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Nicht aufgeben, Gentlemen!

Tamara Wernli

Nicht aufgeben, Gentlemen!

Frauen wundern sich, dass Männer nicht mehr alles mitmachen – und übersehen, warum.

Oje, oje. Jetzt zeigen sich die Frauen irritiert, dass es (angeblich) kaum noch Gentlemen gibt. Zwei Beispiele von vielen, die das Phänomen jüngst unter grosser Aufmerksamkeit öffentlich machten: Die eine schilderte auf X, wie sie im ICE ihren Koffer auf die Ablage stemmte, während ein Mann untätig zusah: «Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass dieser ‹Feminismus› vor allem ein Projekt zur Entlastung der Männer ist.» Die andere fragt in ihrem Video: «Wo sind die Gentlemen?», nachdem ein Passant ihr und ihrer Mutter die Hilfe beim Fahrradhieven, ungeachtet ihrer Bitte, verweigerte, mit dem Hinweis, sie seien doch zu zweit. Ihr Urteil: «Immer mehr Männer sind Versager.»

Illustration: Fernando Vicente
Nicht aufgeben, Gentlemen!
Illustration: Fernando Vicente

In den Kommentaren herrschte erstaunlich breite Einigkeit: Das Problem sei hausgemacht. Ein User erklärte: «Vielleicht haben Männer es einfach satt, ständig als Täter und Monster dargestellt zu werden. Seit Jahren hören wir nur: Lasst uns Frauen in Ruhe.» Frauen seien das Opfer ihres eigenen Produktes.

Wir haben offensichtlich einen handfesten Geschlechtergraben. Er trifft einen Punkt. Noch vor zwanzig Jahren hätte kaum ein Mann gezögert, einer Frau zur Hand zu gehen — im Gegenteil. Er fühlte sich geschmeichelt, gebraucht zu werden. Heute hingegen erlebt die Männerwelt ein anderes gesellschaftliches Klima. Praktisch täglich wird sie in den Medien und den sozialen Netzwerken pauschal für alles verantwortlich gemacht, was schiefläuft. Die Männer sind schuld, wenn Frauen keine Karrieren machen, Studienfächer oder Berufe wählen, die weniger einbringen, oder wenn Individuen Gewalt ausüben. Sogar dafür, dass Frauen weniger E-Autos fahren (!), werden sie ins Visier genommen. Schlagzeilen wie «Männer sind eine Gefahr für die Gesellschaft», «Brauchen wir die noch?» oder «Frauen könnten alles, wären da nicht die Männer» prägen die Geschlechterdebatten.

Der Rückzug der Männer aus der Allzeit-bereit-für-Frauen-Mentalität war absehbar.

Der teilweise Rückzug der Männer aus der Allzeit-bereit-für-Frauen-Mentalität war absehbar. Glauben wir wirklich, dass es keine Reaktion auslöst, wenn einer ganzen Gruppe in voller Lautstärke eingeredet wird, sie sei das Problem und sie habe grundsätzlich böse Absichten? Ein sicherer Weg, um Frust und Trotz auszulösen, ist genau das: kollektive Schuldzuweisungen und das gleichzeitige Ignorieren von Verdiensten. Wem gewohnheitsmässig vermittelt wird: «Du bist der Feind, bist das Hindernis», wird sich zweimal überlegen, noch Energie zu investieren; die meiste Zeit ist er die reinste Enttäuschung, doch sobald Hilfe gebraucht wird, ist er plötzlich wieder von Bedarf? Hinzu kommt: Der moderne Feminismus steckt voller Widersprüche. Nach seiner bahnbrechenden Logik wäre es sexistisch, einer Frau zu helfen – einfach, weil sie eine Frau ist; damit würde man ihr Schwäche unterstellen, also, dass sie es nicht allein schafft. Hilft er nicht, gilt er als Versager. Wie er es auch macht, er kann es nicht richtig machen.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich finde selbstverständlich, dass man hilfsbereit sein und mitanpacken sollte. Gentleman-Gesten sind wunderbar, sie dürfen auf keinen Fall verschwinden. Ausserdem, alle Frauen pauschal für einen aus dem Ruder gelaufenen Feminismus abzustrafen, ist keine Lösung. Es ist sogar absurd. Und schliesslich: Es gibt auch Menschen, die schlicht nicht helfen wollen.

Dennoch kann man nicht leugnen, dass diesem modernen Feminismus mit seinen Schuldzuweisungen und dem Abschieben von Eigenverantwortung viel zu lange zu wenig widersprochen wurde – von den Frauen. Auch wenn es den Anschein hat, als herrsche breiter Konsens über seine Ideen, spricht er längst nicht für uns alle. Anstatt das klarzustellen, schüttelte man im Stillen den Kopf oder ärgerte sich heimlich über die Absurditäten – und überliess die Deutungshoheit über Geschlechterfragen einer von feministischer Perspektive geprägten medialen Öffentlichkeit.

 

Die gute Nachricht: Brücken, die eingestürzt sind, lassen sich wiederaufbauen. Wenn mehr Frauen deutlich machen, dass sie sich von der heute bisweilen radikalen Auslegung der Frauenbewegung nicht repräsentiert fühlen, kann das Spaltung abbauen und wieder Verständnis fördern. Mehr Gegensteuer von uns kann die Schieflage wieder ins Lot bringen. Und einen Raum schaffen, damit der verschupfte Gentleman wohlbehalten zurückkehren kann.

 

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