Schon ab 2030 war klar, dass fast alle europäischen Länder, auch die Schweiz, neue Atomkraftwerke bauen – grosse, kleine, in Serie hergestellte, unterirdische und auf dem Meer schwimmende. Kernkraft ist heute einfach unverzichtbar.
Überall wuchs der politische Widerstand gegen Flatterstrom und insbesondere Windkraftanlagen wegen ihrer Landschaftsbelastung und des Nachweises von Gesundheitsschäden an nahewohnenden Menschen, etwa dem Rotationsaugen- und dem Drehkopfsyndrom. Dadurch wurde der Bau von Windkraftwerken derart verzögert, dass ihre Bauzeit pro Kilowattstunde auf ein Zigfaches von Atomkraftwerken stieg.
Rechnen macht weitsichtig
Die Solar- und Windkraftanlagen verursachten riesige Schwankungen des Strompreises. Weil sie vor allem dann Strom produzierten, wenn er im Überfluss verfügbar und so praktisch wertlos war, gingen ihre Betreiber reihenweise Konkurs. Während die Preisschwankungen über einzelne Tage mit immer günstigeren Batterien gemindert werden konnten, sind die saisonalen Schwankungen dramatischer geworden.
Wegen der tiefen Sommerstrompreise kauften die Konsumenten mehr energieintensive Geräte, die sie auch im Winter betreiben wollten. Zugleich explodierte die Stromnachfrage durch KI und die vielen humanoiden Roboter. Für den Winter brauchte und braucht es deshalb zwingend Atomstrom. Der Widerstand gegen neue Kernkraftwerke ist fast völlig verschwunden. In den Ländern, die noch ohne neue Kernkraft waren, wurde verstanden, dass so im liberalisierten europäischen Strommarkt einfach mehr Strom aus den Kernkraftwerken der anderen Länder importiert wurde, die daran bombig verdienten.
Auch das Endlagerproblem wurde gelöst. Die Abfälle werden nicht endgelagert, sondern in «Abkühlungseinrichtungen» «vorübergehend gepflegt». Das ist viel billiger und sicherer, da die gesamte Pflege der Abfälle durch humanoide Roboter ausgeführt wird.
Bleibt die Frage: Weshalb wurde Kernkraft überhaupt je verteufelt? Heute wird dies auf eine besonders gefährliche Variante von «Denkblasen» (dazu mein letzter Brief) zurückgeführt, jene der «Moralblasen». Moralblasen sind eine raffinierte Art von Schuldenwirtschaft. Mit Staatsschulden können Regierungen Geld zugunsten ihrer Klientel auf Kosten zukünftiger Generationen von Steuerzahlern ausgeben. Mit Moralblasen beschlossen Regierungen wohlklingende Langfristziele wie den Atomausstieg. Dessen Hauptkosten fielen absehbar erst in einigen Jahrzehnten an und belasteten so zukünftige Generationen. Das gute Gefühl hingegen, moralisch richtig zu handeln, fiel sofort bei der Zieldeklaration an, und ebenfalls sofort konnte die Regierung beginnen, Subventionen an gutorganisierte Gruppen auszuschütten.
Moralblasen drohen vor allem in Demokratien. Denn der einzelne Wähler hat einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Gesamtentscheidung und deshalb keine wirksamen Anreize, alle Vor- und Nachteile der Entscheidung ernsthaft abzuwägen. Vielmehr können moralische Aspekte sein Wahl- und Abstimmungsverhalten dominieren, sobald ihm das «richtige Verhalten» sofortige Befriedigung bringt. Deshalb wurde mittlerweile eine Regel gegen Moralblasen eingeführt: In Parlaments- und Volksentscheiden darf nur noch über langfristige Ziele mit einem Finanzierungsplan entschieden werden. Dieser muss eine Schätzung der langfristigen Kosten und einen Sparplan zur Äufnung eines Sonderfonds beinhalten, aus dem dann die zukünftigen Kosten bezahlt werden können. Seit der Einführung dieser Regel wurden keine langfristigen Ziele mehr beschlossen.
Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Fribourg und Forschungsdirektor von CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts.