Lima
Europa war beim «Global Climate Leader Summit» zur Eröffnung der Weltklimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém mit den Staatschefs Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer prominent vertreten. Das war es dann auch schon. Ausser Gastgeber Luiz Inácio Lula da Silva liessen sich keine wirklich einflussreichen «World Leader» sehen, sofern man die Cheffunktionäre von EU und der Uno nicht dieser Kategorie zuordnet. Vor allem fehlten die Entscheidungsträger aus China, Indien, den USA und Russland, also jenen Ländern, die am meisten Kohlendioxid zu verantworten haben.
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Urwald-Autobahn fürs Klima
Auch Österreichs grüner Bundespräsident Alexander Van der Bellen fehlte. Nicht, dass man ihn vermisst hätte, aber die offizielle Begründung für seine Absage erscheint erwähnenswert: zu teuer. Tatsächlich gab das Drumherum in Belém bereits im Vorfeld mehr zu reden als der eigentliche Anlass. Die Hotels verlangten für ein simples Zimmer tausend Dollar und mehr pro Nacht, auf Airbnb und Booking variierten die Preise für eine zehntägige Miete zwischen 30.000 und 100.000 Dollar. Das ist mehr als viele Brasilianer in zehn Jahren verdienen.
Die Regierung Lula da Silva hatte zwei Luxus-Kreuzfahrtschiffe aus Italien angeheuert – die «Seaview» und die «Costa Diadema», die zwanzig Kilometer vom Tagungsort entfernt an einem speziell errichteten Quai vor Anker gingen und 6000 Gäste beherbergten. Nur schon während der elftägigen Überfahrt verbrannten die Kähne mindestens 4000 Tonnen Schweröl, was schlecht zu einer Klimakonferenz passt. Dasselbe lässt sich von den beiden Privatjachten sagen, in denen Lula da Silva mit seiner Entourage residierte. Oder von den 160 Klimaanlagen, die im Konferenzgelände eingerichtet wurden, um den Aufenthalt in den Tropen einigermassen erträglich zu gestalten. Das überlastete lokale Stromnetz musste mit Dieselaggregaten ergänzt werden.
Für Diskussionen sorgte sodann eine (schon lange geplante, aber bislang nie verwirklichte) vierzehn Kilometer lange Autobahn mit dem schönen Namen «Avenida Libertade», die die lokale Regierung rechtzeitig zur Weltklimakonferenz in den Tropenwald geschlagen hatte. Oder die Verdoppelung der Kapazität des internationalen Flughafens von Belém von sieben auf vierzehn Millionen Passagieren pro Jahr. Insgesamt investierte Brasilien 740 Millionen Dollar in den Anlass. 56 118 akkreditierte Gäste (plus Anhang) sollten diese Ausgaben mehr als wettmachen. Ein Teil der Infrastruktur wird zudem bleiben. Klimakonferenzen sind ein einträgliches Geschäft.
Brasilien steigert Erdölförderung
All diese Umweltsünden mögen lässlich erscheinen, wenn man sie in Rechnung stellt mit den Mega- und Gigatonnen an CO2-Emissionen, die durch die über die vergangenen drei Jahrzehnte angekündigten Massnahmen eingespart werden sollten. Nur ist davon wenig zu spüren. An der Weltklimakonferenz in Paris wurde vor zehn Jahren beschlossen, dass der CO2-Ausstoss bis ins Jahr 2030 um 45 Prozent gesenkt wird. Die EU will bis ins Jahr 2050 klimaneutral werden, Musterknabe Deutschland bereits fünf Jahre früher. Doch die real existierende Welt hält sich nicht an die Planwirtschaft. Gemäss Hochrechnungen wird der Kohleverbrauch bis 2030 gegenüber 2015 global um 30 Prozent steigen, jener von Öl um 25 Prozent, beim Gas sind es sogar 40 Prozent.
Allein Gastgeber Brasilien, mittlerweile der grösste Erdölproduzent Südamerikas, hat seine Förderung im letzten Jahr um 18 Prozent gesteigert, auf 3,8 Millionen Barrel pro Tag. Bis 2030 sollen es fünf Millionen Barrel pro Tag werden. Für den sozialistischen Präsidenten Lula da Silva ist das kein Widerspruch. Ein Teil der Gewinne soll schliesslich in den «Klimaschutz» investiert werden. Was Lula unter «Klimaschutz» versteht, hat er im letzten Wahlkampf laut und unmissverständlich erklärt: Die Industrieländer sollen Brasilien für jeden Baum bezahlen, der im Amazonas nicht gefällt oder verbrannt wird. Ein einträgliches Geschäft. Je nach Bedarf definiert sich Brasilien als Industrienation oder auch als Entwicklungsland. Alles eine Frage der Auslegung.
Die Mär von der grünen Lunge
Lula da Silva hat rechtzeitig zur COP30 eine neue Initiative zur Rettung des Urwalds lanciert: TFFF («Tropical Forest Forever Facility»). Reiche Länder sollen demnach 25 Milliarden Dollar als Garantie in einen Fonds einschiessen, der von privaten Financiers mit weiteren hundert Milliarden geäufnet wird. Mit diesem Geld sollen Kredite für «Schwellenländer» zu international marktüblichen Zinsen (4 bis 7,2 Prozent pro Jahr) bereitgestellt werden, wobei Brasilien, Indonesien und Kongo den Vorrang haben. Was an diesem System, das in erster Linie zu einer höheren Staatsverschuldung führt (mit einem hohen Ausfallrisiko für die Geberländer), nachhaltig sein soll, bleibt schleierhaft. Trotzdem hat Deutschland im Rahmen des Gipfels schon mal eine Milliarde zugesagt.
Dass die COP30 in Belém an der Mündung des Amazonas stattfindet, ist kein Zufall. Nachdem alle Bemühungen, den CO2-Ausstoss weltweit wenigstens zu reduzieren, grandios gescheitert sind, verlegen die Klimaaktivisten den Fokus zusehends auf den Schutz der Tropenwälder. Doch mit dem Klimawandel haben diese höchstens ganz am Rand zu tun. Wälder sind keine grünen Lungen, als die sie oft kolportiert werden, sie haben kaum Einfluss auf den CO2-Haushalt.
Es gibt viele gute Gründe, Urwälder zu bewahren und vor dem Raubbau zu schützen. Doch das Klima gehört nicht dazu, völlig unbesehen davon, ob man an die menschengemachte Klimakatastrophe glaubt oder nicht. Dahinter steht keine Theorie, sondern biologisches Basiswissen: Wälder sind grundsätzlich CO2-neutral – wenn sie wachsen, absorbieren Bäume Kohlendioxid, wenn sie verbrennen oder verrotten (chemisch ist es dasselbe), geben sie dieses wieder frei. Wollte man den CO2-Ausstoss unserer Zivilisation kompensieren, müsste jeder Mensch jeden Tag einen Baum pflanzen; und auch das hätte langfristig nur einen Effekt, wenn die Bäume nie verrotten würden.
Mit 3805 Delegierten stellte Brasilien die grösste Delegation an der COP30 in Belém, gefolgt von China (789) und Nigeria (749). Nun ist es schon rein technisch unmöglich, Zehntausende von Gesandten aus weltweit 195 Ländern und über 2000 NGOs (Nichtregierungsorganisationen) an einen Tisch zu setzen, geschweige denn, zu einem Konsens zu bewegen. Das Problem wird gelöst, indem man die Delegationen in zahllose Arbeitsgruppen und Untergruppen aufteilt, deren Mitglieder über das ganze Jahr zur Rettung des Klimas um den Erdball jetten und um einen Konsens ringen. Und wenn sie das nicht schaffen, gründen sie zum spezifischen Streitpunkt eine neue Untergruppe.
Die Uno ist keine Weltregierung. Ihre Proklamationen haben lediglich den Charakter von Empfehlungen, die die einzelnen Länder allenfalls für sich als verbindlich erklären. Die Klimaziele, zu denen sich einzelne Länder im Rahmen des Pariser Abkommens verpflichtet haben, sind selbstauferlegt. Es obliegt jedem Land, jährlich einen Bericht über die Einhaltung der Ziele abzulegen. 79 der weltweit 195 Länder sind dieses Jahr dieser Verpflichtung nachgekommen.
2014 beobachtete der Schreibende während einer Woche die Weltklimakonferenz COP20 in Lima, wo das grosse Pariser Abkommen vorbereitet wurde. 10 000 Delegierte waren es damals offiziell, fünfmal weniger als heuer in Belém, mit Anhang geschätzte 15 000. Das eigentliche Konferenzgelände im Lima war für 2000 bis 3000 Besucher ausgelegt. Nie herrschte Gedränge. Dafür freuten sich die Bars, Restaurants und Malls in den besseren Vierteln von Lima über den Ansturm von Klimareisenden. Die touristischen Destinationen Perus – Machu Picchu, Cusco, die Nazca-Linien – waren restlos ausgebucht. Man darf vermuten, dass es in Belém nicht anders war.
Indianer mit Palästinenserflaggen
Wie in Lima kam es auch in Belém zu diversen Demonstrationen und Aktionen im Umfeld der Weltklimakonferenz. Der spanische Konzeptkünstler Josep Piñol Curto kündigte eine monumentale Skulptur zum Gedenken an die COP30 in Belém an, die er allerdings in einer Protestaktion gegen das Greenwashing cancelte (womit er 57.765 Tonnen CO2 einsparte, die er in Carbon Credits umwandelte). Am 14. November stürmte eine Horde von angeblichen Indios – eine brasilianische Reporterkollegin vor Ort schrieb von «als Indianer verkleideten Aktivisten mit Palästinafahnen» – das Kongressgelände. Vier Ordnungshüter der Uno, die extra aus New York angereist waren, wurden dabei verletzt, was zu einer kleinen diplomatischen Krise führte.
Die Teilnehmer einigen sich beim Klimagipfel in Peru 2014 auf einen Kompromiss zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen, wobei die Details noch ausgehandelt werden müssten. Beim Klimagipfel in Belém 2025 einigten sie sich auf einen Kompromiss zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen, wobei die Details noch ausgehandelt werden müssten.