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INTERVIEW

«Man kann keine Gesetze gegen die Sonne machen»

Der Astrophysiker Willie Soon erforscht seit Jahrzehnten den Einfluss der Sonne auf das Klima. Im Gespräch mit der Weltwoche erklärt er, warum er CO2 nicht als klimatischen Steuerungsfaktor betrachtet, wie politische und finanzielle Strukturen wissenschaftliche Erkenntnisse prägen und weshalb er trotz Anfeindungen weiterforscht.
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Willie Wei-Hock Soon, geboren im malaysischen Kangar, ist ein Astrophysiker, der vor allem durch seine kontroversen Ansichten zum Klimawandel bekannt wurde. Nach einem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik an der University of Southern California, das er 1991 mit einer Promotion abschloss, arbeitete Soon viele Jahre am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge, Massachusetts. Seine Forschung konzentrierte sich ursprünglich auf Sonnen- und Sternphysik, insbesondere auf die Aktivitätszyklen der Sonne und deren mögliche Auswirkungen auf das Klima der Erde. Er ist jetzt vor allem dadurch bekannt, dass er die Rolle der Sonne als entscheidenden Klimatreiber betont und den Einfluss menschlicher Treibhausgasemissionen auf die globale Erwärmung als überschätzt bezeichnet. Diese Haltung setzte ihn in direkten Gegensatz zum allgemein angenommenen wissenschaftlichen Konsens über den menschengemachten Klimawandel.

«Temperatur- und Strömungsmuster der letzten 150 Jahre stimmen weit besser mit Schwankungen der Sonnenaktivität überein.»

Soon gilt als eine der zentralen Figuren der «Klimaskeptiker»-Bewegung. Befürworter sehen in ihm einen Wissenschaftler, der gegen den Mainstream denkt und auf die Komplexität natürlicher Klimafaktoren hinweist. Seine Gegner hingegen betrachten ihn als Beispiel für den Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf die Klimadebatte und für den Missbrauch wissenschaftlicher Autorität zur politischen Argumentation. So steht Soon sinnbildlich für die Spannungen zwischen wissenschaftlicher Freiheit und den wirtschaftlichen und politischen Kräften, die die Klimadiskussion bis heute prägen.

 

Weltwoche: Herr Professor Soon, Sie behaupten seit Jahren, dass sich das Erdklima natürlich verändert und dass CO2 nicht der Haupttreiber ist. Was ist der Kern Ihres Arguments?

Willie Soon: Das Klima der Erde war schon immer einem ständigen Wandel unterworfen. Verschiebungen von Land- und Meeresflächen, tektonische Kräfte – und vor allem die Sonne – bestimmen seine Dynamik. Die Sonne liefert 99,99 Prozent der Energie, die Wetter und Klima antreibt. Ohne sie gäbe es keinen Wind, keine Meeresströmungen, keine Fotosynthese. Gemeinsam mit zwei Kollegen habe ich gezeigt, dass die besten empirischen Daten die Hypothese einer vom Menschen verursachten CO2-Erwärmung nicht stichhaltig belegen. Natürliche Faktoren und solare Variabilität spielen eine weit grössere Rolle.

 

Weltwoche: Aber ist die Sonne nicht eine Art «konstanter Lichtschalter»?

Soon: Wer das behauptet, ignoriert die Messungen. Die Strahlung der Sonne schwankt – besonders im UV- und Röntgenbereich. Diese Variationen beeinflussen die Atmosphäre, Luft- und Meeresströmungen sowie langfristige Klimamuster.

 

Weltwoche: Warum halten Sie die Fixierung auf CO2 für falsch?

Soon: Die CO2-Panik basiert nicht auf solider Wissenschaft. Temperatur- und Strömungsmuster der letzten 150 Jahre stimmen weit besser mit Schwankungen der Sonnenaktivität überein. Wo es ein CO2-Signal gibt, liegt es nach meiner Analyse unter der Nachweisgrenze. CO2 wird deshalb zu Unrecht als «Klimagift» verteufelt, obwohl es die Fotosynthese antreibt, die Wassernutzung von Pflanzen verbessert und messbare Begrünung bewirkt hat – sogar in trockenen Regionen. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Erde deutlich grüner geworden, auch an Wüstenrändern. Umgekehrt führten niedrige CO2-Werte in Eiszeiten zu kargen Bedingungen. Der aktuelle Anteil von CO2 in der Atmosphäre beträgt 0,043 Prozent – keineswegs gefährlich, möglicherweise sogar suboptimal für eine gedeihende Biosphäre.

 

Weltwoche: Was bestimmt die Konzentrationswerte?

Soon: Seit den 1940er Jahren weiss man, dass Schwankungen der Sonnenaktivität und der Erdbahnkonfiguration die Eis- und Warmzeiten der letzten 2,5 Millionen Jahre beeinflussten. Satellitendaten zeigen, dass die Sonne keine stabile Strahlungsquelle ist. Diese Energieschwankungen können sogar biologische Prozesse – vielleicht genetische Mutationen – beeinflussen. Ähnliches lässt sich auch bei anderen sonnenähnlichen Sternen beobachten.

 

Weltwoche: Sie verweisen oft auf das Maunder-Minimum. Was lehrt uns das?

Soon: Es war eine Phase extrem geringer Sonnenaktivität, etwa von 1645 bis 1715. In dieser Zeit gab es fast keine Sonnenflecken – die Sonne war ungewöhnlich ruhig. Diese Phase fiel mit der Kleinen Eiszeit zusammen: Gletscher wuchsen, die Themse fror, Chroniken berichten von grosser Kälte. Das weist auf eine Kopplung zwischen Sonnenaktivität und Klima hin. Wir verstehen die magnetischen Zyklen der Sonne – etwa den elfjährigen Zyklus und die Übergänge in Ruhephasen – noch nicht vollständig, aber die beobachteten Zusammenhänge sind robust und global.

 

Weltwoche: Wenn die Sonne so wichtig ist, warum dominiert dann das CO2-Narrativ?

Soon: Weil man keine Gesetze gegen die Sonne machen kann – aber gegen CO2 schon. Das führt zu Steuern, Regulierungen und Eingriffen in die Energiepolitik. Seit den 1980er Jahren ist daraus ein komplexes Geflecht aus Subventionen, Bürokratien und Aktivistennetzwerken entstanden. Politik verlangt einfache Botschaften, Medien wollen Drama – und viele Wissenschaftler passen sich an. Der Atmosphärenphysiker Richard Lindzen nannte das den «Eisernen Dreieckseffekt»: Politik finanziert, Wissenschaft liefert, Medien verstärken.

 

Weltwoche: Ergeben sich daraus bestimmte Tendenzen?

Soon: Leider haben viele wissenschaftliche Institutionen in den letzten Jahrzehnten eine alarmistische Einheitsmeinung angenommen. Kritiker werden ausgegrenzt. Klimapolitik dient zunehmend ökonomischen und ideologischen Zielen, nicht der objektiven Forschung. Ein positives Zeichen immerhin gibt es aber: Bill Gates hat jüngst eingesehen, dass man das Klima nicht durch die Regulierung von CO2 steuern kann. Stattdessen will er sich nun auf Anpassung konzentrieren – darauf, menschliches Leid durch extreme Kälte oder Hitze zu mindern. Das ist eine begrüssenswerte Entwicklung.

 

Weltwoche: Seit der Industrialisierung steigen CO2 und Temperatur parallel.

Soon: Korrelation bedeutet nicht Kausalität – und übrigens ist die Korrelation gar nicht so stark. Trotz massiven Emissionssenkungen etwa in den USA oder Grossbritannien steigen die CO2-Konzentrationen weiter. Das zeigt, wie wichtig natürliche Rückkopplungen sind. Auch wenn CO2 etwas beiträgt, dominiert es nicht.

 

Weltwoche: Wurde das während des Covid-Lockdowns bestätigt?

Soon: Ja. Denn trotz einem weltweiten Rückgang der Emissionen stieg die CO2-Konzentration weiter. Das beweist: Der Mensch emittiert zwar, doch der Nettoeffekt wird von riesigen Austauschen zwischen Ozeanen, Biosphäre und Atmosphäre überlagert. CO2 ist kein Klimathermostat.

 

Weltwoche: Sie nennen den IPCC «selektiv». Wie meinen Sie das?

Soon: Von der grossen Bandbreite wissenschaftlicher Studien werden nur bestimmte Modelle bevorzugt, andere marginalisiert. Das erzeugt den Eindruck von Gewissheit, wo Unsicherheit herrscht. Wissenschaftliche Integrität verlangt das Offenlegen von Unsicherheiten und das Testen konkurrierender Hypothesen. Stattdessen erhalten wir politische Berichte mit wissenschaftlicher Maske.

 

Weltwoche: Warum stützen viele Medien und Akademiker dennoch die CO2-These?

Soon: Weil sie politisch nützlich ist. Autorität ersetzt keine Beweise. Wissenschaftliche Wahrheit entsteht nicht durch Abstimmung, sondern durch wiederholbare Beobachtung und Theorie. Beunruhigend ist, dass Regierungen und Organisationen zunehmend die Vorstellung verbreiten, das Klima müsse statisch bleiben.

 

Weltwoche: Engt das den wissenschaftlichen Diskurs ein?

Soon: Ja. Statt Argumenten hört man Anschuldigungen. Universitäten, die kontroverse Sprecher ausladen, lehren Studierende, dass Konsens wichtiger sei als Wahrheit – das ist fatal.

 

Weltwoche: Welche Rolle spielen die Medien?

Soon: Viele Berichte setzen auf Moral und Drama. Unsicherheit verkauft sich schlecht, Nuancen noch schlechter. So entsteht eine Medienphysik des «globalen Siedens», die mit Messungen wenig zu tun hat.

 

Weltwoche: Wie beurteilen Sie Klimamodelle?

Soon: Modelle sind nützlich, aber sie enthalten viele Annahmen – etwa zu Wolken, Aerosolen oder Turbulenzen. Das Anpassen an historische Daten verbessert nicht automatisch die Prognose. Modelle müssen an Beobachtungen getestet werden.

 

Weltwoche: Dazu gehört wohl auch die Ozeanversauerung?

Soon: Die Meere sind im Schnitt basisch, mit einem pH-Wert um 8,2. Lokale Schwankungen sind normal. Oft wird das Thema dramatisiert, wenn Temperaturtrends nicht bedrohlich genug sind. Statt Parolen braucht es solide, langfristige Messungen.

 

Weltwoche: Wie gefährlich ist aus Ihrer Sicht der Meeresspiegelanstieg?

Soon: Zuverlässige Pegelmessungen zeigen ein bis zwei Millimeter pro Jahr, ohne Beschleunigung. Das sind wenige Zentimeter pro Jahrhundert. Wer nicht einige Zentimeter zurückweichen kann, hat kein Klimaproblem, sondern ein Planungsproblem.

 

Weltwoche: Wie definieren Sie «Klima»?

Soon: Es gibt bis heute keine präzise Definition. Klima ist mehr als der Durchschnitt des Wetters – es ist ein dynamisches System aus Energieflüssen, Wolken, Albedo, Feuchtigkeit, Ozean-Atmosphären-Kopplung, Landnutzung und Aerosolen. Diese Komplexität wird in der öffentlichen Debatte kaum anerkannt.

 

Weltwoche: Was ist mit dem urbanen Wärmeeffekt?›››

Soon: Er verfälscht viele Messungen. In Städten steigen die Temperaturen systematisch. Wenn man nur ländliche Stationen betrachtet, zeigen sich andere Trends. Viele globale Datensätze sind dadurch verzerrt. Neue Studien von uns und anderen belegen das für die USA, Japan und weitere Regionen.

 

Weltwoche: Kritiker werfen Ihnen vor, von der Ölindustrie finanziert zu werden.

Soon: Das ist falsch. Ich habe alle Quellen offengelegt. Zu Beginn kam meine Forschung hauptsächlich aus staatlicher Förderung – Nasa, Air Force, NSF. Als wir unbequeme Fragen stellten, versiegten diese Mittel. Danach suchten wir Unterstützung bei privaten Stiftungen, darunter auch solche mit Verbindungen zur Energiebranche – von erneuerbaren bis zu fossilen Energien. Niemand verlangte jemals, dass ich Ergebnisse anpasse. Heute wird meine Forschung ausschliesslich durch freiwillige Spenden an unsere unabhängige Gruppe Ceres-Science finanziert.

 

Weltwoche: Ihre Gegner sagen, Sie hätten Geldquellen verschleiert.

Soon: Auch das ist falsch. Diese Kampagne stammt von einem ehemaligen Greenpeace-Mitarbeiter, Roland «Kert» Davies, der 2015 einen falschen Bericht veröffentlichte. Mehrere Zeitungen übernahmen seine Behauptungen ungeprüft. Wie Jonathan Swift schon vor 300 Jahren schrieb: «Die Lüge fliegt, und die Wahrheit hinkt hinterher.» Entscheidend ist am Ende die Qualität der Arbeit, nicht die Moral der Banknoten.

 

Weltwoche: Wo sollte die Klimaforschung Ihrer Meinung nach die Prioritäten setzen?

Soon: Objektive Klimaforschung müsste sich auf langfristige, sauber kalibrierte Messungen konzentrieren – vor allem in ländlichen Regionen. Zudem braucht sie offene Daten und Codes, damit Ergebnisse nachvollziehbar und reproduzierbar sind. Wichtig sind auch gezielte Experimente zur Stratosphäre, zur Wolkenbildung und zur Strahlungsbilanz. Schliesslich müssten Hypothesen ehrlich gegeneinander getestet werden, statt nur bevorzugte Modelle zu bestätigen.

 

Weltwoche: Was empfehlen Sie der Politik?

Soon: Realismus und Resilienz. Keine zentralistischen Experimente, die Wohlstand gefährden. Stattdessen: Infrastruktur anpassen, Hochwasserschutz stärken, Offenheit für Technologien, Forschung ohne vorgegebenes Ergebnis. Wer Risiken wirklich verringern will, investiert in robuste Systeme – nicht in symbolische CO2-Rituale.

 

Weltwoche: Wie beurteilen Sie den Umgang mit Modellen und KI?

Soon: Modelle können hilfreich sein, aber viele Wissenschaftler verwechseln sie mit der Realität. Mit dem Aufkommen von KI wird diese Tendenz noch stärker. Wir brauchen Forscher, die wieder die wirkliche Welt untersuchen – nicht nur die virtuelle. Der Physik-Nobelpreisträger John Clauser sagte dazu einmal treffend: «Theoretiker sprechen miteinander, Experimentalphysiker sprechen direkt mit Gott.» Es braucht Replikationsstudien. Sie überprüfen veröffentlichte Ergebnisse, indem sie sie wiederholen – mit denselben Experimenten, Datenauswertungen oder Methoden. Beides stärkt die wissenschaftliche Verlässlichkeit.

 

Weltwoche: Welche Rolle spielt die Ethik?

Soon: Wahre Ethik bedeutet Ehrlichkeit über Unsicherheiten – und ein aufrichtiges Abwägen von Nutzen, Kosten und Nebenwirkungen. Das Vorsorgeprinzip ist sinnvoll bei wahrscheinlichen, umkehrbaren Risiken – nicht aber als Freibrief für dirigistische Grossprojekte.

 

Weltwoche: Wie gehen Sie mit Anfeindungen um?

Soon: Indem ich publiziere, Daten teile und Kritik wissenschaftlich beantworte. Verleumdung beeindruckt mich nicht. Wissenschaft ist ein Langstreckenlauf.

 

Weltwoche: Was wünschen Sie sich von Politik und von Medien?

Soon: Von den Medien wünsche ich mir Differenzierung statt Alarmismus. Von der Politik erwarte ich Forschungsfreiheit, Resilienz, Technologiefreundlichkeit und Investitionen in Infrastruktur. Vor allem aber: Demut vor der Komplexität der Natur. Denn man kann, wie gesagt, keine Gesetze gegen die Sonne machen – man kann sie nur besser verstehen und Entscheidungen treffen, die realistisch, klug und menschlich sind.

«Von der Politik erwarte ich vor allem Demut vor der Komplexität der Natur»:

Diese schematische Darstellung des globalen Energiekreislaufs durch W. Soon wurde so zitiert in einem Artikel über Klimawissenschaften von Michael Limburg in Weltwoche Grün Nr. 1/25. In dieser Darstellung betrifft nur einer von 18 globalen Energieprozessen das Spurengas CO2 (rot), die übrigen sind mit Wasserdampf verbunden (blau).

 

Willie Soon, 60, promovierte 1991 an der University of Southern California und forschte anschliessend am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics. Seit fast vier Jahrzehnten untersucht er die Aktivitätszyklen der Sonne. Aus dieser Arbeit entstand ein Datensatz, der zeigt: Die Sonne ist kein stabiler Motor, sondern ein veränderlicher Stern – mit messbaren Folgen für das Klima der Erde.

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