Manchmal frage ich mich, ob Redaktionen inzwischen eine eigene Abteilung für Absurditäten führen. Drei jüngste Glanzstücke liefern jedenfalls Material, das selbst Titanic-Redaktoren neidisch machen dürfte – nur mit dem Unterschied, dass die Redaktorinnen jedes Wort völlig ernst meinen.
Beim Spiegel klagt eine Autorin: «Hinter jedem Mann steht eine Frau – und macht Fotos! Urlaubsbilder – aber kaum eines zeigt mich mit meinem Sohn, schuld ist der Gender-Foto-Gap. Warum Mütter in Familienalben oft unsichtbar bleiben.» Mit anderen Worten: Sie ist gekränkt, weil ihr Mann sie nicht oft genug ablichtet. Man möchte ein Taschentuch reichen – es klingt auf so berührende Weise selbstbezogen –, oder wenigstens ein Stativ, damit sie sich selbst fotografieren kann. Und wenn der Partner ein Fotomuffel ist – warum nicht einfach mit ihm reden, statt via Spiegel lästern? Aber das würde die Überzeugung stören; «Gap» klingt eben mehr nach einem weiblichen Nachteil als ein simpler Mangel an Kommunikation.
Illustration: Fernando Vicente
Wenn nichts Greifbares mehr da ist, greift man sich eine neue Erzählung, warum Männer an allem schuld sind.
In der Zeit heisst es: «An der Ladesäule beginnt das Mansplaining. Es sind bislang vor allem Männer, die elektrisch fahren. Was Frauen davon abhält? Vor allem Männer.» Aha. Wenn Frauen keine E-Autos fahren, liegt es also nicht an den Kosten, der Ladeinfrastruktur oder fehlender Lust am Fahren – nein, der Feind steht an der Ladesäule. Dabei dachte ich, Frauen gelten heute als emanzipiert, selbstbestimmt, stark. Wir treffen unsere Entscheidungen, wir fahren, was wir wollen. Aber an der Steckdose verlieren wir plötzlich jede Souveränität? Da sind wir nicht in der Lage, einen überflüssigen Ratschlag einfach dankend abzulehnen oder zu überhören? Frauen wollen Chef- und Verwaltungsratsposten, politische Macht, und die Welt verändern, Frauen können angeblich alles mindestens so gut wie Männer, und dennoch sind Männer verantwortlich dafür, was Frauen tun oder nicht tun. Ich nenne es «Verantwortung outsourcen». Frauen fahren kein E-Auto, weil Männer sie davon abhalten? Das ist etwa so, als würden Männer behaupten, Frauen hinderten sie daran, Online-Banking zu nutzen.
Die Taz glänzt mit dieser Schlagzeile: «Der Bizeps gehört dem Patriarchat. Das Massregeln weiblicher Muskeln dient dem patriarchalen Machterhalt. Denn eine schwache Frau lässt sich besser kontrollieren.» Ein klassischer Fall von Unterwerfung. Die Redaktionskonferenz stelle ich mir so vor: Chefredaktorin: «Lara-Lena, was kommt heute?» – Lara-Lena: «Etwas über Macht und Männer, haben wir noch nicht genug ausgeschöpft.» – «An was denken wir?» – «Mmh, Bizeps!» «Perfekt! Muskeln gleich Herrschaft. Der Bizeps, ein Machtinstrument. Lara-Lena, genial. Und vielleicht noch was über die Hanteln im Fitnessstudio, die heimlich Männer stärken?» – «Sehr gut! Je mehr Oberarme Männer haben, desto länger bleibt das Patriarchat bestehen.» – «. . . darum wollen sie weibliche Muskeln reglementieren, damit wir das Patriarchat nicht stürzen können. Eine schwache Frau lässt sich besser kontrollieren – das ist unsere Schlagzeile! Vergiss den Yoga-Lehrer*in nicht, der das alles wissenschaftlich bestätigt.»
Offenbar sind alle gesellschaftlichen Missstände inzwischen so gründlich beseitigt, dass wir uns jetzt mit Fotoknipserei, Ladesäulen und Bizeps aufhalten. Es wirkt, als stünden diese Schreiberinnen ständig an der Seitenlinie, bereit, sich zur Hauptleidtragenden jedes noch so belanglosen Alltagsdetails zu erklären. Man muss schon viel Zeit und Musse haben, um sich solche Theorien auszudenken – und den ganzen Tag darüber zu sinnieren. Ich gestehe: Ich bin neidisch.
Und wenn nichts Greifbares mehr da ist, greift man sich eben eine neue Erzählung, warum Männer an allem schuld sind. Das Problem: Dieses ewige Opfer-Narrativ ermüdet nur noch, ausser in den Echokammern stark feministisch bewegter Medien, wo man es weiter beschwört. Eigentlich wissen es längst alle. Die Einzigen, die das Patriarchat und das Bild des (westlichen!) Mannes als Verhinderer der Frauen künstlich am Leben halten, sind Journalisten – und ich, weil ich dagegen anschreibe. Wenn ich also ganz grosses Glück habe, finde ich für meine nächste Kolumne morgen im Spiegel die Schlagzeile: «Wie Männer mit ihren Wadenmuskeln das Patriarchat im Familienalbum sichern.»

