliert, präziser, damit nicht der Anschein entsteht, ich wolle eine Sonderbehandlung für Frauen. Oder will sie das vielleicht sogar?
«Früher wurden Frauen benachteiligt. Jetzt trifft es halt mal einen Mann.»
Ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Eindruck jedenfalls nicht. Ungleichbehandlung zuungunsten von Männern existiert inzwischen tatsächlich (auch wenn man mit der Beobachtung zweifellos im Lager der Verräterinnen an der Frauensache landet). Und das auf völlig legalem Weg, abgesegnet von weiten Teilen der Gesellschaft und im Namen eines modernen Feminismus, für den das weibliche Geschlecht allein als Beweis für Benachteiligung reicht.
Ein Beispiel ist die Frauenquote. Sie ist zwar gut gemeint, doch sie führt dazu, dass einem Individuum seine Chance verwehrt wird – allein, weil es zur «falschen» Gruppe gehört, der Gruppe der Männer. Man schafft also neue Diskriminierung. «Was ist daran so schlimm?», hört man dann oft. «Früher wurden Frauen benachteiligt. Jetzt trifft es halt einen Mann.» Auch Studien zum Einstellungsverhalten zeigen, dass Diversitätsbemühungen dazu führen können, dass Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden. In einer US-Studie mit Hochschuldozenten wurden sie doppelt so oft ausgewählt wie Männer (Wendy M. Williams und Stephen J. Ceci, Cornell University). Eine andere Untersuchung kommt zudem zum Schluss, «dass Diskriminierung gegen Männer in von Frauen dominierten Arbeitsumfeldern häufiger vorkommt» als umgekehrt (Wikipedia). «Ja, und? Jetzt ist es halt mal andersrum.»
Ich habe vollstes Verständnis für diesen Impuls. In unserer vormals patriarchal geprägten Gesellschaft hatten die Frauen oft das Nachsehen. Nur, ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Bekanntenkreis ist heute überraschend frei von Männern, die Frauen das Wahlrecht verweigert hatten. Oder die sie während ihrer Menstruation für geistig instabil hielten. Auch Herren, die Frauen aus Universitäten oder Berufen fernhalten wollten, sind inzwischen schwer zu erreichen. Einzig einen Mann kenne ich, der findet, dass Frauen ohne Erlaubnis des Ehemanns kein Bankkonto eröffnen sollten — und das ist mein eigener. Er verkündet diese Regel allerdings nur, wenn fünf meiner bestellten Päckchen gleichzeitig eintreffen. Das «Früher war es andersrum»-Argument würde schon funktionieren, aber nur wenn wir alle ewig lebten. Dann könnten wir uns auf die Spurensuche nach Fehlverhalten begeben und Leuten, die früher Unrecht taten, heute die Rechnung präsentieren. Wäre das nicht grossartig?
Das Problem beginnt dort, wo man versucht, Fehler aus der Vergangenheit mit neuen Fehlern zu korrigieren. Es wird dadurch kein bisschen besser – es profitieren lediglich andere Menschen vom gleichen Unfug. Damit zeigt sich letztlich etwas anderes: Es geht nicht unbedingt um eine gerechtere Welt. Es geht darum, wer gerade den Vorteil hat.
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