Max Beckmann, der Traum, 1921 – Schwer zu beantworten, ob es von Vorteil ist oder von Nachteil, dass der Mensch die meisten seiner Träume vergisst. Wenigstens jene, die ihn nachts heimsuchen, die ihn mal plagen, mal erfreuen, die ihn mal leben oder mal sterben, die ihn durch die Tore der Hölle oder durch die Pforten des Elysiums blicken lassen. Die Zahl ist nicht präzise, es wird aber doch geschätzt, dass ein Mensch mit achtzig Jahren ungefähr 150.000-mal geträumt hat.
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Einige Menschen sind Tagträumer, und ein Tagtraum ist ein wunderbarer Zustand, er löst einen von den Tentakeln des Realen, lässt einen eintauchen in neue hoffnungsvolle Lebensformen und Daseinsentwürfe. Nachtträume verarbeiten die Vergangenheit.
Tagträume ebnen den Weg in Zukunftswelten. In beiden lebt und durchlebt der Mensch seine verborgenen Sehnsüchte, in beiden wandelt er durch die Pfade seiner Seelenlandschaft – mit dem Unterschied, dass er den Traumbildern der Nacht nicht entrinnen kann.
Alles Grosse und alles Kleine auch begann und beginnt mit einem Traum, dieser kaum greifbaren Keimzelle, aus der manchmal Wirklichkeit erwächst. Und nicht vielleicht, sondern mit Sicherheit sollten wir in diesen eher traumarmen Zeiten den Mut aufbringen, gross zu träumen, zumindest tagsüber, um wenigstens kleine Visionen und Utopien zu gebären.
Max Beckmann (1884–1950) war kein grosser oder gar grossartiger Träumer. Es ging ihm wie vielen andern auch. Stets wollte er das Schöne, aber was ihm gelang, war doch, wie er sagte, das Harte. Die Wirklichkeit ist stets stärker als die Kraft des Traumes, vielleicht ist das gut so, wer weiss das schon, vielleicht verderben zu viele Träume den Brei des Daseins. Und da ist ja auch noch der Albtraum. Und da ist dieser Satz von Beckmann für all die eingeschlafenen Träumer: «Durchhalten! Nicht die Menschen, die immer gewinnen, sind die stärksten, sondern die, die niemals aufgeben.»

