Wenn in Cannes mehr über Brüste gesprochen wird als über Filme — und die drängendste Frage die nach der Echtheit von Bella Hadids Oberweite ist —, war es vielleicht wirklich an der Zeit, die Kleiderordnung zu überdenken. Das dachte sich möglicherweise auch die Festivalleitung. Kurz vor Beginn des 78. Filmfestivals zog sie die Reissleine: durchsichtige Stoffe? Ab sofort tabu. Nacktheit? «Aus Gründen des Anstands» nicht mehr gestattet. Und auch ausladende Schleppen – diese stolperfreundlichen Aufsehenerreger aus pompösem Stoff – wurden verbannt, weil sie «den Verkehrsfluss der Gäste behindern oder die Sitzordnung im Theater erschweren». Zu viel Tüll, zu wenig Platz fürs Kino.
Illustration: Fernando Vicente
Für Schlagzeilen sorgten in den vergangenen Jahren vor allem jene Gäste, die weniger mit Filmbeiträgen als mit Stoffreduktion brillierten. Das Model Bella Hadid etwa erschien in einem kunstvoll gerafften Kleid, das ihre Brüste komplett entblösst hätte – wäre da nicht dieser Hauch von durchsichtigem Stoff gewesen, der gerade noch als Textil durchging. Von einem «Erahnen» ihrer Weiblichkeit konnte man da kaum noch sprechen; man musste schon blinzeln, um irgendetwas nicht zu sehen – auch dieses Jahr liess sie sich den Mini-Sideboob trotz der neuen Regeln nicht nehmen. Irina Shayk entschied sich für einen langen schwarzen Lederrock, kombinierte ihn mit: nichts weiter, ausser zwei strategisch platzierten Bändern, die ihre Oberweite zwar irgendwie im Zaum hielten, es aber mit Hingabe verpassten, ihre Brüste darunter nicht hervorblitzen zu lassen. Kendall Jenner hüllte sich in Cannes einst in weissen durchsichtigen Tüll — von Kopf bis Fuss. Die hohe Kunst, so aufzutreten, dass man nur deshalb nicht offiziell als nackt gilt, weil es eben extravagante Haute Couture ist.
Es geht mehr um Likes, weniger um Leinwandkunst. Um Präsenz, weniger um Preisverleihung.
Natürlich ist nichts dem Zufall überlassen. Jedes Kleid wird akribisch ausgesucht, oft in stundenlangen Anproben mit Designern und Stylisten – denn ein transparenter Hauch hier und ein Faden dort entscheiden über Aufmerksamkeit. Und natürlich darf und soll Mode provozieren – dafür ist sie ja da. Brüste sind keine Skandale, und gewagte Modeauftritte haben nicht nur an der Croisette eine lange Tradition, auch gebührt schönen Körpern zweifellos Anerkennung. Klar ist auch: Wer seine Sexualität mit maximaler Freizügigkeit auf dem roten Teppich inszeniert, will vor allem eins: Wirkung, Reichweite, Schlagzeilen. «Hier! Ich, ich, ich! Schaut alle her!» Es geht mehr um Likes, weniger um Leinwandkunst. Um Präsenz, weniger um Preisverleihung.
Die feierliche Rampe eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt ist zwar, wie jeder Promi-Teppich, eine Bühne für Eitelkeiten, aber vielleicht möchte nicht jeder beim Schlendern darüber Brüste im Blickfeld haben oder das Gefühl, versehentlich in eine Dessous-Show geraten zu sein. Mit dem Wort «Anstand» liegen die Veranstalter also nicht ganz daneben, ich schätze, man reagiert damit (wie auch mit den Schleppenregeln) auf Beschwerden. Man kann den neuen Regeln eine gewisse Prüderie nicht absprechen, aber Prüderie muss nicht immer nachteilig sein. Wer sich irgendwo in Szene setzt, sollte wissen, wann der grosse Auftritt einem selbst gehört – und wann man die Aufmerksamkeit anderen überlässt. Es ist wie auf einer Hochzeit: Wer dort in Weiss erscheint — oder gleich in knalligem Rot —, kennt entweder die Regeln nicht oder ignoriert sie bewusst; es hat mit Respekt zu tun.
Vielleicht spielte all das eine Rolle: die Veranstaltung, in der Filmkunst im Mittelpunkt steht, nicht zur Bühne einer halbnackten Selbstvermarktungsshow werden zu lassen. Das Festival lebt von den Filmen und denen, die sie drehen, spielen, erzählen. Nicht von der Frage, ob unter einem Kleid Unterwäsche oder Silikonblättchen zum Einsatz kommen.
Dass man auch anders auffallen kann, zeigen Schauspielerinnen wie Diane Kruger, die in einem raffinierten, eleganten Prada-Kleid erschien. Oder Halle Berry, die ihr ursprünglich geplantes Outfit mit dramatischer Schleppe gegen ein schlichtes Kleid tauschte – und damit mehr Eindruck hinterliess als so mancher Nacktblitzer. Stil ist nicht das Gegenteil von Freiheit. Und manchmal gehört die Aufmerksamkeit einfach jemand anderem – und das zu akzeptieren, ist auch eine Form von Stil.
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