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Neues Leben blüht aus den Ruinen

Editorial

Neues Leben blüht aus den Ruinen

Erste Eindrücke aus Afghanistan nach fünfzig Jahren Krieg.
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Kabul

Seit einigen Tagen reise ich durch die afghanische Hauptstadt Kabul. Rund sieben Millionen Menschen bevölkern heute dieses von den Bergen des Hindukusch wie eine natürliche Festung ummauerte Hochplateau auf 1800 Metern über Meer. Vor fünfzig Jahren, als das Land vier Jahrzehnte des Friedens unter einer konstitutionellen Monarchie hinter sich hatte, war Kabul ein vergleichsweise beschaulicher orientalischer Sehnsuchtsort mit lediglich 350.000 Einwohnern.

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Nichts ist faszinierender als die Wirklichkeit: Supermarkt in Kabul.
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Es war die Zeit, als europäische Marihuanatouristen im Shar-e-Nau-Park zu östlichen Saitenklängen inhalierten, meditierten. Kunstvoll bestickte afghanische Lederpelzmäntel standen auch bei Schweizer Hippies hoch im Kurs.

 

Schweizerischer Hotelglamour

Damals, Ende der sechziger Jahre, eröffnete das britische Tourismusunternehmen gleichen Namens mit grossem Tamtam das «Kabul Intercontinental Hotel». Der erste Direktor war ein Schweizer, Pierre Martinet, aufstrebender Stern der internationalen Hotellerie. Im futuristischen Raumschiffstil des Mondzeitalters errichtet auf einem lauschig umwaldeten Hügel mit prächtigem Panoramablick, rühmte sich das Haus, eine der ersten Adressen nicht nur Afghanistans, sondern ganz Asiens zu sein. Es gab preisgekrönte Köche aus Deutschland und Skandinavien. Der französische Modeschöpfer Pierre Balmain liess im «Interconti Kabul» seine Models aufmarschieren.

Die kanadische Journalistin Lyse Doucet hat dieser Zeit in ihrem fantastischen neuen Buch «Hotel Kabul» ein Denkmal gesetzt, aber auch dem zähen, bewundernswerten Durchhaltewillen der Afghanen, die in den Jahrzehnten, die auf diese so sorgenlosen Jahre folgen sollten, gleich mehrmals durch den Fleischwolf der Geschichte und des Krieges gedreht wurden. Nichts bestimmt so sehr die Mentalität, den Alltag, das Denken und das Leben dieses leidgeprüften Volks wie die Erfahrung der ihm während des letzten halben Jahrhunderts aufgezwungenen Kriege. Zum ersten Mal seit langem glaubt man in Kabul die zarten Knospen eines Friedens zu erkennen.

 

Fake News regieren die Welt

Fake News regieren die Welt. Und bereits nach wenigen Tagen in der afghanischen Hauptstadt verdichtet sich auch bei mir der Verdacht, dass unsere Vorstellungen von diesem Land, seinen Leuten und seiner Regierung einer Nuancierung, wenn nicht gar einer Revision bedürfen. Natürlich ist alles, was ich hier aufschreibe, Stückwerk, subjektiv, irrtums- und fehldeutungsanfällig wie alles, was Menschen tun. Nach knapp einer Woche intensiver Besichtigungen und Gespräche mit NGOs, Ministern, internationalen Unternehmern und Afghanen, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind oder ihr die Treue nicht aufgekündigt haben, kann man kein vollständiges Bild abliefern.

Das «Interconti Kabul» rühmte sich, eine der ersten Adressen ganz Asiens zu sein.

Doch es ist schon aufschlussreich und interessant, was der persönliche Augenschein zutage fördert. Kabul ist nach fünfzig Jahren Krieg und Fremdherrschaft eine Grossstadt auf dem Rückweg in eine gewisse Normalität. Einer unserer Gesprächspartner, ein eingebürgerter Schweizer aus alter afghanischer Familie, wohnhaft in Lostorf, Kanton Solothurn, dessen Vater, ein Verfassungsjurist, mithalf, die absolute Monarchie in eine konstitutionelle Monarchie zu überführen, erzählt uns mit kontrollierter Begeisterung, wie positiv sich das Land unter der neuen, beim Volk breit akzeptierten Regierung gerade entwickle. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren gebe es wieder Einheit und Sicherheit, eine Perspektive der Hoffnung.

 

Höllenfahrt der Geopolitik

Bevor sich hier aus westlicher Sicht nun gleich Einspruch anmeldet und wir unsere Vorstellungen von Gut und Böse, Richtig und Falsch auf dieses sich aus Schutt, Staub und Trümmern erhebende Land übertragen, bitte ich darum, den grösseren Zusammenhang nicht zu vergessen. Afghanistan hat fünf Jahrzehnte Krieg, Invasion, Besetzung, Zerstörung hinter sich, eine Höllenfahrt auf den Achterbahnen der Geopolitik. Auf die Monarchie folgte per Staatsstreich eine linksautoritäre Republik. Auch sie wurde gewaltsam gestürzt. 1979 marschierten die Sowjets ein. Gegen sie bäumte sich die kriegerische Urkraft des Hindukusch auf, ein archaischer Selbstbehauptungswille, der noch jeden Möchtegerneroberer zerschmetterte.

Auch die USA konnten sich nur 20 Jahre lang halten, ehe das wilde Land eine weitere Grossmacht abschüttelte.

Nach der Vertreibung der Russen fielen die Aufständischen, die «Mudschaheddin», gegenseitig über sich her, Ausdruck der Fragmentierung einer sich über 40.000 Gebirgstäler, fruchtbare Flusslandschaften, Wüsten und uralte Fernhandelsstädte zerstreuenden Stammesgesellschaft. Aus dem Durcheinander gingen die ominösen «Taliban», die Koranschüler, als Gewinner hervor, zur allgemeinen Überraschung. Ihr im Westen verteufeltes Regime endete unter dem Bombenhagel der Amerikaner 2001. Doch auch die USA konnten sich nur zwanzig Jahre lang halten, ehe das wilde Land eine weitere Grossmacht abschüttelte. Seit 2021 regieren wieder die Taliban. Sie seien, hören wir, anders und besser, als bei uns behauptet werde.

 

Alpenfestung Zentralasiens

Man kann sich Afghanistan als eine nach Zentralasien verpflanzte Schweiz vorstellen, Binnenland, hochgebirgig, gelegen an den wichtigsten Verkehrsadern eines Erdteils, stets bedrängt von mächtigeren Nachbarn, Knautschzone zwischen Imperien, ein von Grünflächen umsäumter Steinhaufen. Hier wohnen Leute, die ihre Freiheit und die ihrer Familien und Clans höher einschätzen als das bequemere Leben in der Ebene oder jenseits der Grenzen. An Afghanistan lässt sich besichtigen, wie ein Vielvölkerstaat im Moment der Bedrohung durch einen äusseren Feind sich zusammenkrallt, ballt wie eine Faust, dann aber wieder mosaikartig sich in seiner Verschiedenheit auffächert.

Was hält dieses Afghanistan im Innern zusammen? Wir Schweizer haben, ähnlich wie die USA, die Philosophie, die Idee, den Mythos unserer Freiheit und Unabhängigkeit, unserer direkten Demokratie, die Staatsform, die über alle Unterschiede unser Land ausmacht. Bei den Engländern sind es die organisch gewachsenen insularen Traditionen einer Klassengesellschaft. Bei den Franzosen ist es vielleicht das Gefühl, die glorreiche Halluzination ewiger Grösse, während die Deutschen stets fiebrig auf der Suche nach einer Denksynthese sind, einem Leitgedanken, einer Leitkultur, die auch diesem vielschichtigen Kollektiv ein Gefühl von Sinn, Richtung und Identität vermittelt.

Und bei den Afghanen? Ich kann nur rätseln, aber Religion und Tradition spielen für den Zusammenhalt dieser Nation eine gewaltige Rolle. Im fortschrittsbeduselten Westen machen wir uns davon keine Vorstellung. Das tiefgläubige, vielleicht auch deshalb allen Härten trotzende Afghanistan wirkt geschichtlich hin- und hergerissen zwischen Herkunft und Zukunft. Die städtischen Eliten drängen auf Modernisierung. Die Traditionalisten in den Bergen, ohne die man die Unabhängigkeit des Landes nie behauptet hätte, begehren auf, stemmen sich mit ihrer ganzen archaischen Wucht dagegen, sobald sich ihr Land allzu sehr, zu schnell und zu einseitig den als fremdländisch empfundenen westlichen Sitten öffnet.

 

Flüchtlinge willkommen und sicher

An dieser Bruchkante, an dieser Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne operieren heute die Taliban. Bevor man sich ein schnelles Urteil anmasst, sollte man sich vor Augen halten, dass diese Turnschuh- und Sandalensoldaten die grösste Militärmacht der Welt besiegten, angetrieben von einem starken Glauben und uralten Traditionen, zu denen auch einige gehören, die uns womöglich nicht gefallen. Kann man von Leuten, die ihrer Wesensart einen solchen Kriegserfolg verdanken, erwarten, dass sie ihre Kultur auf Befehl von aussen einfach abstreifen? Kaum. Mein Eindruck ist zudem, dass die Taliban kein monolithischer Block sind, sondern Abbild der inneren Vielfalt ihres Landes.

Das sind vorläufige erste Eindrücke nach einer Reihe von Gesprächen unter anderem mit hochrangigen Regierungsmitgliedern, von denen alle im Krieg waren, zum Teil in amerikanischer Haft. Sie sagen heute: «Wir suchen keine Rache, wir wollen Frieden und sind bereit, mit allen Staaten auszukommen, auch mit unseren früheren Feinden.» Die Flüchtlinge aus Europa sollen zurückkehren, sagt man uns, sie seien willkommen und sicher. Natürlich gibt es grosse Hindernisse, aus westlicher Sicht vor allem die Frage der Frauenrechte. Doch auch dieses Thema ist vielschichtiger als die Schlagworte im Westen. Ist man bereit, sich auf Afghanistan einzulassen, findet man vielleicht einen Weg zurück zur Zusammenarbeit mit diesem so leid- und kriegsversehrten Land.

 

«Schweiz könnte wichtige Rolle spielen»

Journalismus ist Verständigung, ist der Versuch, dem Leser immer auch einen Fluchtweg aus den Höhlen seiner Vorurteile, aus den Spiegelkabinetten seines Ichs zu offerieren. Die Welt verändert sich. Man muss sie laufend neu erkunden. Das ist der Grund, warum ich hierhergefahren bin und in der kommenden Woche mit vielen Leuten in Afghanistan reden werde, auch mit solchen, mit denen Journalisten aus dem Westen angeblich nicht reden dürfen. Wir Schweizer, die übrigens erst 1971 das Frauenstimmrecht einführten, sollten uns vor solchen Überheblichkeiten hüten. Nichts ist faszinierender als die Wirklichkeit. Und überraschender.

«Kabul war wie eine zerdrückte Coca-Cola-Dose», erklärte mir Sedick Hamed, der Solothurner Ländereienbesitzer nobler afghanischer Herkunft, bei einem Ingwertee in der Lobby unseres Hotels. Der Krieg habe die Stadt zerstört, Seelen verwüstet, doch die Moral der Afghanen sei stark: «Afghanistan muss wieder in die Welt integriert werden», fordert der würdevolle, äusserst distinguierte ältere Herr mit gepflegtem, grauem Bart und traditioneller Tracht, «die Schweiz könnte eine wichtige Rolle spielen.»

Noch gibt es viele Kalaschnikows und ungelöste Probleme, aber auch erstaunliche Normalität.

Draussen auf den Strassen herrscht Chaos, aber keine Hektik. In manchen Quartieren ragen noch fürchterliche, stacheldrahtbewehrte Betonmauern hoch mit verwaisten, toten Ausguckposten, Relikte des Kriegs. Daneben spriessen Apotheken, Kleiderläden, Lebensmittel-, Elektronikgeschäfte. Wir sehen bärtige und rasierte Männer, verschleierte und unverschleierte Frauen, die an Strassenständen gestikulierend Preise herunterhandeln. Wir erleben ein Fussballturnier, herzlichste Gastfreundschaft und eine Bevölkerung, die sich nicht unterkriegen lässt. Noch gibt es viele Kalaschnikows und ungelöste Probleme, aber auch erstaunliche Normalität angesichts des kurzen Friedens. In Kabul blüht, unverkennbar, aus den Ruinen neues Leben.

Jetzt brechen wir in die Berge auf, ins legendäre Pandschir-Tal. Fortsetzung folgt.

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