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Ohne Vorwarnung

Tamara Wernli

Ohne Vorwarnung

Ein persönliches Erlebnis über Angst und Misstrauen.

Ich habe mit mir gerungen, gezögert, diese Erfahrung in meiner Kolumne aufzugreifen. Immer stellt sich mir die Frage: Welchen Gewinn hat der Leser davon? Unterhaltung, einen Funken Erkenntnis oder das Widersprechen von Absurditäten: Das sind Zutaten, auf die ich normalerweise achte. Am Ende überwog der Gedanke, dass diese Geschichte zeigt, dass Vorsicht besser als Nachsicht ist.

Illustration: Fernando Vicente
Ohne Vorwarnung
Illustration: Fernando Vicente

Neulich war ich geschäftlich in Köln. Nach dem Abendessen nehme ich das Uber meines Kollegen, um mich nach seinem Hotel weiter zu meinem eigenen bringen zu lassen. Es ist kurz nach zehn. Mein Kollege verschwindet in seinem Hotel, und der Fahrer erklärt, dass wir ein paar Minuten warten müssten, weil ihm von der Zentrale eine neue Fahrt – die Strecke zu meinem Hotel – zugeteilt würde. Wir einigen uns stattdessen auf sofortige Weiterfahrt; ich gebe ihm 20 Euro und bleibe auf dem Rücksitz. Der Wagen rollt ein Stück weiter, dann hält der Fahrer an, steigt aus, geht um das Auto herum und bleibt irgendwo hinten stehen. Was tut er da? Toilette? Dann steigt er wieder ein, fährt los und schaltet das Gerät ab, das ihn mit der Zentrale verbindet. Irgendwo in einem hinteren Winkel meines Bewusstseins regt sich kurz etwas, ganz leise.

Haben wir das nicht tausendmal gesehen, wurden nicht tausendmal gewarnt? Wie kann das mir passieren?

Dass sich der Fahrer in diesem Teil der Stadt nicht auskennt, wird sofort klar. Er tippt eindringlich auf das Navigationsgerät, nuschelt genervte Sätze. Es ist dunkel, und an mir zieht ein entlegener Teil von Köln vorbei – bewaldet, die Häuser spärlich. Ohne Vorwarnung biegt er von der Hauptstrasse in einen dunklen, von Bäumen gesäumten Weg ein. Diese Richtung ist aber falsch, kann ich nur denken, dann hält er nach ein paar Metern an. Urplötzlich steigt Hitze in mir auf. Nein, es ist diffuse Angst, sie verschlingt mich. Und warum ist er vorhin aus dem Auto gestiegen? War er am Kofferraum? Früher hatte ich immer Pfefferspray dabei, aber das darf ja nicht ins Handgepäck. In der Ferne erkenne ich vereinzelte Häuser. Haben wir das nicht tausendmal gesehen, wurden nicht tausendmal gewarnt? Wie kann das mir passieren? Ich entscheide mich, unter einem Vorwand hastig auszusteigen.

 

Die Hauptverkehrszeit ist längst vorbei. Im dünnen Abendkleid mit Mäntelchen stehe ich irgendwo in der Pampa, beobachte mit zittriger Aufmerksamkeit den Mann im Wagen, dann wieder die verlassene Umgebung. Aus dem heruntergelassenen Fenster sieht er mich an, misstrauisch. «Wieso haben Sie angehalten?», frage ich mit der festesten Stimme, die ich in mir finden kann. Stille. Dann sehe ich in seinen Augen, dass er versteht, warum ich ausgestiegen bin. Er habe nur nach dem Weg suchen wollen, sagt er und bietet mir an, weiterzufahren.

Ich gehe im Geist fieberhaft meine Möglichkeiten durch. An der spärlich beleuchteten Hauptstrasse auf einen neuen Fahrdienst zu warten, könnte noch viel gefährlicher sein. Vielleicht habe ich hier nicht einmal Handyempfang. Irgendwo in seinem Blick glaube ich einen Anflug von Empathie zu erkennen. Er sagt, er könne mich schon hierlassen, aber es würde dauern, bis der nächste Fahrer in diesem Gebiet sei. Das sehe ich ein. Womöglich sucht er ja wirklich nach dem Weg? Dann bist du lächerlich, Tamara! Ich verfluche meinen Kollegen und sein Hotel. Nach kurzem Zögern steige ich widerstrebend ein. «Schalten Sie bitte die Verbindung zur Zentrale wieder ein.» Falls er zuvor noch Zweifel hatte, ist ihm jetzt alles klar. Er stellt die Verbindung her, erklärt, dass mir trotzdem ein neuer Auftrag zugewiesen werde, und gibt mir die 20 Euro zurück.

Er habe eine Tochter und wisse, was alles passieren könne, erklärt er während der Fahrt, er selbst sei im Wagen schon bedroht worden. Er verstehe meine Reaktion und entschuldige sich dafür, mir einen Schrecken eingejagt zu haben. «Schon gut, mir tut es leid. Ich wollte nicht unhöflich sein.» In meiner Erleichterung über den Ausgang der Dinge kann ich kaum glauben, dass ich so überreagiert habe. Wir lachen beide, während er nun von seiner Familie erzählt. Ich höre nur mit halbem Ohr hin, weil ich, immer noch zitternd, über mein Misstrauen nachdenke und ob es Selbstschutz oder Voreingenommenheit ist oder einfach eine dunkle, unschöne Seite, Schlimmstes zu vermuten. Vielleicht alles zusammen. Ich nehme es mir nicht übel. Ich würde jederzeit genauso reagieren.

 

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