Kochen mit Solarenergie statt auf traditionellen Feuerstellen – das sah vor 25 Jahren aus wie ein Patentrezept, um Wald zu erhalten, Energie einzusparen, Emissionen zu reduzieren und Armut zu verringern. Statt Holz und Holzkohle zu verbrennen, die Sonnenstrahlen nutzbar zu machen – die Idee zündete und führte schliesslich auch zum Namen der Organisation, die solche Technologien in Madagaskar, einem der ärmsten Länder der Welt, zu etablieren sucht: Ades (Association pour le Développement de l’Energie Solaire Suisse – Madagascar) heisst die von der Schweiz aus geleitete NGO.
Solarenergie als Schlüssel
Es war damals der erste Anlauf. «Es war eine super Idee, aber leider nicht voll umsetzbar», sagt Geschäftsführer Luc Estapé beim Gespräch im Ades-Büro in Mettmenstetten. Die von Ades entworfenen Solarkocher sind so gebaut, dass die Sonneneinstrahlung in eine gut isolierte, glasbedeckte Box umgeleitet wird, in deren Innenraum bis zu 140 Grad erreicht werden. Damit lasse sich gut Reis kochen, Fisch garen oder Brot und Kuchen backen.
Und vor allem auch Holz und Holzkohle als Brennstoff einsparen, um die tropischen Baumbestände zu schonen. Estapé erklärt die Entstehungsgeschichte von Ades: Die heute in Ottenbach lebende Regula Ochsner war von 1972 bis 1975 als Entwicklungshelferin im Süden Madagaskars tätig gewesen und kam dann 1998 mit ihrer Mutter Ruth zu einem Besuch in dieses Land zurück. Erschrocken über die rasant fortgeschrittene Entwaldung beschlossen sie, sich für den Erhalt des Waldes in Madagaskar einzusetzen. Solarenergie war der Schlüssel. Im Jahr 2000 begann man in der Schweiz Solarkocher zu bauen und die Teile nach Madagaskar zu bringen. 2001 führte das Projekt zur Gründung des Schweizer Unterstützungsvereins Ades, den Regula Ochsner als Geschäftsführerin bis 2018 leitete.
Madagaskar gilt als «Paradies der Biodiversität». Auf dieser Insel im Indischen Ozean seien über 90 Prozent der Tiere und etwa 80 Prozent der Pflanzen einheimisch und existierten nur in Madagaskar, mit Tierarten wie Lemuren oder Bäumen wie dem Baobab als Symbole für dieses Land. Aber das Paradies sei in Gefahr: Abholzung, Erosion und Versteppung gefährdeten die Lebensgrundlage der Pflanzen, Tiere und Menschen. Bereits 90 Prozent der ursprünglichen Waldfläche seien verloren, rund zur Hälfte verursacht durch den Holz- und Holzkohlebedarf fürs Kochen, so die Einschätzung. Gegenmassnahmen seien dringlich, um den Abholzungsdruck zu mildern.
Und warum waren die Solarkocher nur der erste Anlauf dazu? Estapé erklärt: «Die an sich hervorragende Idee mit den Solarkochern liess sich in der Realität nicht voll umsetzen, weil diese meist zu sperrig sind für einfache Haushalte. Die Gehäuse sind relativ schwer und lassen sich nicht so einfach bewegen. Zudem funktionieren die Kocher nur bei Sonnenschein, der vor allem im Süden, aber nicht im Norden des Landes verfügbar ist. Das nimmt ihnen viel von ihrer Alltagstauglichkeit.» Laut Estapé gab es auch Reibungsstellen mit den lokalen Kochtraditionen und Gewohnheiten. So erforderten die Solarkocher andere Kochzeiten und andere Vorbereitungsweisen der Speisen, als es die Leute gewohnt waren, was zum Teil schwierig zu vermitteln war.
In den ersten Jahren erzeugten die Solarkocher aber wesentliche Impulse für die Entwicklung von Ades, unter anderem angetrieben durch ein Engagement ab 2008 von Schweizer Rotary Clubs. Otto Frei arbeitete damals als operativer Leiter von Ades in Madagaskar, und sein Bruder Hans Peter verfolgte die Initiativen von der Schweiz aus mit. Als Mitglied des Rotary Clubs Zürich-Oberland stellte Hans Peter Frei eine Unterstützungskampagne von Schweizer Rotary Clubs auf die Beine, sodass schliesslich ein «Matching Grant» von Rotary International zustande kam: Die betreffende Kampagne unter dem Titel «1000+X Solarkocher für Madagaskar» wurde im Dezember 2009 im südlich gelegenen Tuléar unter Anwesenheit des Chefs de région, des lokalen Regierungspräsidenten, lanciert. Insgesamt summierte sich die finanzielle Unterstützung durch Rotary auf 200 000 Franken. Zahllose Besuche vor Ort von Hans Peter Frei begleiteten das Projekt über Jahre.
Modulare Küchen und Solartrockner
Und heute? Estapé erklärt, dass Ades zwar nach wie vor Solarkocher produziere, aber nun vor allem als standortgebundene Installationen wie modulare Grossküchen in Schulen oder ähnlichen Institutionen. Diese Solartechnik eigne sich auch für die Aufbereitung von Warmwasser oder für Wärmespeicher. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern und der Innovationsagentur Innosuisse würden weitere Einsatzmöglichkeiten untersucht, und sondiert werde auch die soziale Akzeptanz. Weitere Optionen seien Solartrockner mit raffinierter Zirkulationstechnik etwa für Früchte. Schliesslich versuche man auch Vereinfachungen durch das Baukastenprinzip zu erreichen. «Initianten wie Hans Peter Frei haben viel Energie reingebracht, und was wir nun voranbringen müssen, ist eine Professionalisierung zahlreicher Prozesse, um die Entwicklung von Ades zu verstetigen», erklärt Estapé.
Statt Solarkocher werden jetzt hauptsächlich Energiesparkocher stark vergünstigt an die Haushalte verkauft. Diese kommen ohne Sonnenreflektoren aus, sind mit ihrem Lehmgehäuse traditionellen Öfen ähnlicher, gewährleisten aber doch erheblich effizientere Brennvorgänge, indem sie den Holz- und Holzkohleverbrauch gegenüber dem herkömmlichen Feuer um 50 bis 70 Prozent reduzieren. Die grünen Kocher, so Estapé, seien im Land mittlerweile so bekannt wie Cola-Flaschen. Neu ins Angebot kommt nun auch ein Metallkocher. Die Verlagerung auf die Energiesparkocher gelang, und per Ende 2024 waren 435 837 Kocher im Einsatz. 2024 verkaufte man über 100 000 Kocher, und für die nächsten Jahre ist eine Verdoppelung dieser Produktionszahl geplant.
Estapé fügt an: «Unsere Organisation hat quasi zwei Gesichter: In Madagaskar sind wir ein KMU mit 250 bis 300 Angestellten, die Produktion und den Verkauf von Kochern betreuen, daneben in Umweltbildungsprojekten vor allem mit Lehrkräften und Schulkindern engagiert sind und zudem für Aufforstungsaktionen in Zusammenarbeit mit Partnern besorgt sind.» Neben Produktion und Vertrieb der Energiesparkocher begann Ende 2022 eine systematische Zusammenarbeit mit Aufforstungspartnern, bei der auch die Mitarbeit von Haushalten miteinbezogen wird. Zudem bietet Ades Umweltausbildung an, im vergangenen Jahr in 240 Schulen mit gut 1600 Lehrpersonen. In der Periode 2024/25 sollen 400 000 Bäume gepflanzt werden.
Und in der Schweiz? «In der Schweiz sind wir eine NGO, die sich weitgehend über den Verkauf von CO2-Emissionsrechten und Fundraising finanziert.» Konkrete Zahlen zeigt der Geschäftsbericht. In den ersten sieben Monaten 2024 belief sich der Betriebsertrag (Umsatz) auf 2,6 Millionen Franken. Davon stammten 200 000 Franken, 8 Prozent, aus dem Verkauf der Solar- und Energiesparkocher, weitere 23 Prozent aus zweckgebundenen Spenden und Förderbeiträgen (für Madagaskar gibt es keine Subsahara-Förderungen des Bundes) und 50 Prozent aus dem Verkauf von beglaubigten CO2-Reduktionen. Der Rest kam aus freien Spenden und anderem.
Fokus auf Ziele statt auf Gewicht
Ades ist ein wichtiger Player auf dem Markt für CO2-Zertifikate: Pro installierten Kocher errechnet man eine bestimmte CO2-Reduktion im Vergleich mit traditionellem Feuer. Diese Reduktion kann sich ein anderes Unternehmen gemäss den Spielregeln anrechnen lassen. Diese Vermittlung läuft über Makler wie Myclimate, die Ades pro Tonne vermiedenen CO2 Ausstoss einen Preis zahlen und das als Emissionsrecht auf eine Tonne an einen Nachfrager wie etwa eine Zementfirma weiterverkaufen, die Emissionen kompensieren will. Der Preis auf diesem Markt beträgt 5 bis 15 Franken pro Tonne, während die Notierungen im EU-Emissionshandelssystem zurzeit bei etwa 70 Euro liegen.
Die Anrechenbarkeit der Emissionsreduktionen ist zudem nach Missbräuchen in der Branche, etwa bei South Pole, restriktiver geworden. So wurden für Ades aus den früheren 750 000 Tonnen durch die kontinuierliche Verbesserung der Berechnungsmethoden rund 400 000 Tonnen jährlich. 2026 steht eine weitere Reduktion an und führt bei Ades zu einer Strategieanpassung: Das Gewicht der Emissionszertifikate als Einnahmequelle nimmt ab, forciert wird im Gegenzug das «Impact Investing», bei dem Investoren ihr Geld für das Erreichen bestimmter Ziele eingesetzt sehen wollen.