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«Meistens sieht man das Alien fressen»

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«Meistens sieht man das Alien fressen»

Die vom 2014 verstorbenen Churer Oscarpreisträger H. R. Giger erschaffene Kreatur jagt wieder über die Bildschirme. Heimkino-Viewing mit Giger-Kenner Marco Witzig.

Alien: Earth: von Noah Hawley. Mit Sydney Chandler und Alex Lawther. Staffel eins. Achtteilige Sci-Fi-Horrorserie. Abrufbar auf Disney+

Die Kritiken sind positiv, aber was hätte Giger selbst vom achtteiligen Streaming-Prequel zum ersten Alien-Film von 1979 gehalten? Ein Besuch bei Marco Witzig bietet Chance zur Klärung. Er ist einer der wichtigsten HRG-Sammler, Verantwortlicher für viele Giger-Ausstellungen und den Werkkatalog und war zu Gigers Lebzeiten dessen «Mädchen für alles, nur Autofahren für ihn konnte ich nicht».

FX/Disney+, Patrick Brown/FX
Szene aus «Alien: Earth
FX/Disney+, Patrick Brown/FX

Es ist gar nicht so einfach, Witzig in seinem Büro/Archiv inmitten des augenscheinlich real existierenden Alien-Universums bestehend aus unzähligen Giger-Kreaturen in allen Grössen und Varianten eindeutig zu lokalisieren. Nachdem dies aber doch gelungen ist, kann man sich gemeinsam vor den Fernseher setzen und mit der Visionierung der ersten Folge von «Alien: Earth» von Noah Hawley (bekannt unter anderem für seine Serien-Adaption des Coen-Brüder-Films «Fargo») beginnen.

Fragen grundlegender Natur sollten vorher noch geklärt werden.

 

Weltwoche: Herr Witzig, das Alien, diese eierlegende Wollmilchsau, ist einfach nicht totzukriegen. Wem gehört es eigentlich genau?

Marco Witzig: Giger hat das Alien ursprünglich im Auftrag von 20th Century Fox geschaffen, und nachdem Disney Fox geschluckt hat, sind die Rechte an die Walt Disney Company gegangen.

 

Weltwoche: Das heisst, das ganze Geld fliesst an Disney?

Witzig: Giger ist immer, wenn das Alien genutzt wird, im Promille-Bereich daran beteiligt, also auch am Erlös von Spielsachen et cetera. Nach der erwähnten Fusion kam nach ein paar Jahren mal ein E-Mail von Disney, es gebe da noch Lizenzgeld, wohin man das denn schicken solle, und es kam dann auch eine anständige Geldsumme. Das war eine ganz nette Überraschung. Auch bei «Alien: Earth» waren wir doch sehr positiv überrascht, wie professionell und toll die Leute von Disney mit uns zusammengearbeitet haben, das hat Spass gemacht. Wir hoffen schon, dass es dann noch mehr Staffeln gibt.

 

Weltwoche: Die Leute von Disney können mit dem Alien aber nicht einfach machen, was sie wollen? Es etwa für einen Auftritt in «Schneewittchen» verwursten oder so?

Witzig: Doch, doch. Schon Fox konnte frei entscheiden, was sie mit dem Alien machen. Aber Disney will natürlich nicht seine eigene Figur verbrennen. Es wäre zwar noch lustig, wenn Darth Vader in einem Film ein Alien herauswürgen würde – Disney hat ja auch «Star Wars» gekauft.

 

Ratte im Weltraum

Die Visionierung beginnt. Marco Witzig hat von «Alien: Earth» auch noch nichts gesehen.

Erste Szene: Das Forschungsraumschiff USCSS Maginot fliegt durchs All. Die Crew wacht aus dem Schlaf auf.

 

Weltwoche: Wie finden Sie es bis jetzt?

Witzig: Ist noch ein bisschen früh, es zu beurteilen, nach zwei Minuten. Sieht auf jeden Fall alles aus wie im ersten Alien-Film.

 

Weltwoche: Da raucht einer eine Zigarette!

Witzig: Das ist ja schon mal was. Ist ja noch mutig, dass Disney so etwas heutzutage noch macht.

 

Weltwoche: Das da scheint der gescheite Asiate zu sein.

Witzig: Die wollen es auch in China verkaufen.

 

Weltwoche: Und das da ist der Cyborg-Dunkelhäutige. Das Tempo ist recht langsam.

Witzig: Wie im Original. Was eine Ratte im Weltraum macht, ist allerdings etwas komisch.

 

Weltwoche: Eine was?

Witzig: Die Ratte da. Dass sie irgendwelche Ausserirdischen auf die Erde mitnehmen, okay, aber eine Ratte . . . Die neue Geschichte ist ja, dass sie ausserirdische Viecher einsammeln und auf die Erde bringen, und die befreien sich und dann gibt es Action.

 

Weltwoche: Jetzt gehen sie wieder schlafen. Wieso müssen Cyborgs schlafen? Muss das Alien eigentlich auch schlafen?

Witzig: Keine Ahnung. Also, das Alien sieht man selten schlafen. Ist ja auch nicht so spannend. Meistens sieht man es fressen.

 

Weltwoche: Katzen, nicht wahr? War sein erstes Opfer im Original-Film nicht eine Katze?

Witzig: Nein, die Katze hat überlebt. Das Alien ernährt sich von Anfang an von Grösserem.

 

Weltwoche: Oder war es Alf, der Katzen gefressen hat?

Witzig: Keine Ahnung, könnte sein. Giger hat die Alf-Serie auf jeden Fall gerne geschaut, es gibt sogar eine Zeichnung von ihm mit Alf und dem Alien zusammen drauf.

 

Weltwoche: Ist ein bisschen langweilig bis jetzt.

Witzig: Ja, mir haben auch schon ein paar Leute gesagt, man müsse ein bisschen vorspulen.

 

Es folgen eher verwirrende Szenen, die im Labor eines Unternehmens namens Prodigy auf der Erde spielen. Das Bewusstsein einer krebskranken Elfjährigen wird in den künstlichen Körper einer erwachsenen Frau übertragen: Wendy ist geboren, so hiess auch das an der Schwelle zur Frauwerdung stehende Mädchen im Kinderliteratur-Klassiker «Peter Pan», den Disney anno 1953 als Zeichentrickfilm herausbrachte. In der Folge werden auch immer wieder Sequenzen daraus eingeblendet.

 

Weltwoche: Jetzt wird es krampfhaft allegorisch: das Kind, das nicht erwachsen werden will, das zentrale Thema in «Peter Pan». Das ist Giger geglückt: Bis zuletzt war er selber ein riesiges Kind.

Witzig: Das kann man so sagen. Wie alle Künstler eigentlich.

 

Weltwoche: Immerhin war Giger Disney-Fan. Ich habe zu Hause eine Lithographie, auf der eine Satan-Figur zu sehen ist, die auf Mickey Mouse basiert.

Witzig: Als Kind ist er mit Mickey Mouse und Donald Duck aufgewachsen, er hat auch eigene Donald-Duck-Geschichten geschrieben und gezeichnet.

 

Weltwoche: Hatte Giger eigentlich irgendwann mal die Nase voll vom Alien?

Witzig: Seit dem Oscar stand er im Schatten seiner eigenen Schöpfung: Das Alien war wie ein Hund, der ihm immer nachgelaufen ist, böse gesagt. Ganz unstolz, dass er es geschaffen hat, war er allerdings auch wieder nicht. Giger ist aber 99 Prozent mehr als das Alien, auf das er immer reduziert wird, das ist mir wichtig zu sagen.

 

Im Raumschiff geht es jetzt endlich zur Sache: Das Alien taucht auf und killt die Besatzung, mit Ausnahme des Cyborg-Dunkelhäutigen, der offenbar ein Böser ist und irgendetwas Hinterhältiges in den Bordcomputer gehackt hat. Das Raumschiff stürzt ab und schlägt in Prodigy City, New Siam, auf. Nachdem zwei Soldaten von einem gigeresken Axolotl-Verschnitt erledigt worden sind, ist der Spuk dann auch schon vorbei. Im Nachspann taucht der Name Giger (wieder einmal) nicht auf.

 

Weltwoche: Das war jetzt doch nicht das gute, alte Alien, auf das ich mich gefreut hatte.

Witzig: Die stark sexuell-freudianische Komponente, die Gigers Ur-Alien ausmacht, fehlt natürlich. Das Alien ist quasi die Kondensation des gesamten gigerschen Kosmos. Aber handwerklich ist die Serie gut gemacht.

 

Weltwoche: Generell finde ich es schade, dass Gigers Werk zunehmend intellektualisiert wird. Sein Horror sollte doch rein subliminal wirken, da sollte das Hirn draussen bleiben.

Witzig: Mittlerweile gibt es schon eine richtige «Alienologie», also akademische Alienforschung mit mehrtägigen universitären Kolloquien zum Thema.

 

Disneys Biest lässt grüssen

Da hätte sich Giger zweifellos gebauchpinselt gefühlt (auch wenn es ihn inhaltlich wohl nicht übermässig interessiert hätte); er, der von der Kunstelite immer nur als Trash-Künstler oder «Innendekorateur» abgetan wurde.

Abschied von Marco Witzig. Auf dem Nachhauseweg wird einem klar, dass die überschwänglichen Rezensionen von «Alien: Earth» einem eine eindeutige Warnung hätten sein müssen: Die Serie sei deswegen so «mutig neu und radikal», weil nicht eine «Kreatur, deren dramaturgische Kraft sich immer aus ihrer Knappheit speiste» ins Zentrum gestellt werde, sondern das «System» – «die Firmen, die Forscher, die Hybride, die Kontrollfantasien» –, wodurch der Horror nicht durch die Kreatur, sondern die Menschen entstehe . . .

Das ist ja einmal etwas wahnsinnig Originelles! Disneys Biest aus «Die Schöne und das Biest» lässt grüssen.

Ach, man wünschte sich, das Alien würde einfach nur wieder fressen, wie damals, in seinen heydays, anno 2122.

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